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Göttingen Nackter mit Hammer am Bett
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19:32 29.07.2009
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„Du bist dran!“, war das erste, was der junge Mann beim Aufwachen hörte. Wenige Minuten nach 2 Uhr stand der Nachbar im Raum – splitternackt und drohend. Dann verschwand er, kam mit einem 300 Gramm schweren Hammer zurück und hieb ihm dem Schlaftrunkenen mindestens zweimal ins Gesicht. Nur weil der sich reflexartig wehrte, hat er überlebt. Er kam mit einem Nasenbeinbruch und einer Rissverletzung davon.

Gestern erklärte der Beschuldigte dem Schwurgericht, was („eingebildete Eifersucht“) und wer („Stimmen haben es mir befohlen“) ihn zu dem nächtlichen Angriff veranlasst hat: Der 46-Jährige aus dem südlichen Landkreis leidet seit Jahren unter einer paranoiden Schizophrenie. Schon einmal wurde er wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz verurteilt, weil er sich von der Mafia verfolgt fühlte und sich bewaffnet hatte. Er wird erfolgreich medikamentiert, hatte seine Tabletten aber wegen Nebenwirkungen wie Impotenz und innerer Unruhe zur Tatzeit abgesetzt.

„Marionette der Stimmen“

In jener Nacht im Juni 2008 hatten ihm die Stimmen befohlen, seine Taschenmessersammlung in den Wald zu tragen und wegzuwerfen (was er tat), im Wald in ein Kanalrohr zu kriechen (was er auch tat), um mit einer Riesenratte zu kämpfen. Er habe geglaubt, er werde an diesem Tag sterben.

Als er in das Mehrfamilienhaus zurückkehrte, sah er den Schlüssel in der Wohnungstür des Nachbarn stecken. Er drang ein, zog die im kanalrohr verschmierten Kleider aus, duschte sich und erhielt dann den Befehl, zu töten: „Ich war Marionette dieser Stimmen, völlig willenlos.“

Ohne höheren Befehl sei er aber gewesen, als er Monate vorher in einem Schulbus grundlos einen elfjährigen Jungen mit der Hand auf den Hinterkopf geschlagen habe. Diesen Punkt der Antragsschrift stellte das Gericht ein.

Ein forensischer Gutachter bestätigt die Krankheit des Beschuldigten. Ohne Medikamentierung sei er eine Gefahr für die Allgemeinheit. Er befolge aber sehr zuverlässig die regelmäßigen Arztbesuche, sei sich der Notwendigkeit der Behandlung auch bewusst.

Das Gericht erklärte ihn für schuldunfähig und wies ihn in den Maßregelvollzug ein, setzte die Unterbringung aber auf fünf Jahre zur Bewährung aus. Ein ganz enges Korsett aus Arzt- und Klinikbesuchen, Betreuer, Bewährungshelfer und Alkoholverbot soll garantieren, dass er nie wieder seine Medikamente absetzt.

Von Jürgen Gückel

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