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Göttingen Wie sich die Neandertaler ernährten
Die Region Göttingen Wie sich die Neandertaler ernährten
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19:00 26.03.2020
Aufgebrochene und verbrannte Fragmente von Zangen des Krebstiers Cancer pagurus Quelle: r
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Göttingen

Ein Team von Forschern aus verschiedenen Nationen hat neue Erkenntnisse gewonnen, wie sich Neandertaler ernährten: Muscheln, Fisch und andere Meeresbewohnern standen auf dem Speiseplan der Alturzeit-Menschen. Zuvor nahmen Wissenschaftler an, dass bloß der Homo sapiens Marineressourcen aß – und deswegen dem Neandertaler überlegen war.

Die Nahrung aus dem Meer ist nämlich reichhaltig an Omega-3-Fettsäuren und anderen Fettsäuren, die die Entwicklung von Hirngewebe begünstigen. Daher wurde vermutet, dass ihr Konsum die kognitiven Fähigkeiten der afrikanischen Populationen steigerte. „In Südafrika fanden Forscher bereits Hinweise, dass sich die Homo sapiens von Fisch ernährten. Daher wurde die These aufgestellt, dass sich das Gehirn besser entwickelte als das der Neandertaler – diese These ist nun hinfällig“, so Dirk Hoffmann.

Das Alter der Gesteine

Hoffmann arbeitet am Göttinger Institut für Isotopengeologie. Seit dem Jahr 2010 war er an den Ausgrabungen in der Höhle von Figueira Brava in Portugal beteiligt. In dem großen Team war er an der zeitlichen Einordnung der Fundstelle zuständig. „Ich beschäftige mich in meiner Arbeit mit Gesteinen, die sich in Höhlen befinden“, erklärt er. Er überprüfte das Gestein auf Uran und Thorium und konnte die Ausgrabungsfunde so auf ein Alter von 86 000 bis 106 000 Jahren bestimmen.

Dr. Dirk Hoffmann Quelle: r

Sie stammen also aus dem Zeitraum, in dem die Neandertaler Europa besiedelten. Die damalige Nutzung des Meeres als Nahrungsquelle wurde bislang nur dem anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) in Afrika zugeschrieben. Das Forschungsteam, das der Erstautor der Studie, Prof. Dr. João Zilhão, von der Universität Barcelona koordiniert, fand heraus, dass die dort lebenden Neandertaler routinemäßig Muscheln ernteten, fischten oder Robben jagten.

Auf dem Speiseplan standen unter anderem Muscheln, Krebstiere und Fisch sowie Wasservögel und marine Säugetiere wie Delfin oder Seehund. „Mit dieser Nahrungsaufnahme wurde unter anderem das frühe Auftreten einer symbolischen materiellen Kultur unter den modernen Menschen erklärt, wie zum Beispiel Körperbemalung mit Ocker, Verwendung von Ornamenten oder Dekoration von Behältern aus Straußeneiern mit geometrischen Motiven“, erklärt Hoffmann. „Solche Verhaltensweisen spiegeln die Fähigkeit des Menschen zum abstrakten Denken und zur Kommunikation durch Symbole wider, die auch zur Entstehung organisierterer und komplexerer Gesellschaften des modernen Menschen beitrug.“

Entwicklung kognitiver Fähigkeiten

Die aktuellen Ergebnisse der Ausgrabung von Figueira Brava bestätigetn nun, dass, falls der gewohnheitsmäßige Verzehr von Meeresbewohnern eine wichtige Rolle bei der Entwicklung kognitiver Fähigkeiten spielte, dies für den Neandertaler wie für den modernen Menschen gelte.Die Ergebnisse der Studie werden in der Fachzeitschrift Science veröffentlicht.

Die Höhle von Figueira Brava befindet sich 30 Kilometer südlich von Lissabon an den Hängen der Serrada Arrábida. Heute direkt am Wasser gelegen, war sie damals bis zu zwei Kilometer von der Küste entfernt.

Die Höhle in Portugal wurde bereits von anderen Forschern in den 1980er Jahren erkundet. „Heute, mit moderner Technik, konnten wir mehr herausfinden, als es damals möglich war“, erklärt Hoffmann. Der Göttinger Forscher und seine Koautoren hatten zuvor herausgefunden, dass Neandertaler vor mehr als 65 000 Jahren in drei Höhlen auf der Iberischen Halbinsel Höhlenmalereien angefertigt haben und dass perforierte und bemalte Muscheln ebenfalls den Neandertalern zugeordnet werden müssen.

Die Abteilung Isotopengeologie

Die Isotopengeologie interpretiert Signale in Atomkernen, um daraus geologische Vorgänge zu rekonstruieren. Dirk Hoffmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Göttinger Abteilung Isotopengeologie des Geowissenschaftlichen Zentrums. Er beschreibt die Arbeit, mit der sich die Forscher an seinem Institut beschäftigen, folgendermaßen: „Jedes Element besitzt Isotopen. Diese unterscheiden sich in der Zusammensetzung ihres Kerns. Für die Rekonstruktion der Erdgeschichte kann man jene Isotopen untersuchen.“ Die Forschungsschwerpunkte lägen in der Isotopengeochemie der leichten Elemente Wasserstoff, Lithium, Kohlenstoff, Sauerstoff und Schwefel.

Ein sauberes Labor benötigten die Forscher, um die Atompartikel zu studieren. „Vor zwei Jahren wurde in Göttingen ein sogenannter Reinraum neu eingerichtet“, erklärt Hoffmann. Damit sei das Göttinger Labor in einem bundesweiten Vergleich sehr gut ausgestattet. Das Land und die Deutsche Forschungsgesellschaft investierten im Jahr 2018 einen siebenstelligen Betrag in die Abteilung.

Sie erreichen die Autorin per E-Mail an: lokales@goettinger-tageblatt.de

Von Anja Semonjek

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