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Göttingen Wenn Kinder keine Chance haben
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00:21 03.06.2019
Jedes fünfte Kind in Deutschland, jedes siebte Kind in Göttingen ist von Armut betroffen. Quelle: dpa
Göttingen

Jedes fünfte Kind in Deutschland, jedes siebte Kind in Göttingen lebt in Armut. Eine Podiumsdiskussion im Nachbarschaftszentrum in Grone hat sich am Vorabend des Vatertags darum gedreht, warum das so ist und was man dagegen tun kann. Erwartet wurde auch Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann (SPD). Obwohl sie im Stau steckengeblieben war, blieb ihr Stuhl nicht frei, wurde für Fragen und Statements aus dem Publikum genutzt.

Diskutieren über Kinderarmut: Bäcker, Moderatorin Cosima Schmitt, Bonder und Sterr als Podiumsgast (von links). Quelle: Niklas Richter

Armutszeugnis Kinderarmut, Alptraum Miete. Warum treibt der Klimaschutz die Menschen auf die Straße, die Kinderarmut nicht? Warum scheint trotz aller Bemühungen der Politik ein hoher Prozentsatz an Kinderarmut in Stein gemeißelt zu sein? Und was kann man dagegen tun? Um diese Fragen kreiste die Diskussionrunde der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Kooperation mit der Arbeiterwohlfahrt (AWO). In seinem Impulsvortrag wies der Soziologie-Professor und Armutsforscher Gerhard Bäcker aus dem Ruhrgebiet zunächst auf Definitionsfragen hin: die Einkommensarmut, die bei weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens angesetzt wird, das Grundsicherungsniveau und die Lebenslagenarmut. Kinderarmut führt zu sozialer Ausgrenzung, Bildungsdefiziten, schlechter Gesundheit und Ernährung.

Soziale Spaltung verfestigt

„Leider hätte ich diesen Vortrag auch vor zehn Jahren halten können“, sagte Bäcker. Während die Debatte über Armutsgefährdung im Alter Hochkonkonjunktur habe, scheine bei der Kinderarmut ein Gewöhnungseffekt zu greifen: „Das hängt aber zusammen. Risiken kumulieren sich, eins kommt zum anderen.“ Kinderarmut sei stets auch ein Ausdruck von Elternarmut, betroffen vor allem Erwerbslose und Alleinerziehende, aber auch Ausländer, junge Menschen und Rentner. Die Dunkelziffer sei hoch, antragsbebundene Sozialleistungen würden von vielen nicht wahrgenommen. „Je mehr Kinder, umso höher die Risikoquote“, berichtete Bäcker. Steigende Mieten würden das Problem verschärfen, das sich in Stadtquartieren bündele, in denen der Mangel sich fortsetze. Es gebe ein Nord-Süd-Gefälle, eine Stadt-Land-Differenz und eine soziale Spaltung auf örtlicher Ebene.

Fast 3000 Göttinger Kinder im Leistungsbezug

Über einkommensbedingte Kinderarmut in Göttingen gibt es keine Statistik, wohl aber über den Leistungsbezug. Nach Angaben von Sozialdezernentin Petra Broistedt leben derzeit 2922 Kinder in Hartz IV-Bedarfsgemeinschaften: „Jedes ist eines zuviel.“ Die Zahl sei seit Jahren rückläufig, das Kita-Angebot steige, die Armut balle sich westlich der Leine – von Grone bis zum Holtenser Berg. Als elementares Problem betrachtet Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) fehlenden Wohnraum, steigende Mieten, Verdrängung von Menschen in die Fläche oder Unterversorgung: „Der Staat lagert Probleme in den Städten ab, der Mietdruck verteilt sie aufs Land weiter.“ Abhilfe verspricht sich Köhler von Anspruch auf bezahlbaren Wohnraum, Förderprogrammen, die von den Menschen verstanden würden, Rechtssicherheit und Beratungshilfen. Der Staat habe sich aus dem sozialen Wohnungsbau zurückgezogen und für Privatisierung entschieden, moniert Köhler: „Die Modernisierer nutzen geltende Rechte. Jetzt beißt sich die Katze in den Schwanz.“ ku

Die starken regionalen Disparitäten griff Michael Bonder, Geschäftsführer des AWO-Kreisverbandes Göttingen, auf. In Herzberg seien 19 Prozent der Kinder unter sechs Jahren im Transferbezug, in Friedland nur 3,7 Prozent. Das würde auch mit bezahlbarem Wohnraum zusammenhängen, der Menschen in die Kleinstädte treibe. Das gesamtgesellschaftliche Vermögen steige von Jahr zu Jahr, für die Bildung fehle Geld, meinte Bonder und sprach sich für den weiteren Ausbau von Ganztagsschulen aus. In der Kita spiele Armut keine große Rolle, mit Schulbeginn ändere sich das schlagartig, sagte Grones Ortsbürgermeisterin Birgit Sterr (SPD), plädierte für eine Kita-Pflicht und gleiche Kleidung zumindest in Grundschulen. „Die Unterschiede werden nicht verschwinden – auch nicht unter starkem Druck zur Gleichheit“, hielt Bonder dagegen.

Bürokratische Hürden

Gerhard Bäcker vom Soziologie-Institut der Universität Duisburg-Essen hat in Grone über Kinderarmut gesprochen. Quelle: Niklas Richter

Handlungs- und Reformbedarf sieht Bäcker bei Verbesserungen der Einkommenssituation, der sozialen Infrastruktur, des Familienleistungsausgleichs und bürokratischen Hürden. Als Schritte in die richtige Richtung nannte er Instrumente wie das Starke-Familien-Gesetz, Gute-Kita-Gesetz, Teilhabepaket, Familienzentren und Brücken-Teilzeit. Das begrüßt auch Bonder, merkte aber süffisant an: „Vielleicht kommt demnächst das Gut-gemeint-Gesetz.“ Die Diskussion mit dem Publikum kreiste unter anderem um Leistungen aus einer Hand, die prekäre Wohnungsnot und das Agieren von Investmentgesellschaften in Göttingen sowie das bedingungslose Grundeinkommen. Von dem hält Bäcker allerdings gar nichts.

Von Kuno Mahnkopf

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