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Göttingen Neue Vorwürfe gegen ehemaligen Chirurgen der UMG
Die Region Göttingen Neue Vorwürfe gegen ehemaligen Chirurgen der UMG
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14:18 20.07.2012
Pressekonferenz zum Transplantations-Skandal: Sebastian Freytag (l, Vorstand Ressort Wirtschaftsführung) und Martin Siess (Vorstand Ressort Krankenversorgung) äußern sich zu den Vorwürfen gegen einen ehemaligen Chirurgen der UMG.
Pressekonferenz zum Transplantations-Skandal: Sebastian Freytag (l, Vorstand Ressort Wirtschaftsführung) und Martin Siess (Vorstand Ressort Krankenversorgung) äußern sich zu den Vorwürfen gegen einen ehemaligen Chirurgen der UMG. Quelle: dpa
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Göttingen

Am heutigen Freitag, 20. Juli, um 12 Uhr, informiert der Vorstand der UMG über weitere Unregelmäßigkeiten bei Lebertransplantationen eines früheren leitenden Transplantationsmediziners der UMG. Die Bundesärztekammer (BÄK) hat Ermittlungen aufgenommen. Dabei sind weitere Verdachtsfälle aufgetreten. Kern der Vorwürfe ist die Manipulation von Angaben zu Patienten auf der Warteliste, die für die Zuteilung eines Spendenorgans relevant sind.

Krankenakten gefälscht

Ärzte der Uniklinik Göttingen haben nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" bei Organspenden bestimmte Patienten bevorzugt. Dazu hätten sie Krankenakten gefälscht, meldete das Blatt am Freitag. Beispielsweise seien Laborwerte manipuliert worden. Auch hätten die Mediziner behauptet, dass Leberkranke auch noch Nierenprobleme hätten und eine Dialyse bräuchten. So sollten sie kränker erscheinen. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt den Angaben zufolge bisher gegen einen Oberarzt, von dem sich das Universitätsklinikum nach Bekanntwerden der Vorfälle getrennt habe.

Nach Ansicht des Vorsitzenden der Ständigen Kommission Organtransplantation bei der Bundesärztekammer, Hans Lilie, müssen mehrere Personen in die Fälschung verwickelt sein. Ob durch die Bevorzugung andere Patienten auf der Spendewarteliste zu Schaden gekommen oder gar verstorben seien, sei Gegenstand weiterer Ermittlungen, sagte der Strafrechtler.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Die Braunschweiger Staatsanwältin Serena Stamer sagte, es werde unter anderem wegen Bestechlichkeit gegen den Oberarzt ermittelt. Es stehe aber nicht fest, ob Geld geflossen sei und die Daten absichtlich manipuliert wurden.
Nach Informationen des Blattes sind bisher 25 Betrugsfälle bekannt. Die internationale Organvermittlungsstelle Eurotransplant habe bereits Konsequenzen aus dem Fall gezogen. Jeder Internist, der einem Patienten die Dialysepflicht bescheinige, müsse bei der Meldung für die Warteliste namentlich genannt werden. Lilie will sich den Angaben zufolge dafür einsetzen, dass die Bundesärztekammer ihre Richtlinien verschärft.

Mehrere Personen beteiligt?

In der Affäre um Leber-Transplantationen an der Göttinger Universitätsmedizin war möglicherweise nicht nur ein ehemaliger Oberarzt beteiligt. Es sei unwahrscheinlich, dass nur eine Person an den Manipulationen beteiligt war, durch die Patienten Lebern bekommen haben, obwohl sie nicht an der Spitze der Warteliste standen. Dies sagte das Vorstandsmitglied der Uniklinik, Martin Siess, am Freitag. Dazu seien Zahl und Umfang der Manipulationen zu groß gewesen. Das Motiv sei weiterhin unklar.

Gesundheitsministerium fordert "schonungslose Aufklärung"

Das Bundesgesundheitsministerium hat eine schonungslose Aufklärung gefordert. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, müsse dies Konsequenzen haben, sagte Ministeriumssprecher Christian Albrecht am Freitag in Berlin. Dass die Staatsanwaltschaft Braunschweig inzwischen die Ermittlungen übernommen habe, sei zu begrüßen. Albrecht nannte es "nicht nur gesetzeswidrig, sondern aus unserer Sicht auch höchst respektlos und ethisch natürlich in höchstem Maße verwerflich, wenn Organe nicht nach medizinischer Dringlichkeit transplantiert werden". Die Bereitschaft zur Organspende, die mit dem jüngst verabschiedeten Transplantationsgesetz gefördert werden solle, werde durch Vorgänge wie sie sich mutmaßlich in Göttingen zugetragen haben, massiv erschüttert. "Deswegen ist es wichtig, das hier schonungslose Aufklärung betrieben wird und dass es dann, sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, zu massiven Konsequenzen kommt." Bestätigten sich die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, sei es Sache der Länder, die Vorgänge zu ahnden. Mit dem neuen, Anfang August in Kraft tretenden Transplantationsgesetz würden die Kontrollmechanismen verschärft, verbessert und transparenter gemacht, sagte Albrecht. Das Ministerium wurde nach seinen Worten erstmals Mitte Juni und vor knapp drei Wochen dann über die Ausweitung der Göttinger Vorgänge informiert.

Empfänger erfährt Wartelistenplatz nicht

Wer eine Organspende braucht, erfährt nicht konkret, auf welchem Platz der Warteliste er für die Transplantation steht. Über die Vergabe von Spenderorganen werde laut Gesetz nach Erfolgsaussicht und Dringlichkeit entschieden, erläuterte Prof. Günter Kirste, Medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation, im Gespräch mit dem dpa-Themendienst. "Wenn ein Patient ganz besonders dringlich ist, ganz schwer krank, so dass er innerhalb weniger Tage sterben würden, wenn er nicht transplantiert wird, dann rutscht er natürlich auf der Warteliste nach oben."

Geführt würden die entsprechenden Wartelisten, wer als nächster Patient ein Organ benötigt, dem Gesetz nach von den Transplantationszentren. Ein Arzt könne seinem Patienten aber nicht sagen, an welcher Stelle der Warteliste dieser stehe. Das sei so, "weil auch der Arzt am Zentrum nicht weiß, ob am Nachbarzentrum zufällig einer gemeldet wird bei Eurotransplant, der noch dringlicher ist", betonte Kirste. "Und dann würde der eigene Patient eben eins zurückgestuft." Die Zentren ihrerseits geben alle wichtigen Daten ihrer Patienten an die zentrale Datenbank der Stiftung Eurotransplant weiter. Diese ist zuständig für die Zuteilung von Spenderorganen in mehreren europäischen Ländern, darunter Deutschland. Die Stiftung führt für ihre Mitgliedsstaaten ein gemeinsames Meldesystem und eine zentrale Warteliste.

Auf dieser Liste stehen nach Angaben auf der Internetseite von Eurotransplant derzeit etwa 16 000 Patienten. Pro Jahr werden etwa 7000 Organe vermittelt. In den sieben Ländern gibt es 72 Transplantationszentren. Ein verfügbares Spenderorgan wird dem Zentrum angeboten, dessen Patient am höchsten gelistet ist. Zur Sicherheit bekommt auch das Transplantationszentrum des Zweitplatzierten ein unverbindliches Angebot.

UMG bezieht Stellung

Im Rahmen der Unregelmäßigkeiten mit einer Lebertransplantation hat die BÄK bei stichprobenartigen Untersuchungen von Patientenakten weitere Verdachtsfälle festgestellt. Über diese Erkenntnisse hat die BÄK den Vorstand der UMG Ende Juni informiert. Die Vorwürfe richten sich gegen den ehemaligen verantwortlichen Transplantationschirurgen der UMG. Kern der Vorwürfe ist die Manipulation von Angaben zu Patienten auf der Warteliste, die für die Zuteilung eines Spenderorgans relevant sind.

Die UMG hat die Staatsanwaltschaft informiert und alle gewünschten Akten sofort bereitgestellt. Zusätzlich hat der Vorstand der UMG umgehend im Rahmen der eigenen Verantwortlichkeit eine eigene externe Gutachterkommission einberufen, die den neuen Sachverhalt vor allem hinsichtlich der Abläufe in diesen Fällen und der notwendigen Konsequenzen prüft. Damit ergänzt die Arbeit dieser Kommission die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft Braunschweig und der Bundesärzte-kammer, mit denen die UMG weiterhin in engem Kontakt steht.

Die UMG wird den Ergebnissen dieser laufenden Untersuchungen folgen und sofort alle notwendigen Maßnahmen ergreifen. Zur Dauer dieser Untersuchungen können derzeit noch keine Zeitangaben gemacht werden. Die UMG ist darüber hinaus überzeugt, mit den vorgenommenen personellen Neubesetzungen und Umstrukturierungen in der Transplantationschirurgie dafür Sorge getragen zu haben, dass das Lebertransplantationsprogramm in jeder Hinsicht allen Richtlinien und Standards gerecht wird.

umg/epd/dpa/mke

Hinweis: Der Artikel wurde aktualisiert.