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Göttingen Organskandal-Prozess in Göttingen: Aiman O. bleibt hinter Gittern
Die Region Göttingen Organskandal-Prozess in Göttingen: Aiman O. bleibt hinter Gittern
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19:23 25.09.2013
Von Jürgen Gückel
Quelle: dpa (Symbolfoto)
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Göttingen

Gerade hatte Oberstaatsanwältin Hildegard Wolff gesagt: „Wir sehen die Anklagevorwürfe bestätigt.“ Kaum einer im Saal konnte das nachvollziehen. Bisher hatte keiner der Zeugen den Angeklagten konkret belastet, allenfalls Indizien geliefert, dass er gewusst haben könnte, dass Meldungen von Patientendaten manipuliert worden sind.

Woraus sollte sich die Bestätigung der Anklage ergeben? Dann Wolff vielsagend: „Ich kenne die Akten, die haben wir noch nicht komplett durchgearbeitet.“

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Die kurze Episode entspann sich, als die Verteidigung anregte, über eine Freilassung des 46 Jahre alten Arztes auf Kaution nachzudenken, damit der sich auf seine Verteidigung besser vorbereiten könne.

Im Konsens wollte er die Ankläger dazu bringen, einer Aussetzung des Haftbefehls nicht zu widersprechen, wenn das bei Gericht beantragt würde. Die Staatsanwältin entgegnete: „Wüsste nicht, was ihn an der Flucht hindern soll.“ O. bleibt in Haft.

Abhängigkeit bekannt

Zuvor wurde am Mittwoch erstmals eine Zeugin zu einem der drei Fälle befragt, in denen dem Arzt eine Lebertransplantation vorgeworfen wird, die er ohne Indikation vorgenommen haben soll und nach der die Patienten starben.

Eine 56-Jährige aus Thüringen breitete das Schicksal ihres Bruders aus, der als Bierfahrer einer Brauerei einst vom vielen Deputatbier alkoholabhängig wurde, der bis zur Wende schwer getrungen hat und der danach dauerhaft ein Medikament einnahm, das sonst nur stationär bei schweren Entzugserscheinungen eingesetzt wird.

Der Mann war davon abhängig geworden und hatte über 20 Jahre teils hohe Dosen genommen. Vor seiner Lebertransplantation war dies auch bekannt. Eine junge Assistenzärztin hatte in einem Arztbrief vermerkt, dass der Patient viermal täglich zwei Tabletten nehme.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der medikamentenabhängige Patient nie hätte transplantiert werden dürfen.

Leber nicht angenommen

Die Zeugin schilderte den Leidensweg des an Leberzirrhose und Bauchwasser leidenden Bruders. Wegen der Sucht durfte er nicht auf der Eurotransplant-Warteliste aufgenommen werden. O. habe aber angeboten, ihm ein sogenanntes Zentrumsangebot zu verschaffen – eine Leber, die in anderen Kliniken abgelehnt worden war.

Das habe sehr schnell geklappt. Der Bruder sei erleichtert gewesen, als er zur OP gerufen wurde. Die sei komplikationslos verlaufen, er sei rasch genesen und schnell entlassen worden. Erst später hätten sich wieder Gesundheitsprobleme ergeben.

Die Leber sei nicht angenommen worden. Sie wisse, sagte die Zeugin, dass der Bruder da bereits wieder die für die Leber gefährlichen Medikamente genommen habe.

Der Patient musste später erneut transplantiert werden und starb mit 56 Jahren an den Folgen der Leberkrankheit. Ob er je hätte operiert werden dürfen, darüber bahnt sich bereits ein Gutachterstreit in den nächsten Prozesstagen ab 8. Oktober an.

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„Als wir im Juni 2012 die Prüfung in Göttingen hatten, waren wir alle sehr betroffen über das Ergebnis.“ Das sagt Anne-Gret Rinder, Vorsitzende der Prüfungskommission der Bundesärztekammer (BÄK). Als Zeugin hat die Juristin am Dienstag im Prozess gegen den Leberchirurgen Aiman O. ausgesagt.

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