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Göttingen Notdienstambulanz um 200 000 Euro geprellt
Die Region Göttingen Notdienstambulanz um 200 000 Euro geprellt
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19:32 02.09.2011
Von Jürgen Gückel
Hier fing die Untreue an: In diesem Haus am Groner Tor suchten von 1995 bis 2007 Patienten Hilfe bei der Notdienstambulanz. Quelle: CH
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Göttingen

Das Geld soll sich alles einer eingesackt haben: der Geschäftsführer. Allein durch nicht abgeführte Praxisgebühr soll der Angestellte binnen sechs Jahren 180 000 Euro veruntreut haben. Weitere rund 30 000 Euro soll er sich erschwindelt haben, indem er seine Ehefrau auf die Gehaltsliste als 400-Euro-Kraft setzte, ohne dass sie je dafür arbeitete.

Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Untreue, der Verein Notdienstambulanz Göttinger Ärzte ist geplatzt. Er hat Insolvenz angemeldet. Der Vorstand, der seit 2004 die Untreue nicht bemerkte, sieht sich mit Regressforderungen der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen konfrontiert.

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Alles begann mit dem kritischen Blick des neuen Vorsitzenden Martin Lang auf die Abrechnungen des Geschäftsführers. Lang war zum 1. Januar 2010 als Nachfolger des Gründers Peter Wand gewählt worden. Im Juli 2010 lagen ihm erste Abrechnungen der Notdienstpraxis vor, und ihm fiel „eine eklatante Differenz zu Kosten und Einnahmen der eigenen Praxis“ auf.

Lang übergab die Unterlagen seinem Steuerberater. Der entdeckte bald, dass der Notdienstpraxis alle Einnahmen aus der Praxisgebühr fehlen. Das Geld schien veruntreut – seit 2004 schon. Geschädigt war die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN), die die nicht kostendeckende Notdienstambulanz Quartal für Quartal bezuschussen musste. Harald Jeschonnek, Bezirksstellenleiter der KVN, bestätigt eine Rückforderung gegenüber dem Verein in Höhe von 180 000 Euro.

Doch das ist nicht alles: Der Verein hat durch seinen Geschäftsführer offenbar auch Kosten geltend gemacht, die gar nicht entstanden sind. Wie hoch, das ist noch nicht vollständig errechnet. Einer der Posten betrifft eine 400-Euro-Stelle, die mit der Ehefrau des verdächtigten Geschäftsführers besetzt war. Die Frau soll für das Gehalt geputzt haben, aber keiner der Ärzte hat sie je in der Praxis gesehen. Zudem ist die leitende Mitarbeiterin eines Göttinger Kreditinstituts mit Ferienimmobilie an der See kaum auf den Putzjob angewiesen.

Im Oktober 2010 ist der mutmaßlich untreue Geschäftsführer fristlos gekündigt worden. Dagegen ist er vors Arbeitsgericht gezogen – und hat gewonnen, weil der Schaden noch nicht nachgewiesen war. Am 24. November 2010 hat der Vorstand Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet. Seither wird wegen Untreue ermittelt.

Verein meldet Insolvenz an

Der Untreue- und Betrugsfall hat den Verein Notdienstambulanz Göttinger Ärzte in den Ruin getrieben. In dieser Woche meldete der verbliebene Geschäftsführer beim Amtsgericht Göttingen Insolvenz an. Der Geschäftsbetrieb war vorher eingestellt worden.
Die Notdienstambulanz, in der Hausärzte gemeinschaftlich ihre Notdienstvertretung organisierten, gibt es seit Januar 1995. Während etliche Mediziner sich für den Dienst in der gemeinschaftlichen Praxis zur Verfügung stellen, zahlen die anderen per Umlage die Kosten der Einrichtung mit.
Zunächst betrieb die Notdienstambulanz ihre Praxis in der Groner Landstraße 9 am Fuße des dortigen Appartmenthauses (bis Juni 1997), dann wechselte sie in das Weender Krankenhaus. In den ersten Jahren rechneten alle beteiligten Ärzte Behandlungen noch über die eigene Praxis ab. Danach erhielt die Notdienstzentrale eine eigene Abrechnungsnummer, womit die Honorare zentral eingingen, abgerechnet und verteilt werden mussten. Auch die Praxisgebühr von je zehn Euro mussten Patienten direkt in der Ambulanz zahlen.
Wegen des Untreueskandals um den Geschäftsführer verweigerte die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Anfang dieses Jahres der Notdienstpraxis die weitere eigenständige Abrechnung. Daraufhin trat der Vorstand zurück. Die KV übernahm nunmehr die Notdienstorganisation selbst, schrieb diese förmlich aus und erteilte dem Uniklinikum den Zuschlag. Seit 1. Juli werden hausärztliche Notfälle im Klinikum behandelt. Wer die Telefonnummer der Göttinger Notdienstambulanz wählt, landet in einem Callcenter der KV Schleswig-Holstein in Bad Segeberg.

ck