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Göttingen Mehr Spenden, aber zu wenig Helfer: Tafeln brauchen mehr Unterstützung
Die Region Göttingen Mehr Spenden, aber zu wenig Helfer: Tafeln brauchen mehr Unterstützung
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17:21 26.10.2019
Regelmäßig holen Helfer der Göttinger Tafel Lebensmittel in Geschäften ab und verteilen sie an Bedürftige. Aber es fehlt ehrenamtlicher Nachwuchs. Quelle: Christina Hinzmann
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Göttingen

„Ihre Arbeit ist für viele überlebenswichtig und ein wichtiger Baustein, Armut zu bekämpfen.“ Mit diesen Worten hat Göttingens Sozialdezernentin Petra Broistedt am Sonnabend das Engagement der Tafeln in Göttingen und ganz Niedersachsen gewürdigt. Zum 2. Mal haben sich in der Uni-Stadt Delegierte der 106 Tafeln in Niedersachsen und Bremen getroffene. Ihre akut größte Sorge: Nachwuchs bei den ehrenamtlichen Helfern. Ihre aktuelle Forderung: mehr Unterstützung von Politik und Staat im Bereich Logistik.

Diese Geschichte irritierte nicht nur Tafel-Förderer bundesweit: „Wir haben vor gar nicht langer Zeit von einer Molkerei eine sehr große Menge Joghurt bekommen“, berichtet der Landesvorsitzende der Tafeln in Niedersachsen, Manfred Abs. Und: „Wir mussten sie ablehnen, weil wir keine großen Kühllager haben.“ Diese Situation gebe es immer öfter, denn die Spendenbereitschaft nehme zu – vor allem bei Großlieferanten, ergänzt die Geschäftsführerin des Bundesverbandes der Tafeln, Evelin Schulz.

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Vor diesem Hintergrund forderten die Tafel-Delegierten am Sonnabend erneut eine bessere Logistik – und dafür Hilfe vom Staat. „Vielleicht auch Gesetze wie in Frankreich, die Unternehmer zwingen, weniger Lebensmittel für den Müll zu produzieren beziehungsweise diese mit einer passenden Logistik weiter zu geben“, so Abs.

13 Millionen Deutsche leben in Armut

Denn die Zahlen sind alarmierend: Mehr als 13 Millionen Menschen in Deutschland leben nach Angaben der Bundesregierung in Armut oder an der Armutsgrenze. Zugleich landen bundesweit pro Jahr etwa neun Millionen Tonnen essbarer Lebensmittel im Müll. In diesem Spannungsfeld sind die Tafeln unterwegs. Sie sammeln in Geschäften, Restaurants und anderen Einrichtungen überschüssige Lebensmittel ein und geben sie an Bedürftige weiter.

Der Geschäftsführer der Tafel Göttingen, Moritz Wiethaup, die Geschäftsführerin des Bundesverbandes, Evelin Schulz, und der Vorsitzende des Landesverbandes Nds./Bremen, Manfred Jabs (v.l.) Quelle: Ulrich Schubert

 

1,5 Millionen Kunden haben die Tafeln in ganz Deutschland so im vergangenen Jahr durchschnittlich versorgt. In diesem Jahr ist die Zahl auf etwa 1,65 registrierte Nutzer gestiegen. Die Göttinger Tafel hat nach Angaben ihres Geschäftsführers Moritz Wiethaup etwa 950 Kunden aus 600 Haushalten. Ähnliche viele seien es nach einer Spitze in 2015 in den vergangenen Jahren gewesen. Ausgegeben werden die Lebensmittel an fünf Standorten in der Göttinger Innenstadt, auf dem Holtenser Berg, in Grone, Geismar und in Bovenden.

60 000 Helfer bundesweit – 160 in Göttingen

Die Tafelidee steht zu 90 Prozent auf ehrenamtlichen Füßen. Bundesweit leisten mehr als 60 000 Helfer pro Jahr etwa 20,4 Millionen Stunden. Die Göttinger Tafel wird von etwa 160 Ehrenamtlichen unterstützt – darunter 90 echte Mitglieder. Der Haken: Immer weniger haben die Zeit und sind bereit, sich die ganze Woche über und täglich einzubringen, sagt Schulz. Das gelte besonders für jüngere. Auch deshalb sei die Nachwuchsgewinnung 25 Jahre nach Gründung der ersten Tafeln zurzeit das größte Problem.

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Mit Ausnahmen: Manche Städte wie Göttingen, Oldenburg und Nordenham schaffen es, Nachwuchs zu gewinnen, so Wiethaup. In Göttingen habe sich eine sehr aktive Tafel-Jugend etabliert. Solche Modelle sollen jetzt auch landesweit umgesetzt werden. Während ihrer Tagung haben die Delegierten die Jugendarbeit in ihre Satzung aufgenommen. Zugleich soll auf Antrag der Göttinger Tafel eine Jugendvertretung im Landesvorstand aufgenommen werden.

 2400 Kinder in Göttingen sind arm

Für die Zukunft der Tafeln ist das unerlässlich, denn sie werden gebraucht. Allein in Göttingen seien zehn Prozent der Bürger von staatlichen Leistungen abhängig, informierte Broistedt die Delegierten. 2400 Kinder und damit jedes 7. Kind unter 15 Jahren beziehe solche Leistungen und bewege sich im Bereich der Armut.

Monika Jüttner (2. Vorsitzende der Tafel Göttingen) berichtet den Delegierten aus Niedersachsen über die Arbeit der Tafel in der Uni-Stadt. Quelle: Ulrich Schubert

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) warnte als Schirmherr der niedersächsischen Tafeln in einem verlesenen Grußwort vor allem vor einer steigenden Zahl bedürftiger Kinder. Vor diesem Hintergrund forderte er eine Kinder-Grundsicherung. Die Idee dazu hat das Land Niedersachsen bereits bundesweit angestoßen.

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Nach weiteren Informationen des Bundesverbandes der Tafel Deutschland landen jährlich bis zu 18 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Etwa die Hälfte davon sind noch genießbar. Überwiegend handelt es sich dabei um Ladenware, die in Ordnung ist, aber nicht mehr verkauft werden darf: aus älteren Lagerbeständen, Retouren, mit einem nahendem Haltbarkeitsdatum, aus einer Überproduktion oder mit „Schönheitsfehlern“.

Die Tafeln haben es sich zur Aufgabe gemacht, solche überschüssigen Lebensmittel vor allem an Menschen weiter zu geben, die arm und bedürftig sind. Zurzeit nutzen etwa 1,65 Millionen Menschen die Tafelangebote – ein Drittel davon sind Kinder und Jugendliche. Für die Lebensmittelverteilung sind in 947 Tafeln bundesweit etwa 60 000 Ehrenamtliche im Einsatz. Die Lebensmittel selbst bekommen sie gespendet.

Die abgegebenen Lebensmittel können keine vollwertige Tagesmahlzeit ersetzen, sondern dienen als Ergänzung. Besonders häufig in den Umlauf kommen dabei Obst, Gemüse, Brot- und Backwaren und Milchprodukte. Produkte mit langer Haltbarkeit wie Nudeln, Reis, Konserven oder Marmelade werden seltener abgegeben.

Von Ulrich Schubert

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