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Göttingen Haben zwei Operationen das Leiden von Hermann Grau verschlimmert?
Die Region Göttingen Haben zwei Operationen das Leiden von Hermann Grau verschlimmert?
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08:51 30.07.2019
Die meisten Operationen verlaufen wie von Ärzten gewollt und Patienten erhofft. Dennoch gibt es immer wieder Ausnahmen von der Regel. Laut Bundesärztekammer gab es im Jahr 2017 deutschlandweit 1783 festgestellte Behandlungsfehler. Quelle: dpa
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Göttingen

„Sie brauchen sich keine Gedanken zu machen. Es ist alles in Ordnung.“ Diese Ansage eines Arztes dürfte jeden Patienten beruhigen. Nicht anders ist es bei Hermann Grau gewesen, als er nach einer Operation in der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) diese Versicherung zu hören bekam. Dabei spürte er kurze Zeit nach dem Eingriff an seiner Wirbelsäule, dass etwas nicht stimmen konnte. Die Schmerzen nahmen zu anstatt ab. „Was geschehen ist, geht schon in Richtung kriminell“, findet der 68-Jährige.

Grau sitzt vor einem dicken Ordner mit Schriftverkehr. Auf etlichen Seiten ist dokumentiert, was er in den vergangenen zehn Jahren erdulden musste: neben Schmerzen vielfache Untersuchungen, neue operative Eingriffe und lange Zeit keine Besserung, im Gegenteil. Die erste OP ist bei ihm im Jahr 2009 ausgeführt worden. Bandscheiben im Lendenwirbelbereich waren so sehr abgenutzt, dass sich die behandelnden Ärzte für eine Versteifung entschieden. Laut Grau ist ein Fixations System verwendet worden, das die Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde der USA (FDA) bereits im Jahr 2006 wegen technischer Mängel zurückgerufen hatte. „Die Implantation hätte gar nicht erfolgen dürfen“, hebt der ehemalige UMG-Patient hervor.

Die Schrauben des Implantats lösten sich

In der Tat versagte das Material, weil sich Schrauben lösten. „Im ersten halben Jahr nach der OP gab es keine Probleme, aber dann ging es los“, erinnert sich Grau nur zu gut. Fünf Jahre lebte er mit Schmerzen, die immer heftiger wurden, bevor 2014 eine zweite Operation erfolgte. Erst zu diesem Zeitpunkt habe er erfahren, was die Schmerzen ausgelöst hat – und das durch reinen Zufall, wie er versichert. „Die Ärzte haben mir gesagt, dass das System an meiner Wirbelsäule erweitert werden muss. Kein Wort von gelockerten Schrauben“, ärgert sich Grau. „Erst einen Tag vor der OP hieß es, dass das neue System erst bestellt werden muss, das wäre nicht im Hause.“

Doch auch danach ging es ihm nicht besser. „Es wurde sogar schlimmer“, sagt der einst passionierte Jäger. Grau bekam ein Korsett, Morphiumtabletten gegen die Schmerzen, sein rechtes Bein wurde taub. Mit dem tauben Bein und der Empfehlung, das Korsett zu tragen, sei er entlassen worden, dazu die aufmunternden Worte: „Alles gut“. Wie sich später herausstellte, waren bei der zweiten OP Nerven eingeklemmt worden. Das fanden allerdings nicht die Mediziner an der UMG heraus, sondern Ärzte in einer Privatklinik in Bad Wildungen. „Zur UMG hatte ich sowieso kein Vertrauen mehr“, macht Grau deutlich, dass er ärztliche Hilfe anderswo suchte. Er ist sich sicher, dass er im Uniklinikum angelogen wurde, um keine Forderungen an das Haus stellen zu können. Es habe auch nach der Tortur kein klärendes Gespräch gegeben, keine Entschuldigung. Nichts.

Schlechte Erfahrung mit Physiotherapiepraxis

Doch die Leidensgeschichte des 68-Jährigen ist damit noch nicht zu Ende. Auch mit einer großen Physiotherapie-Praxis in Göttingen habe er schlechte Erfahrungen gemacht, sagt er. Mit einem Rezept für Krankengymnastik war er dort vorstellig geworden. „Der erste Physiotherapeut, der mich behandelte, machte gleich darauf aufmerksam, dass er mit mir vorsichtig umgehen müsse wegen der Versteifung im Rücken. Sein jüngerer Kollege aber, der mich Tage später behandelte, nahm darauf keine Rücksicht. Es tat fürchterlich weh. Ich konnte danach kaum laufen. Und auch jetzt wurde es immer schlimmer“, erzählt Grau.

Seine nächste negative Erfahrung habe er im Weender Krankenhaus machen müssen, wo er einfach nicht behandelt worden sei, wie er sagt. Er hätte stundenlang warten müssen und sei schließlich unverrichteter Dinge nach Hause geschickt worden. Warum, verstehe er bis heute nicht. Also erneut nach Bad Wildungen. „Dort hat man einen Riss im Steißbein festgestellt. Auch war ein Stück des Knochens abgesplittert. Ein Arzt sagte mir, dass ich das nicht allein geschafft haben kann.“

„Mein operierter Hund läuft wie ein Neuer“

Auf die Frage, wie es ihm heute geht, sagt Grau: „Miserabel.“ Es dauere seine Zeit, bis sich die eingeklemmten und gereizten Nerven und Muskeln beruhigen, weiß er vom Arzt aus Bad Wildungen. Grau kopfschüttelnd: „Mein Dackel ist zweimal wegen Bandscheibenproblemen am Rücken operiert worden. Der läuft wie ein Neuer.“ Der Friedländer, der früher in der Baumpflege gearbeitet hat und inzwischen berentet ist, hat sich einen Anwalt genommen und UMG sowie die Physiotherapie-Praxis auf Schmerzensgeld verklagt.

UMG will sich derzeit nicht zum Fall äußern

In einer Erklärung von UMG-Sprecher Stefan Weller zum Fall heißt es: „Grundsätzlich gilt, dass für den Einsatz von Medizinprodukten auf dem deutschen und europäischen Markt die Regularien der EU und die CE-Kennzeichnung gültig sind und nicht die US-amerikanischen FDA-Vorgaben.“ Grundsätzlich aber äußere man sich nicht zu einem laufenden Verfahren. „Die UMG möchte dem Prozessverlauf nicht vorgreifen“, erklärt Weller.

Wirkungsbereich der FDA auf USA begrenzt

Der Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft mit Sitz in Berlin, Holger Mages, beantwortet die Frage, ob ein Rückruf einer amerikanischen Behörde automatisch auch für Deutschland gilt wie folgt: „Der Wirkungskreis der Zulassungsbehörden ist national geregelt. Für Zulassungen und ebenso Rücknahmen von Zulassungen sind bei uns in der Regel andere Behörden zuständig als zum Beispiel in den USA.“ Ausnahmen von der national begrenzten Zulassung gebe es insbesondere in der EU: Hierzu würden etwa europaweite Zulassungen von Arzneimitteln durch die European Medicines Agency (EMA) gehören, die für alle europäischen Staaten gelten.

Der Wirkungsbereich der FDA ist auf die USA begrenzt“, verdeutlicht Mages. Die Zulassungsbehörden seien aber eng vernetzt und würden sich in kritischen Fällen schnell gegenseitig informieren. Bleibt die Frage, warum das im Fall Hermann Grau offensichtlich nicht schnell geschehen ist. Im umfangreichen Schriftverkehr von Hermann Grau ist in einem Schreiben an die Schlichtungsstelle der norddeutschen Ärztekammer festgehalten, dass nicht bekannt sei, ob die implantierende Klinik von dem Rückruf in Kenntnis gesetzt worden ist.

Beschwerdestellen für Patienten

Vermuten Patienten einen Behandlungsfehler können sie sich mit diesem Problem an mehrere Stellen wenden. In aller Regel verfügt jedes Krankenhaus über ein Beschwerdemanagement. Auch die jeweilige Krankenkasse kann ein Ansprechpartner sein. Bei Verdacht auf fehlerhafte Behandlung können Krankenkassen ein Sachverständigengutachten des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) einholen.

Bei der Unabhängigen Patientenberatung kann sich jeder, auf Wunsch auch anonym, kostenfrei beraten lassen, sogar in türkischer, arabischer oder russischer Sprache, Kontakt: 0800 011 7722.

Eine bundesweite Statistik zu Behandlungsfehlern oder Behandlungsfehlervorwürfen gibt es nicht. Vorliegende Statistiken resultieren aus Auswertungen der Behandlungsfehlergutachten, die Patienten beauftragt haben. Im Jahr 2018 gab es 14 100 vom MDK erstellte Behandlungsfehlergutachten in Deutschland.

Laut Bundesärztekammer sind im Jahr 2017 in 24 Prozent der untersuchten Fälle Behandlungsfehler festgestellt worden. Das waren 1783 von insgesamt 7307 Entscheidungen.

Von Ulrich Meinhard

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