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Göttingen Gewalt an Schulen: Eltern fühlen sich alleingelassen
Die Region Göttingen Gewalt an Schulen: Eltern fühlen sich alleingelassen
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19:29 13.11.2019
Diskussionsabend zur Gewalt an Schulen mit (v.l.) Mike Finke (Landeselternrat), Alp Turan (Landesschulbehörde), Jörg Arnecke, Jaqueline Emmermann (Präventionsteam Polizei Göttingen) und Jugendrichter Stefan Scherrer. Quelle: Niklas Richter
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Göttiingen

Wie dramatisch der Anstieg von Gewalt an den Schulen tatsächlich ist, bleibt statistische Interpretationssache. Dass jeder Fall einer zuviel ist, betroffene Schüler wie Eltern in Verzweiflung stürzt und hilflos macht, ist bei einer gemeinsamen Podiumsdiskussion von Stadt- und Kreiselternrat Göttingen im Foyer der IGS Geismar deutlich geworden. Aber auch, welche Hilfsangebote es gibt und wie man sich verhalten sollte.

Nach einigen brutalen Vorfällen – Würgen bis zur Kehlkopfquetschung, schwere Gesichtsverletzungen durch Stockschläge, gefolgt von Todesdrohungen via WhatsApp – ist das Thema vor zwei Jahren bei den Elternräten aufgeschlagen. Und lässt die Elternvertreter seitdem nicht mehr los. „Straftaten an Schulen sind immer noch ein Tabuthema“, bedauert Sven Müller vom Vorstand des Stadtelternrates. Es gehe nicht um Tritte gegen das Schienenbein, sondern einen erschreckenden Vernichtungswillen: „Und man ist schnell allein, wenn das eigene Kind Opfer wird.“

Nicht allein waren die zahlreich erschienenen Eltern bei der Podiumsdiskussion mit Jaqueline Emmermann und Jörg Arnecke von der Polizeiinspektion Göttingen, Jugendrichter Stefan Scherrer, Mike Finke vom Landeselternrat und Alp Turan von der Landesschulbehörde. Moderiert wurde die Diskussion mit Podium und Publikum von Tageblatt-Redakteur Ulrich Schubert, der sich nicht mit allgemeinen Aussagen zufrieden gab und immer wieder nachhakte. Stadtelternratsvorsitzender Janek Freyjer hatte einen Kummerkasten aufgestellt, zur Einstimmung wurde ein Report-Fernsehbeitrag über das Thema gezeigt. Darin hieß es unter anderem, dass die Straftaten von Kindern unter 14 Jahren jahrelang zurückgegangen sei. Dann habe sich der Trend aber umgekehrt –nicht nur an Brennpunktschulen.

Jeder Tag ein Spießrutenlauf

Negative eigene Erfahrungen aus seiner Realschulzeit in Bayern schilderte Max Gradl vom Kreisschülerrat: „Jeder Tag war ein Spießrutenlauf. Das verändert einen auch persönlich.“ Mobbing sei damals noch kein Thema gewesen, mangels Konsequenzen hätten die Aggressionen zugenommen, er habe die Schule nach der sechsten Klasse gewechselt.

Gradl ist eine Ausnahme. „Man spricht nicht darüber“, beklagte Müller. Viele Schulen würden das Thema verleugnen oder verharmlosen. Von 31 angefragten Schulen im Raum Göttingen hätten nur elf Konzepte vorgelegt, nur zwei seien wirklich überzeugend gewesen. Als Problemfelder wurden aus dem Publikum heraus zu wenig Schulsozialarbeiter und -psychologen, mangelnde Handhabe gegen strafunmündige Gewalttäter, die Nicht-Umsetzung des Landeserlasses mit Präventions- und Sicherheitsrichtlinien, Überforderung, Aufsichtspflicht, aber auch das Verhalten mancher Eltern und Schulleitungen genannt.

Eltern und Behördenvertreter haben im IGS-Foyer über Gewalt an Schulen gesprochen. Quelle: Niklas Richter

48 Schulsozialarbeiter in Stadt und Kreis

Die Zahlen wolle er nicht werten, die Gewalt habe aber eine andere Qualität bekommen und nichts mehr mit Rangeleien zu tun, sagte Finke und forderte mehr externe Beratung von Schulen. Auch die Neiddebatte unter Schülern habe sich verschärft. Turan betonte die Vorreiterrolle Niedersachsens bei der Schulsozialarbeit. Allein in Stadt und Landkreis Göttingen seien 48 Fachkräfte eingesetzt. Schulsozialarbeit alleine könne das Problem aber nicht lösen.

Arnecke verwies auf Unterstützung und Beratung durch Fachkollegen sowie weiterführende Maßnahmen durchs Jugendamt – und riet ebenso wie Emmermann dazu, Scheu abzulegen und Anzeige zu erstatten. Alle angezeigten Taten würden abgearbeitet, die Schule davon in Kenntnis gesetzt. Das Jugendstrafrecht sei vorrangig ein Erziehungsstrafrecht und biete flexible Maßnahmen. Daran knüpfte auch Jugendrichter Scherrer an: „Wir sind keine Maschine, die alles plattwalzt. In jedem Einzelfall wird die Verhältnismöglichkeit geprüft.“

 

Prävention spielt eine Schlüsselrolle

Handeln, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist. Wie wichtig Prävention ist, wurde bei der Diskussion über Gewalt an Schulen immer wieder betont. Fortbildung spielt dabei ebenso eine Rolle wie Busscouts oder Mobbing-Interventionsteams. Jörg Arnecke berichtete, dass die Polizeiinspektion (PI) Göttingen im vergangenen Jahr 817 Präventionsveranstaltungen an Schulen durchgeführt habe. Bundesweit ist die Zahl der Körperverletzungen an Schulen in zwei Jahren um 13 Prozent auf etwa 16 000 angestiegen. Eine dramatische Entwicklung kann Jaqueline Emmermann für die PI nicht bestätigen und spricht von jährlichen Schwankungen, will aber auch nichts beschönigen. Im Schulkontext verzeichnete die Polizeistatistik im vergangenen Jahr 25 Opfer von Rohheitsdelikten im Alter unter 14 Jahren (2017: 21) sowie 23 Opfer bei Jugendlichen – ebensoviele wie im Vorjahr. Die Jugendkriminalität insgesamt sei 2018 deutlich zurückgegangen, von 1276 Straftaten Minderjähriger im Vorjahr auf 933 Straftaten, bei Gewaltdelikten von 304 auf 228 Anzeigen.

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