Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen Pressearbeit und Presseschelte
Die Region Göttingen Pressearbeit und Presseschelte
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:05 08.07.2011
Von Ilse Stein
Anzeige

Zu ihr gehört neben dem sachlichen Bericht reiner Fakten auch die Kommentierung eines Vorgangs, etwa eines Gerichtsverfahrens, durch einen Journalisten. Der damit seine persönliche Meinung formuliert. Mag das nun dem oder den jeweils Betroffenen gefallen oder nicht. Wobei ein Kommentator durchaus einen Vorgang überspitzt formulieren darf und kann (nach dem Motto: Übertreibung macht anschaulich). Meinungsartikel dieser Art, so sehen es die Gesetze vor, und darüber sind sich die Juristen einig, sind in den seltensten Fällen „gegendarstellungsfähig“. Übersetzt aus dem Juristendeutsch: Fühlt sich ein Politiker, ein Funktionär oder auch ein Polizist zu Unrecht angegangen, dann kann er zwar eine Gegendarstellung verlangen – aber nur, so lange er nachweisen kann, dass falsche Fakten abgedruckt wurden, die ihn persönlich betreffen. Nicht aber, wenn es um die persönliche Meinungsäußerung eines Redakteurs in einem Kommentar geht. Der in diesem Falle unter anderem daran erinnert hatte, dass es unter früheren Polizeichefs in Göttingen üblich war, die sogenannte „Göttinger Linie“ zu verfolgen – auch Deeskalationsversuche genannt.

Was tun also, wenn sich der ehemalige Polizeichef und heutige oberste Verfassungsschützer Niedersachsens in genau so einem Kommentar persönlich angegriffen fühlt? Da muss der derzeitige Polizeichef ran (der früher ebenfalls beim Verfassungsschutz tätig war). Der dann – in weiter Auslegung dessen, was eine Polizeipressemitteilung wohl zum Inhalt haben sollte,­ genau dieses Instrument nutzt. Sprich: Er sucht nicht etwa ein klärendes (und vielleicht für die künftige Zusammenarbeit nützliches) Gespräch mit der Redaktion. Genau dies nämlich hat die deutsche Innenministerkonferenz 1993 mit den Vertretern aller journalistischen Berufsverbände in ihren Verhaltensgrundsätzen für den Umgang miteinander vorgeschlagen: „Unmittelbare Gespräche sind erfahrungsgemäß geeignet, Missverständnissen vorzubeugen.“

In Göttingen hingegen geschieht Folgendes: Mit großer Adressatenliste wird die Kritik an einem Kommentar des Göttinger Tageblattes als Pressemitteilung getarnt verschickt. Dabei hat man sich auch noch soweit vergaloppiert, dass die „Göttinger Linie“, die übrigens auch von dem inzwischen verstorbenen damaligen Oberstadtdirektor Hermann Schierwater intensiv mitgetragen worden ist, jetzt derart denunziert wird: „Wer als Polizeibeamter eine Göttinger Linie verfolgt (…), setzt sich selbst dem Risiko einer Strafverfolgung wegen Strafvereitelung im Amt aus“. Na, da dürften sich die heute noch hier lebenden früheren Polizeichefs der Stadt im Nachhinein kräftig missverstanden fühlen.

Es ist nun im Übrigen nicht das erste Mal, dass die Göttinger Polizei-Pressestelle zu dieser seltsamen Hilfskonstruktion einer als Pressemitteilung getarnten Presseschelte greift, wenn ihr ein Zeitungstext nicht passt. Beim ersten Mal haben wir es noch für einen Missgriff gehalten – und schlicht und einfach ignoriert. Inzwischen scheint es aber Methode zu werden, das von Steuerzahlern bezahlte Instrument einer staatlichen Pressestelle für solche Zwecke zu missbrauchen.

Was uns ein wenig an die (nicht immer guten) alten Zeiten erinnert. Damals schrieb ein (preußischer) Innenminister im Zusammenhang mit den Göttinger Sieben: „Es ziemt dem Untertanen… sich bei Befolgung der an ihn ergehenden Befehle mit der Verantwortlichkeit zu beruhigen, welche die von Gott eingesetzte Obrigkeit dafür übernimmt; aber es ziemt ihm nicht, die Handlungen des Staatsoberhauptes an den Maßstab seiner beschränkten Einsicht anzulegen und sich in dünkelhaftem Übermute ein öffentliches Urteil über die Rechtmäßigkeit derselben anzumaßen.“

Wir werden, liebe Leserinnen und Leser, jedenfalls weiter die schlichte journalistische Linie verfolgen: Nämlich zu berichten, was war – nicht mehr und nicht weniger. Und zu kommentieren, wenn wir es für nötig und richtig halten.

Ein schönes Wochenende und eine noch schönere Ferienzeit – Ihre Redaktion.