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Göttingen Organspende: Weniger Patienten auf Warteliste
Die Region Göttingen Organspende: Weniger Patienten auf Warteliste
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21:03 20.08.2013
Von Jürgen Gückel
Transplantations-OP: Angeklagter verlangt mehr Sorgfalt. Quelle: DPA
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Göttingen

Inzwischen, so verbreitete unter anderem Ärztekammerpräsident Ulrich Montgomery, stürben wegen des Mangels an Spenderorganen mehr Wartende als je zuvor.

Allerdings: Gleichzeitig meldet die Deutsche Stiftung Patientenschutz, dass die Zahl der Neuanmeldungen von Patienten, die ein Organ benötigen, ebenfalls drastisch um 24 Prozent zurückgegangen sei. Auf den Listen deutscher Transplantationszentren müssten über kurz oder lang also fast ein Viertel weniger Namen stehen. Das zeige, so der Vorsitzende Eugen Brysch, dass die Regeln der Bundesärztekammer für die Wartelisten doch nicht so eindeutig, verbindlich und transparent seien, wie behauptet. Dass es plötzlich weniger Schwerstkranke gebe, sei nicht glaubhaft.

Angst vor Strafverfolgung

Denkbar ist ein anderer Grund: Die Transplantationszentren wenden aus Angst vor Strafverfolgung wie in Göttingen die Regeln nunmehr stringent an. Sie nehmen etwa Alkoholabhängige tatsächlich erst auf die Liste, wenn sie sechs Monate abstinent waren – und das überlebt haben. Nach dem Skandal mussten auch in Göttingen 25 (von rund 120) Patienten von der Liste gestrichen werden, weil sie die Kriterien nicht erfüllten.

Eine viel effektivere Möglichkeit, mehr Leben zu retten, hat im Prozess am Montag der angeklagte Leberchirurg aufgezeigt: Aiman O. klagte, es sei „zum Weinen“, wie viele Spenderlebern von seinen Kollegen falsch oder nachlässig explantiert würden. Da bekomme man eine hervorragende Leber eines jungen, gesund Verstorbenen von Eurotransplant zugewiesen, man könne sie aber nicht implantieren, weil bei der Entnahme Arterien durchtrennt, Gefäße zerrissen oder das Gewebe beschädigt worden seien. „Dann ist das Risiko zu groß und wir müssen die OP abblasen.“

Dem lebensbedrohlich Erkrankten aber, der so lange auf der Warteliste stand, bleibe oft nicht mehr die Zeit, auf das nächste, für ihn passende Organ zu warten. „Der Patient mit dem Rücken zur Wand würde jedes Organ nehmen. Aber der Chirurg muss auch verantworten können, es zu implantieren, wenn es bei der Entnahme beschädigt wurde“, sagte O.

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Nach eineinhalb Stunden ist der Moment erreicht, an dem es für Aiman O., Leberchirurg, Oberarzt, einst renommierter Transplantationsmediziner und jetzt Angeklagter, nicht weiter geht. Gerade hat er erklärt, dass das Patientenwohl für ihn immer vor gehe. Dann sagt er: „Das ist meine Liebe zu Beruf, zu Menschen und zum Leben“. Dann bricht seine Stimme; Pause ist nötig.

Jürgen Gückel 19.08.2013

Zum Auftakt des Prozesses um Betrug bei Organtransplantation hat der angeklagte Mediziner alle Vorwürfe zurückgewiesen. Der frühere Leiter der Göttinger Transplantationsmedizin bestritt am Montag im Landgericht Göttingen in einer Erklärung seiner Verteidiger, Manipulationen bei der Verteilung von Organen vorgenommen oder veranlasst zu haben.

19.08.2013

Wer sind die Opfer? Diese Frage wird das Gericht von Montag an intensiv beschäftigen. Denn das Besondere am Prozess gegen den Transplantationsmediziner ist: Die meisten Menschen, die Opfer der vorgeworfenen Taten geworden sein sollen, sind nur theoretisch Opfer.

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