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Göttingen Rückzugsgefechte um die Kulturpflanze Raps
Die Region Göttingen Rückzugsgefechte um die Kulturpflanze Raps
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00:20 28.05.2019
Inspizieren Schädlingsbefall im Raps-Versuchsfeld (v.l.): Gerhardy, Tiedemann, Hübner, Kellner und Ulber.. Quelle: Christina Hinzmann
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Göttingen

Die knallgelben Rapsfelder prägen im Mai das Landschaftsbild in Südniedersachsen. Die Kulturpflanze steht allerdings seit Jahren mit dem Rücken zum Feldrand, die Anbaufläche ist um knapp ein Drittel zurückgegangen – auf etwa 35.000 von 49 000 Hektar Ackerbaufläche im alten Landkreis Göttingen. Schädlinge wie der Rapsglanzkäfer und -stängelrüssler würden die Erträge mindern, dem Pflanzenschutz immer engere Grenzen gezogen, moniert Achim Hübner. Schützenhilfe bekommt der Geschäftsführer des Kreisbauernverbandes von Agrarwissenschaftler Prof. Andreas von Tiedemann und dem Entomologen Dr. Bernd Ulber.

Chemie-Einsatz ist umstritten

Das Thema Pflanzenschutz polarisiert. Der Einsatz von Chemie in der Landwirtschaft wird zunehmend kritisiert und für das Insektensterben verantwortlich gemacht. „Das sorgt für schöne Schlagzeilen“, meint Tiedemann: „Die Datenbasis ist aber mager, ein breites Insektensterben nicht verifizierbar.“ Selbst das untrügbar erscheinende Indiz, dass kaum noch Insekten die Windschutzscheiben verkleben, lässt der Professor für Pflanzenpathologie und -schutz nicht gelten: „Die Aeorodynamik der Autos hat sich verändert, die Luft geht über sie hinweg.“ Das bezweifelt der Göttinger Naturschutzbund-Vorsitzende Uwe Zinke und verweist auf Untersuchungen zum drastischen Rückgang der Biomasse von Fluginsekten, für den er auch den Einsatz von Insektiziden verantwortlich macht.

Zum Insektensterben gebe es leider nur wenige Langzeitstudien, sagt Tiedemann. Die viel zitierte Krefelder Studie habe nicht auf Arten, sondern nur auf quantitative Gewichtserfassung abgezielt, englische Studien keine Veränderung der Insektenmenge ergeben. Derzeit werde die Forschung intensiviert, das Julius-Kühn-Institut – das Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen in Braunschweig – stelle dafür Experten ein.

Habitat für viele Insektenarten

Inwieweit der Einsatz gegen unerwünschte Insekten auch erwünschte Insekten beeinträchtigt, bleibt umstritten. Ulber bedauert, dass es an vielen Unis keine Abteilungen für Agrarentomologie mehr gebe, obwohl das Thema zunehmend wichtig werde. „Der Raps ist Habitat für viele Insektenarten“, sagt Ulber und sorgt sich um die Zunahme der Rapsschädlinge.

Auf Versuchsfeldern im Nordbereich der Universität Göttingen untersuchen Wissenschaftler der Abteilung für Pflanzenpathologie und Pflanzenschutz die Auswirkungen des Schädlingsbefalls im Raps.

Auf Versuchsfeldern im Nordbereich der Göttinger Uni ist zu erkennen, was mit dem Raps passiert, wenn er nicht behandelt wird. Eine Fläche ohne jedweden Pflanzenschutz zeigt verkümmerte und von Unkraut überwucherte Pflanzen, in Abstufungen mit Herbiziden, Fungiziden und Insektiziden behandelte Parzellen deutliche Unterschiede in Wachstum und Beschotung. Die Zulassung und Verlängerung von Insektiziden werde immer schwieriger und immer mehr verschleppt auch wegen Vetos des Bundesumweltamtes, sagt Ulber. Im wesentlichen gebe es nur noch zwei Wirkstoffgruppen. Gegen die Pyrethroide gebe es bislang keine Bedenken, aber massive Resisistenzprobleme mit Rapsschädlingen. Neonicotinoide seien schon seit Jahren als fest am Saatgut verankertes Beizmittel verboten und nur noch als Spritzmittel zugelassen. Statt prophylaktischer Beimischung plädiert Ulber für einen sparsamen und verantwortungsvollen Umgang damit – und setzt auf die Forschung, die immer mehr biologische Mittel entwickele, die allerdings noch getestet und optimiert werden müssten. Der Einsatz von Bakterienpräparaten und Pflanzenhormonen steht ebenso auf dem Prüfstand wie die Entwicklung resistenterer Rapssorten.

Schädlingsdruck und Trockenheit

„Wir haben das ganze Portfolio an Schadinsekten, das beginnt bereits im Herbst mit dem Rapserdfloh“, sagt der stellvertretende Landvolk-Vorsitzende Markus Gerhardy und führt auch die Pflanzenkrankheit „Physiologische Knospenwelke“ ins Feld. Zum Schädlingsdruck komme noch die Trockenheit hinzu, ergänzt Tiedemann. Für viele Landwirte sei Raps nicht mehr wirtschaftlich, die landschaftsprägende Kulturpflanze und größte Bienenweide drohe, verloren zu gehen - damit auch der Rapshonig für die Imker: „Es war ein fataler Zirkelschluss, für das Bienensterben die Insektizide im Raps verantwortlich gemacht zu haben.“ Bei sachgemäßer Behandlung gebe es keine nachweisbaren Schäden. Der Raps, der als Diesel-Beimischung und Speiseöl Verwendung findet, sei auch für die Fruchtfolge in unserer getreidelastigen Region unabdingbar, merkt Hübner an und betont: „Es gibt keinen Bioraps“. „Das Problem betrifft alle Kulturpflanzen“, meint Kreislandwirt Hubert Kellner zum Thema Pflanzenschutz – und setzt nach: „Biobetriebe striegeln die Parzellen, was wiederum den Bodenbrütern schadet.“

Entspannung durch Niederschläge

Ein kleiner Trost für die Rapsanbauer nach dem trockenen Frühjahr im Vorjahr ist der Regen, der im Mai gefallen ist. „Die Niederschläge haben sich positiv ausgewirkt und waren bitter nötig“, sagt Hübner. Gerhardy ist erleichtert, dass es trotz Starkregens keine Abschwemmungen gegeben habe. Und Tiedemann zitiert eine Bauernregel, die nach wie vor wahr sei: „Ist der Mai kühl und nass, füllt es den Bauern Scheun und Fass.“

Agrarökologe fordert System-Umbau

Prof. Teja Tscharntke Quelle: r

Der Göttinger Agrarökologe Prof. Teja Tscharntke sieht sehr wohl Gründe dafür, dass der Einsatz von einigen Neonicotinoiden EU-weit verboten worden ist, um Bienen zu schonen. Interessanterweise sei es dabei nicht um die direkte Mortalität von Insekten durch diese Insektizide gegangen, sondern um Verhaltensänderungen: „Honigbienen finden nicht mehr in ihren Stock zurück, Hummeln produzieren weniger Königinnen und zeigen eine höhere Anfälligkeit gegenüber Parasiten, die Bestäubungsleistung geht zurück.“ Derart subletale Einflüsse von Pestiziden seien auch für andere Insekten gut belegt. So würden infizierte Insekten ihre Geschlechtspartner oder Wirtspflanzen nicht mehr finden, Vitalität und Reproduktion seien eingeschränkt.

Wechselwirkungen nicht berücksichtigt

Tscharntke rät allerdings zur Vorsicht bei der Bewertung der Bedeutung von Pestiziden für die Biodiversität: „Man kann annehmen, dass die subletalen Wirkungen von Pestiziden für den Rückgang der Artenvielfalt bei Insekten bedeutsam sind, sie werden aber bei der Indikationszulassung nicht berücksichtigt.“ Auch die potenziell additive oder gar synergistische Wirkung der vielen Chemikalien in unserer Umwelt sei nicht Gegenstand der Zulassungsverfahren, da es immer nur um die Bewertung einer Substanz gehe.

Raps biete eine Massentracht für Blütenbesucher und könne das Wachstum von Hummelkolonien im Frühjahr fördern, räumt der Agrarökologe ein. Zu dieser Zeit blühende Erdbeeren oder auch auf Bestäubung angewiesene Wildpflanzen können aber benachteiligt sein, weil die sozialen Honigbienen und Hummeln bevorzugt auf Massentrachten gehen würden. Solitäre, also einzellebende Bienen seien seien in diesem Zusammenhang von besonders großer Bedeutung, da sie sich von Massentrachten nicht ablenken lassen würden.

Mehr naturnahe Elemente erforderlich

Den starken Rückgang bei den 570 Wildbienenarten in Deutschland könne man nicht allein und auch nicht überwiegend auf den Pestizideinsatz zurückführen, meint Tscharntke: „Das ganze System muss umgebaut werden. Der Öko-Landbau zeigt, dass es auch anders geht.“ Ertragseinbußen müssten dabei allerdings minimiert werden. Es bedürfe einer stärkeren Lebensraum-Diversifizierung in unseren Agrarlandschaften. Dazu gehörten mehr naturnahe Elemente wie Blühstreifen, Hecken, Waldränder, mageres Grünland und diverse Brachentypen ebenso wie eine größere Vielfalt in der Landbewirtschaftung durch mehr Kulturen, längere Fruchtfolgen, kleinere Felder und Streifenanbau.

Von Kuno Mahnkopf

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