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Göttingen Obwohl Ärzte C-Leg verschreiben: Krankenkasse verweigert moderne Prothese
Die Region Göttingen Obwohl Ärzte C-Leg verschreiben: Krankenkasse verweigert moderne Prothese
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00:18 27.06.2013
Von Matthias Heinzel
Kämpfen für eine bessere Prothese: Cornelia und Walter Friedrichs im Uni-Klinikum.
Kämpfen für eine bessere Prothese: Cornelia und Walter Friedrichs im Uni-Klinikum. Quelle: Hinzmann
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Göttingen

Durch eine zehnstündige Operation wurden die Beine durch Schrauben und Platten wieder aufgebaut. 2004 jedoch brach die Konstruktion, Friedrichs bekam ein künstliches Kniegelenk. 2009 trat eine hartnäckige Entzündung auf, die nicht weichen wollte. Die Folgen: Amputation des rechten Beins im November 2010 im Göttinger Uni-Klinikum.

Das Gehen war extrem mühsam

Ein halbes Jahr später aber war klar, dass Friedrichs mit der Primitiv-Prothese, die er beispielsweise beim Hinsetzen per Hand entsperrren musste, nicht zurechtkam: Das Gehen war extrem mühsam, manchmal versagte die Arretierung, er stürzte, Treppensteigen ging gar nicht. Daraufhin stellten die Ärzte der Uni-Klinik im Juli 2011 ein Rezept für eine Spezial-Prothese des High-Tech-Herstellers Ottobock aus.

Friedrichs Krankenkasse, die Barmer GEK, genehmigte eine sechswöchige Testphase mit dem „C-Leg“: Die hochmoderne Prothese passt sich mit Sensoren und einer mikroprozessorgeregelten Hydraulik dynamisch an alle Gehgeschwindigkeiten an und ermöglicht eine zuverlässige Sicherung beim Stehen. Bei Friedrichs funktionierte das ausgezeichnet, zeigen auch Videoaufnahmen.

Komplett steife Prothese

Aber nur für die genehmigten sechs Wochen. Nach einem Kostenvoranschlag für das C-Leg über 30 000 Euro lehnte die Krankenkasse die Prothese ab. Stattdessen bekam Friedrichs wiederum eine komplett steife Prothese mit Entsperrmechanismus: Nach einem Widerspruch von Friedrichs Schwiegertochter Cornelia Friedrichs räumte der medizinische Dienst der Krankenversicherung (MdK) Niedersachsen in seinem Gutachten zwar ein, diese Prothese sei „nicht adäquat“, aber ein „Herrennormgelenkfuß“ für 200 Euro und ein anderes Kniegelenk für 250 Euro täten es auch.

Diese Lösung mit Gesamtkosten von 5000 Euro, so das Gutachten, „wären für die Belange des Versicherten ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich. Er wäre in der Lage, selbstständige Transfers vorzunehmen und dann auch wenige Schritte zu gehen.“

Sturzhäufigkeit werde verringert

Erneut widersprach die Schwiegertochter, die zudem eine Expertise von Ottobock ins Feld führte: Die Sturzhäufigkeit werde „mit dem C-Leg deutlich verringert“, die High-Tech-Prothese bringe „einen Gebrauchsvorteil und Mehrnutzen“. Aber wieder erklärte die Barmer unter Berufung auf den medizinischen Dienst, ein C-Leg bringe „keinen deutlichen Gebrauchsvorteil“. Auch dass das Uni-Klinikum ein zweites Mal ein C-Leg verschieb, stimmte die Barmer nicht um – obwohl die Ärzte erklärten, die alte Prothese führe zu Stürzen und Nebenerkrankungen. Daher sei „die Versorgung mittels C-Leg klinisch indiziert“.

Das Göttinger Reha-Zentrums erklärte zudem, „aus ärztlicher Sicht ist eine Versorgung mit einem C-Leg-System dringend notwendig, um die eigenständige Mobilisation zu fördern, die Lebensqualität zu verbessern und letztlich über die Mobilisation ein Fortschreiten der internistischen Erkrankungen zu vermeiden.“

Erklärung der Barmer

Stattdessen die Erklärung der Barmer: Aus dem Schreiben des Klinikums ergäben sich „keinerlei neue medizinische Erkenntnisse“. Und die Einschätzung durch Ottobock sei „nicht plausibel nachzuvollziehen“.

Jüngste Entwicklung: Friedrichs wurde ins Klinikum eingeliefert – Fieber, Flüssigkeit und Infektion im Gewebe des Beinstumpfs. Eine Folge der Billig-Prothese, meinen die Ärzte.