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Göttingen Niedernjesa: Behörden gehen gegen illegale Sperrmüll-Sammelei vor
Die Region Göttingen Niedernjesa: Behörden gehen gegen illegale Sperrmüll-Sammelei vor
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12:52 27.03.2014
Von Matthias Heinzel
Erwischt: Alles, was in den Tagen zuvor gesammelt wurde, muss abgeladen werden. Quelle: Heller
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Göttingen / Niedernjesa

Ihre Fahrzeuge waren bis unters Blechdach vollgestopft mit allem, was der Straßenrand hergab.

Seit Jahren sind Transporterfahrer in der Region an Sperrmülltagen unterwegs – und den Behörden ein Dorn im Auge. Durch entgangene Sperrmüllverwertung steigen die Müllgebühren heißt es. Auch die Anwohner ärgern sich über zerfledderte Abfallhaufen.

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Am Montag nun war Sperrmülltag in Ballenhausen, Niedernjesa und Stockhausen – ideal, um den Sperrmüllsammlern einen Strich durch die Rechnung zu machen. Ein Zivilwagen fuhr verdächtigen Fahrzeugen hinterher. Begann das Einladen, schlug die Polizei zu: Abladen im Feuerwehrhaus.

In den vollgepackten Fahrzeugen – zwei Transporter aus Polen, vier in Kassel zugelassene, mit Bulgaren besetzte Kleinlastwagen und je ein Transporter aus Göttingen und Northeim – stapelte sich ohne Ladungssicherung Sperrmüll aller Art: Fahrradreifen, Kanister, Möbel, Rasenmäher, ein Kompressor, Waschmaschinen, Wäschetrockner, Fahrräder, Mikrowellen, Motorsägen, Verstärker, Gefriertruhen, Tretwagen und vieles mehr.

Am lukrativsten, sagt Einsatzleiter Axel Kerschnitzki, ist das Einsammeln von Metall: Bei den derzeitigen Rohstoffpreisen seien 500 bis 700 Euro drin – pro Tag. Die Sammler bringen das Metall gleich zum regionalen Schrotthandel und kassieren nach Vorlage ihrens Personalausweises in bar.

Die Polizei Friedland kontrolliert zusammen mit dem Zoll und dem Landkreis Göttingen Sperrmüllsammler. ©Heller

Die Sache, erklärt Kerschnitzki, ist hochorganisiert. Die Sammler vor Ort bekommen vielleicht 20 Euro am Tag, angeleitet werden sie von einer Art Gruppenführer. Ein solcher ging auch am Montag ins Netz: Sein Fiat hatte Sprechfunk, Navigationsgerät und weitere Kommunikationseinrichtungen.

Vom Organisationsgrad zeugen auch Listen mit Sperrmüllterminen aus ganz Südniedersachsen und Nordhessen, dazu Sprachanleitungen in Deutsch, Spanisch und Schwedisch.

Den eigentlichen Reibach aber machen die Hintermänner aus Osteuropa: Kerschnitzki erinnert sich daran, wie ein Pole mit seiner neuen Mercedes E-Klasse vorfuhr und aus einem prall gefüllten Portemonnaie ein paar Scheine herauszog, um einen beschlagnahmten Kleintransporter auszulösen.

Aber auch ein unorganisierter Sperrmüllsammler ging den Beamten ins Netz: Ein 13-Jähriger aus Niedernjesa hatte einen Dual-Plattenspieler und eine Kompaktanlage gefunden. Abladen musste auch er. Ob er sich nicht wundere, was die Leute so alles wegwerfen? „Total. Neulich hatte ich eine riesige Bass-Box mit einem Super-Sound. Fehlerlos.“

►Kommentar: Kaufen für die Müllhalde

Die Sperrmüllhalde, die Polizei und Kreisverwaltung am Montag im Niedernjesaer Feuerwehrhaus in ein paar Stunden zusammengetragen hat, ist bemerkenswert.

Nicht nur wegen ihrer schieren Größe, sondern vor allem deshalb, weil sie zeigt, was in deutschen Haushalten so alles angeschafft wird, um nach nur kurzer Nutzungszeit auf den Müll geworfen zu werden.

Dabei erinnere ich mich an meine Großeltern, die sich nach ihrer Hochzeit die Möbel für ihre Wohnung angeschafft haben – Stück für Stück, sorgfältig ausgesucht, solide.

Gut gepflegt, hielt die Wohnzimmereinrichtung ihr Leben lang. Heute hingegen richtet man sich mit Billigmöbeln aus dem schwedischen Einrichtungshaus ein, und was ein Jahrzehnt später nicht mehr gefällt oder wacklig wird, fliegt raus.

Unterhaltungselektronik, die noch in den 1960ern gut war für 30 Jahre Lebensdauer, schafft heute noch nicht einmal dieses eine schlappe Jahrzehnt – bei weitem nicht.

Resultate sind die deutschen Sperrmüllhalden und ein enormer Ressourcenverbrauch. Da ist es doch nicht schlecht, wenn in Polen oder Bulgarien das eine oder andere Stück noch aufgearbeitet wird.

Matthias Heinzel