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Göttingen Produktion und Laufsteg: Göttinger Schüler gestalten eigene Kollektion
Die Region Göttingen Produktion und Laufsteg: Göttinger Schüler gestalten eigene Kollektion
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08:16 03.12.2019
T-Shirts und Taschen: Das OHG-Schülerfirma-Team präsentiert seine aktuelle Kollektion. Quelle: Ulrich Schubert
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Göttingen

Die Symbole stehen für Glück (Serotonin), Koffein und die Welt – und sie sind garantiert nachhaltig produziert. Wochenlang haben 23 Schüler vom Göttinger Otto-Hahn-Gymnasium in ihrer Schülerfirma Motive für eine neue Taschen- und T-Shirt-Kollektion entworfen, professionell Material eingekauft und die Stoffe im Kulturzentrum Musa bedruckt. Jetzt haben sie ihre außergewöhnliche Kollektion präsentiert.

Livemusik, Musik, Videoeinspielungen, Laufsteg und kurze Erklärungen zur Kollektion: Fast professionell haben die Schüler ihre Produkte in der Musa vorgestellt: schlichte T-Shirts in verschiedenen Farben und helle Stofftaschen mit unterschiedlichen, außergewöhnlichen Motiven, und alle aus umweltverträglicher und fairer Produktion. Sie sind das Ergebnis harter Arbeit in der OHG-Schülerfirme. Eine Firma mit realen Wirtschaftsansätzen, gepaart mit besonders viel Kreativität, lobte Schulleiterin Rita Engels.

„Garantiert nachhaltige Produktion“

Eine OHG-Schülerfirma gibt es seit 2016. Sie wird im Wechsel von Schülern aus dem 9. und 10. Jahrgang als Wahlpflichtkurs betrieben. „Und wir haben uns überlegt, was wir mit unserer Firma Neues machen können“, erklärt Annuschka Seeckts. Die Idee, nachhaltige Produkte zu finden, sei schnell entstanden.

Ole an der Druckplatte. Quelle: Ulrich Schubert

 

Auch auf Stofftaschen und T-Shirts habe sich die Gruppe schnell geeinigt. Schwieriger sei es dann gewesen, einen Lieferanten zu finden, der das Basismaterial wirklich nachhaltig produziert und zu einem annehmbaren Preis liefert. Bei „earth positiv“ seien sie fündig geworden, so Annuschka. Das Unternehmen sei mehrfach ausgezeichnet und zertifiziert, erklärten die Schüler während ihrer Präsentation.

Mehr Bilder von der Präsentation:

Am Anfang stand eine Idee, dann folgte viel Arbeit: Wochenlang haben die Schüler der Schülerfirma am Göttinger-Otto-Hahn-Gymnasium ihre Geschäftsidee vorbereitet, kaufmännisch umgesetzt und in der Musa-Werkstatt produziert. Jetzt haben sie ihre Kollektion und Produktion präsentiert.   

Schwieriger als erwartet sei dann die Design-Schmiede gewesen – „und die Vorarbeiten für den Siebdruck“, verrät Ole Schriever – inzwischen Fachmann an der Druckpresse. Die Motive mussten auf eine spezielle Siebfolie gebracht und diese in einer Dunkelkammer belichtet werden. Dabei bleiben die Zeichnungen schließlich durchlässig und die Farbe wird nur an den Muster-Stellen auf den Stoff gebracht, erklärt Ole – und verstreicht die Farbe für den nächsten Druck.

Die Motive haben alle eine tiefere Bedeutung: Chemische Formeln stehen für Serotonin (als Basis für Schokolade), Theobromin (Tee und Kakao) und Koffein. Andere Motive zeigen ein „offenes Herz“ und einen Fingerabdruck als Symbol für die Welt.

Eines von mehreren Motiven: der Fingerabdruck der Welt. Quelle: Ulrich Schubert

„Das Projekt hat mich total begeistert“, schwärmt Annuschka – wegen der Nachhaltigkeit, aber auch Erfahrungen im Managementbereich der Firma. In diesem Bereich zwischen Businessplan, Kostenermittlung, Einkauf, Produktionskosten und Vertrieb habe sie sich besonders engagiert – „und richtig viel gelernt“.

Andere haben sich auf die Produktion konzentriert. „Klar, macht das Spaß“, versichert Felix Groneberg lachend. Er gehört mit Bennet Gaißmaier zum Bügel-Team. Unermüdlich und konzentriert spannen und halten sie T-Shirts und Taschen über einen Tisch und fixieren mit dem Bügeleisen die aufgedruckten Motive. „Dann werden sie in der Maschine nicht gleich ausgewaschen“, erklärt Bennet.

Förderprojekt der Initiative „Schule:Kultur!“

Unterstützt wurde die OHG-Schülerfirma bei dieser Produktidee von Mitarbeitern der Musa-Kreativ-Werkstätten unweit des OHG. Dort gibt es eine Siebdruckwerkstatt. Und das aktuelle Firmenprojekt ist Teil des Kooperationsprojektes „Schule:Kultur!“ Dabei arbeiten Künstler und andere Kreative mit Schülergruppen und Schulen an besonderen Projekten.

Livemusik während der Präsentation mit Jade Dougherty (Gesang) und Tom Grischke (Gesang und Gitarre). Quelle: Ulrich Schubert

Es ist das dritte „Schule:Kunst!“-Projekt der Musa und wird vom Niedersächsischen Kultusministerium, Ministerium für Wissenschaft und Kultur, der Stiftung Mercator und vom Göttinger „KUNST e.V.“ gefördert. Beteiligt seien neben dem OHG und der Musa landesweite 35 Schulen und ihre Kulturpartner, erklärt Gabi Radinger, zuständig für Projekte, Stadtteilarbeit und Nachhaltigkeit bei der Musa.

Ihre Produkte hat die Schülerfirma in limitierter Auflage produziert. Verkauft werden sie ausschließlich an drei Terminen: am Freitag und Sonnabend, 6. und 7. Dezember, von 15 bis 19 Uhr am Nachhaltigkeits-Stand mehrere Schulen auf dem Göttinger Weihnachtsmarkt; und auf dem Weihnachtsbasar des OHG am Freitag, 13. Dezember, ab 16 Uhr in der Schule an der Godehardstraße. Die Preise: Täschchen 5,50 Euro, größere Tasche 6 Euro, T-Shirts 15 Euro.

So sehen die Schüler ihre Firma in einer Dia-Show:

Quelle: OHG-Schülerfirma

Der Erlös aus dem Verkauf fließt wieder in die Firma, sagt Iris Bruse. Die Englisch- und Politiklehrerin betreut die Schülerfirma. Die Einnahmen sollen den Grundstock für eine künftige Schülergenossenschaft am OHG bilden. Als eingetragene Genossenschaft gebe es zusätzliche Hilfe und Tipps auf Landesebene – unter anderem auch ordentliche Buchprüfungen. Vielleicht klappt das bei der nächsten Kollektion, die schon in Arbeit ist, so die Schüler.

Schülerfirmen sind landesweit im Trend

Schülerfirmen sind nicht nur im Trend, sie sind auch pädagogisch sinnvoll, sagt Marcus Krohn. Der Lehrer an den BBS 1 in Northeim ist Regionalkoordinator für nachhaltige Schülerfirmen in Südniedersachsen und Landeskoordinator für nachhaltige Schülergenossenschaften. Schülerfirmen seien eine Brücke zwischen Schule und dem realen (Berufs-)Leben, erklärt er weiter. Der Umgang mit echten Produkten und echten Kunden vermittle Schülern vor allem Praxiserfahrung. Und das gepaart mit einem hohen Grad an Schüler-Selbstständigkeit im Team sowie einem hohen Maß an Verantwortung.

Sinn und Zweck einer Schülerfirma:

Schülerfirmen: Hohes Maß an Echtsituation

Schülerfirmen sind nicht nur im Trend, sie sind auch pädagogisch sinnvoll, sagt Marcus Krohn. Der Lehrer an den BBS 1 in Northeim ist Regionalkoordinator für nachhaltige Schülerfirmen in Südniedersachsen und Landeskoordinator für nachhaltige Schülergenossenschaften. Schülerfirmen seien eine Brücke zwischen Schule und dem realen (Berufs-)Leben. Der Umgang mit echten Produkten und echten Kunden vermittle Schülern Praxiserfahrung. Und das gepaart mit einem hohen Grad an Schüler-Selbstständigkeit im Team sowie einem hohen Maß an Verantwortung.

Die Lernumgebung sei problemorientiert und unmittelbar anwendungsbezogen, erklärt Krohn weiter. Die Schüler könnten ihr theoretisches Wissen - etwa aus dem Bereich Mathematik - in Echtsituationen anwenden. Darüber hinaus könnten Schüler in diesem Umfeld besonders gut sogenannte Soft Skills entwickeln und üben. Dazu gehörten persönliche, soziale und methodische Kompetenzen wie Kooperations- und Teamfähigkeit, Ausdauer und Leistungsbereitschaft sowie sogenannte Sekundärtugenden wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Ordnung.

Und es gebe noch einen weiteren Grund, warum Schülerfirmen „so gut in die Zeit“ passen, betont Krohn: „Sie funktionieren sehr gut auch bei heterogenen Lerngruppen“. Und die gebe es im Zuge von Ganztagsschulen, Oberschulen und Inklusion immer mehr. Hinzu komme ein hohes Potenzial zur Berufsorientierung.

40 Schülerfirmen in der Region

Viele Schülerfirmen viele Ideen

Die OHG-Schülerfirma ist nicht die einzige in der Region. An 40 Schulen aller Schulformen in den Kreisen Northeim und Göttingen gibt es zurzeit Schülerfirmen oder Schülergenossenschaften, 17 davon in Stadt und Landkreis Göttingen.

Ein Schwerpunktbei den Geschäftsideen bildet der Verpflegungsbereich, sagt Marcus Krohn. Der Lehrer an den BBS 1 in Northeim ist Regionalkoordinator für nachhaltige Schülerfirmen in der Region Göttingen/Northeim/Goslar und Landeskoordinator für nachhaltige Schülergenossenschaften. Konkret heiße das: Viele Schülerfirmen betreiben in Eigenregie einen Schulkiosk, sorgen fürs Catering bei schulischen Veranstaltungen oder kümmern sich um ein gesundes Frühstück.

Sehr häufig würden die Schülerfirmen unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten geführt. Sie achten neben einem ökonomischen Erfolg auch auf soziale und ökologische Aspekte: fair gehandelte Produkte, Vermeidung von Verpackungsmüll, gesundes Essen zum Beispiel. Ein weiteres Geschäftsfeld ist der Vertrieb von Büromaterial beziehungsweise Schulmaterial wie Hefte und Stifte für Schüler. Aber auch Veranstaltungsmanagement (Schultheater, Schulkino oder Schulsportveranstaltungen) sind Geschäftsfelder.

Ein neuerer Trendsei das Bedrucken von Textilien, beobachtet Krohn. So werden etwa Abschluss-Shirts mit dem Schullogo versehen – oder fair gehandelte OHG-Shirts mit Chemieformeln.

Alle Schülerfirmen in der Region im Überblick:

Von Ulrich Schubert