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Göttingen Nach fünf Jahren: Kirchturm von St. Jacobi in Göttingen ist saniert
Die Region Göttingen Nach fünf Jahren: Kirchturm von St. Jacobi in Göttingen ist saniert
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19:24 15.09.2014
Von Jörn Barke
Foto: Göttinger Wahrzeichen: Blick auf den Jacobi-Kirchturm nach der umfangreichen Sanierung.
Göttinger Wahrzeichen: Blick auf den Jacobi-Kirchturm nach der umfangreichen Sanierung. Quelle: Hinznmann
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Göttingen

Bevor die eigentlichen Arbeiten  anfangen konnten, mussten erst einmal 125 Tonnen Gerüst aufgebaut werden. Bis zur obersten Spitze in 72 Meter Höhe verschwand das mittelalterliche Bauwerk hinter einem Gewirr aus Stangen. Die Gerüstbauer hatten von oben einen atemberaubenden Blick auf die Stadt – und mussten beim Aufbau gut auf ihre Schritte achten.

Fünf Jahre lang arbeiteten die Handwerker am Turm. Nach den Gerüstbauern kamen unter anderem die Steinmetzen, Zimmerleute, Tischler und Dachdecker. Sie setzten dem Turm ein neues Kupferdach auf, besserten das kunstvolle Balkenkonstrukt darunter aus, schufen neue Steinlilien für das Maßwerk der Turmfenster und erneuerten die Schallluken, durch die der Klang der Glocken nach draußen in die Stadt dringt. Fünf Jahre lang beseitigten die Handwerker eine Vielzahl von Schäden, die Restauratoren zuvor minutiös aufgenommen hatten. Tageblatt-Fotografin Christina Hinzmann hat die Arbeiten in vielen eindrucksvollen Bildern festgehalten. Eine Auswahl davon ist ab Sonntag, 21. September, in einer Ausstellung in der Kirche zu sehen.

Zwei bemerkenswerte Tatsachen

Mit einem Außenfahrstuhl fuhren die Handwerker den Turm hinauf – bis zur Spitze dauerte das fünf Minuten. Eine der auffälligsten Änderungen erfolgte gleich zu Beginn, als ein neues Kupferdach aufgebracht wurde. Mit dem Wechsel wich die Farbe Grün einem hellen Kupferrot. Dies ist mittlerweile schon wieder in Braun übergegangen. Erst nach einem Jahrzehnt, also um 2020 wird wieder grüne Patina auf dem Dach zu sehen sein, richtig grün wird es frühestens wieder 2050 sein.

Zum Ende der Bauarbeiten kann Architekt Heino Ester vom kirchlichen Amt für Bau- und Kunstpflege gleich mit zwei bemerkenswerten Tatsachen aufweisen. Die erste: Die Sanierung wurde um ein Drittel günstiger als zunächst geplant. 6,4 Millionen Euro waren zu Beginn veranschlagt, gerade einmal 4,3 Millionen wurden ausgegeben.

Das liege jedoch nicht daran, dass an der Qualität der Sanierung gespart worden sei, betont Ester. Vielmehr habe Anfangs nur eine Diagnose per Fernglas und aufgrund von Fotografien erstellt werden können. Dabei habe man vorsichtshalber den schlimmsten Fall angenommen und entsprechend kalkuliert. Nach Aufbau des Gerüstes habe zudem eine gründliche Untersuchung erfolgen und ein gutes Konzept erstellt werden können. Die Sanierung wurde zudem innerhalb des vorgesehenen Zeitrahmens abgeschlossen.

Das Schönste an der gesamten Bauzeit

Noch wichtiger ist für Ester jedoch die zweite bemerkenswerte Tatsache: Das Schönste an der gesamten Bauzeit sei für ihn, dass kein Handwerker oder anders Beteiligter bei den Arbeiten zu Schaden gekommen sei. Es habe kein Unglück und keinen Unfall gegeben. Das sei „bei solch unwirtlichen Arbeitsbedingungen keine Selbstverständlichkeit“. Wer je bei etwas niedrigeren Temperaturen und auch nur bei halbwegs frischem Wind oben auf dem Gerüst gestanden hat, weiß, was gemeint ist.

Den Löwenanteil der Sanierungkosten hat die hannoversche Landeskirche getragen. Sie stellte 3,7 Millionen Euro bereit. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz steuerte 360 000 Euro bei, die Klosterkammer 100 000 Euro und die Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler 75 000 Euro. Die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde St. Jacobi selbst war immerhin mit 50 000 Euro beteiligt, ebenso wie der Kirchenkreis Göttingen.

© Hinzmann

Höchstes Gebäude der Innenstadt

Die Jacobikirche in Göttingen wurde von 1361 bis 1433 als gotische Hallenkirche errichtet. Sie wurde als Ersatz für eine nicht mehr ausreichende, etwa 150 Jahre alte romanische Vorgängerkapelle gebaut.

Ein Prunkstück der Kirche ist der reich ausgestattete Flügelaltar von 1402. Der im Wesentlichen von 1426 bis 1433 erbaute 72 Meter hohe Turm ist das höchste Bauwerk der Innenstadt und prägt das Göttinger Altstadt-Panorama. 1555 richtete ein Brand nach einem Blitzschlag schwere Schäden an.

Noch im 16. Jahrhundert wurde der Turm wieder aufgebaut. Nach einem weiteren Brand 1642 baute man 1696 einen seinerzeit als behelfsmäßig angesehenen Fachwerkaufbau an, den seine Barockhaube auszeichnet.

Ausstellung mit 100 Bildern

Göttingen. Das Festprogramm zum Abschluss der Turmsanierung beginnt am Freitag, 19. September, um 18 Uhr mit einem Orgelkonzert in St. Jacobi, bei dem Pierre Pincemaille (Paris) spielt, der als einer der weltbesten Meister der Improvisation angekündigt wird.

Am Sonnabend, 20. September, ist um 11 Uhr eine Turmbläsermusik vorgesehen und um 11.30 Uhr ein Glockenspiel vom Turm und ein Platzkonzert des Posaunenchors von St. Johannis und der Glockenspieler. Dabei soll auch eine neue Glocke im Glockenspiel erklingen. Um 14.30, 16,30 und 18.30 Uhr sind Glockenführungen vorgesehen.

Ein Festgottesdienst mit der Jacobi-Kantorei wird am Sonntag, 21. September, um 10 Uhr gefeiert. Im Gottesdienst wird die Foto-Ausstellung zur Turmsanierung mit Bildern von Tageblatt-Fotografin Christina Hinzmann eröffnet. Hinzmanns Fotos werden ergänzt durch Vorher-Nachher-Bilder von anderen Fotografen. Zu sehen sind in der Kirche rund 100 Bilder.

Die Ausstellung mit dem Titel „Was von unten nicht zu sehen war“ ist bis Sonntag, 9. November, zu den Öffnungszeiten der Kirche zu besichtigen: montags bis donnerstags von 11 bis 15, freitags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr.

Buch zum Turmbau

Göttingen. Passend zum Abschluss der Sanierung des Jacobi-Kirchturms ist ein Buch erschienen, das Einblicke in die Entstehungsgeschichte des Turmes gibt. Der Historiker Dr. Josef Dolle hat das mittelalterliche Rechnungs- und Kopialbuch der Kirche ediert. Bei der bedeutenden Quelle handelt es sich um ein Buch zum Bau des Jacobi-Kirchturms, das Abschriften von Urkunden aus dem Spätmittelalter enthält. Außerdem finden sich darin Notizen zu besonderen Ereignissen der Zeit wie dem Turmbrand 1555.

Die Eintragungen in dem Werk, das erst später zu einem Buch zusammengebunden wurde, geben einen Einblick in einen Zeitraum von fast 200 Jahren, nämlich vom Anfang des 15. bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts. Der Turm wurde von 1426 bis 1433 gebaut.

Im Turmbuch finden sich Informationen über Stiftungen und Testamente zugunsten des Baus, Rechnungen und Verträge. Daraus ergeben sich Informationen über die Organisation des Turmbaus, die damaligen Löhne und die Preise für Arbeitsmaterialien – bis hin zum Badegeld für die Bauarbeiter und zum Schmierfett für die Steinkarre.

Weitere Aufzeichnungen dokumentieren unter anderem die Einstellung eines Organisten, die Anschaffung von Messgewändern, die Anfertigung eines Uhrwerks oder den Immobilienbesitz der Kirchengemeinde. Dolle hat die schwer lesbare Handschrift nun für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Es handele sich bei dem Rechnungs- und Kopialbuch „nicht nur um eine für Göttingen, sondern für weite Räume Nord- und Mitteldeutschlands einzigartige Quelle“, schreibt Prof. Arnd Reitemeier, Leiter des Instituts für Historische Landesforschung der Universität Göttingen, in seinem Vorwort.

Diese Quelle erlaube im Blick auf St. Jacobi und die Stadt Göttingen grundlegende Forschungen zur Bau-, Architektur- und Wirtschaftsgeschichte. Es könne nun im Detail gezeigt werden, „aus welchen Quellen sich die Finanzströme speisten, welchen ökonomischen Kraftakt der Bau für die Gemeinde darstellte und von welch langfristiger Bedeutung die notwendigen  Finanzgeschäfte waren“. Mit der Edition mache die Gemeinde sich selbst ein Geschenk zum Abschluss der aufwendigen Turmsanierung so Reitemeier weiter. Das Buch schlage eine Brücke zwischen dem Bau des Turms und seiner Wiederherstellung 2014.

„Wer in den letzten Jahren die Restaurierungsarbeiten verfolgen konnte, weiß nicht nur die Arbeiten der mittelalterlichen Baumeister und Handwerker zu würdigen, sondern auch die Leistung der Restauratoren und Handwerker heute“, ergänzt Jacobi-Pastor Harald Storz in seinem Geleitwort zum Buch. Eine Untersuchung habe ergeben, dass etwa 70 Prozent der Steine noch aus der Bauzeit des Turmes stammten.

Dolle liefert in seiner 20-seitigen Einführung grundlegende Informationen zur Handschrift und zur Finanzierung des Turmbaus. Den Hauptteil des Buches macht dann mit 120 Seiten die Transkription der Quelle aus.

Josef Dolle (Bearb.): Das Rechnungs- und Kopialbuch der Kirche St. Jacobi in Göttingen 1416-1603. Einführung und Edition, Verlag für Regionalgeschichte, 180 Seiten, geb., 24 Euro.