Nur noch Aschermittwoch – Wischmeyers Logbuch in der Karnevalswoche
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Nur noch Aschermittwoch – Wischmeyers Logbuch in der Karnevalswoche

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06:00 17.02.2021
Dietmar Wischmeyer
Dietmar Wischmeyer Quelle: Jörg Kyas
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Göttingen

Schon der dritte Tag Aschermittwoch, von Karneval und Fasching befreit liegen weite Teile Deutschlands im Corona-Schatten. Doch statt Erleichterung zu spüren, blasen die Eingeborenen Trübsal. Erstaunt müssen alle Helau-Allergiker feststellen, daß es sich bei den debilen Tröten in der Bütt auch um Kulturschaffende handelt, deren künstlerische Existenz gefährdet ist. Für Nicht-Kölner kaum vorstellbar, gibt es ganzen Horden solcher Existenzen, die hauptberuflich Dienst am Jecken verrichten. Kommen die als Rentner alle in die Klappse oder sind sie da schon.

Den Karneval kann nur verstehen, wer partielle Totalverblödung nicht als Makel empfindet. Anders als die subventionierte Hochkultur will der Karneval Kopf und Arsch miteinander versöhnen. Beider Produkte müssen keine Gegensätze sein, das sprichwörtliche „Scheiße labern“ ist das Kerngeschäft des Sitzungskarnevals, von keinem halbwegs intelligenten Witz getrübt, quillt es unter den Narrenkappen hervor. In den Straßenumzügen findet das närrische Treiben seinen Höhepunkt, sie sind eine Metapher für das Leben an sich. Denn es zeichnet den Menschen aus, sich selbst nicht zu mögen.

Als frierendes und kotzendes Plüschtier torkelt er einer Blechbüchsenarmee seinem eigentlichen Leben hinterher. Am Aschermittwoch ist alles vorbei, dann hockt die gezähmte Krampe wieder kreuzbrav im Kontor und glotzt aufs Zahlenfernsehen seines Arbeitgebers. Bei Licht besehen war seine Rolle als Riesenkaninchen im Rosenmontagszug auch nicht befremdlicher. So exotisch dem Faschingsveganer der kollektive Irrsinn an Rhein und Main auch erscheinen mag, soviel Wahrheit muß man ihm doch zubilligen.

Er zeigt uns allen, wie beschissen das Leben auch und gerade im zwanghaften Frohsinn sein kann. Doch es hilft nichts, gerade deshalb müssen die tollen Tage eisenhart durchgezogen werden, um danach die spröde Schönheit des Alltäglichen wieder zu entdecken. Wenn Karneval diesjährig ausfällt, fehlt das Korrektiv des eingezäunten Schwachsinns und er droht das ganze restliche Jahr zu erobern. Das wird trotz aller Schadenfreude über die toten tollen Tage auch niemand wollen.

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Von Dietmar Wischmeyer