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21:35 11.07.2011
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Angeklagt ist ein Türsteher der Diskothek Savoy. Er soll in den frühen Morgenstunden des 24. Juni vergangenen Jahres einen betrunkenen Gast „am Oberarm gepackt“, „im Schwitzkasten“ vor die Tür und dort zu Boden gebracht haben. Auch hier soweit: nichts Ungewöhnliches. Dann soll er aber dem am Boden liegenden Gast den Fuß auf den Kopf gestellt haben, um ihn zu fixieren. Ein Vorwurf, gegen den sich der langjährige Türsteher nicht nur wehrt, sondern ihn als „idiotisch“ zurückweist. So könne man niemanden fixieren. Dieser Meinung ist auch der Staatsanwalt, weshalb er auch Anklage gegen den Türsteher wegen Körperverletzung erhoben hat. Eine „gewisse Delikatesse in der Sache“, hebt Rechtsanwalt Fred-Rainer Stachon zur Verteidigung an, sei, dass das Opfer und die weiteren Beteiligten der Disco-Keilerei allesamt Polizeischüler sind, die im Savoy gefeiert haben.

Auch der Türsteher erstattete übrigens Anzeige: Er sei von dem vermeintlichen Opfer und seinen Begleitern geschlagen worden, als er den betrunkenen Polizeischüler vor die Tür bringen wollte. Eine angehende Polizistin habe gar mit einer Flasche auf den Rücken des Türstehers eingeschlagen. Das Verfahren gegen die Polizeischüler wurde allerdings bei der Staatsanwaltschaft eingestellt, weil nach deren Auffassung nicht genügend Anlass zur Erhebung der öffentlichen Klage bestanden habe. Auch sei keiner der Türsteher zu der Zeugenvernehmung bei der Polizei erschienen, obwohl sie die Ladungen verschickt haben will. Dass davon keine einzige angekommen sein soll, findet auch die Richterin „sehr auffällig“.
Da stehen sie also vor dem Gerichtssaal einander gegenüber: die Fraktion der Türsteher und Savoy-Mitarbeiter und die Polizeibeamten sowie solche, die es einmal werden möchten. Ein knappes Dutzend Zeugen sind geladen, um die Keilerei zwischen Nachwuchspolizisten und Türstehern aufzuklären. Den Auftakt macht das vermeintliche Opfer, ein junger Mann. „Aus heiterem Himmel“ habe der Türsteher ihn in den Schwitzkasten genommen, nachdem er einem „Kollegen“ zur Hilfe gekommen sei. Er, das Opfer, sei ja sowieso schon im Aufbruch begriffen gewesen, „Kollegen“ hätten draußen auf ihn gewartet. Die Aktion des Türstehers könne er sich nicht erklären. Einmal im Schwitzkasten, habe er sich seinem Schicksal ergeben, sich nicht mehr gewehrt. Schließlich sei es „sinnlos, aus dem Griff zu entkommen“, weiß der 22 Jahre alte Schüler der Polizeiakademie, dessen schwarzes Shirt sich über einen gut trainierten Oberkörper spannt. Er streitet auch ab, die Sicherheitscrew des Savoys nach seinem Rausschmiss bedroht zu haben, obwohl die übereinstimmend aussagt, dass er von sich gegeben habe: „Jetzt seid ihr am Arsch, ich bin Polizist“, bevor er „die Kollegen in der Leitstelle“ informiert hat.

Ein anderer Polizeischüler beschreibt seinen Akademiekollegen weniger engelsgleich. Der Hinzugeeilte habe dem Türsteher dabei helfen müssen, den immer noch als Opfer bezeichneten Akademiekameraden vor die Tür zu geleiten. „Ich habe den Arm fixiert.“ Er, der Zeuge, und der Türsteher hätten „ganz ordentlich gekämpft um ihn (das Opfer) unter Kontrolle zu halten“. Wie sich die Auseinandersetzung angebahnt hat, kann auch der Zeuge nicht beantworten: „Ich hatte eine junge Dame auf dem Schoß sitzen.“ Die Juristen zeigen Verständnis, dass man in so einer Situation nicht alles im Auge hat. Allerdings sei er sich sicher, dass der angeklagte Türsteher den Fuß auf den Kopf seines Kollegen gestellt habe, obwohl es stadtbekannt sei, dass der Angeklagte einer der vernünftigsten Türsteher sei, sagt der Zeuge. Ein weiterer Zeuge will mitbekommen haben, wie ein älterer Polizeibeamter den Türstehern vorgeschlagen habe, von einer Anzeige abzusehen, um den jungen Kollegen nicht die Zukunft zu verbauen.

Unbefriedigend für alle: Das Verfahren gegen den Türsteher wird nun wegen geringer Schuld eingestellt.

Von Lukas Breitenbach