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Göttingen Der große ASC und der aufstrebende Bovender SV
Die Region Göttingen Der große ASC und der aufstrebende Bovender SV
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06:00 11.07.2019
Roman Usenko, fast zwölf Jahre alt, trainiert seit drei Monaten in der Billardabteilung des ASC. Quelle: Peter Heller
Göttingen / Bovenden

Etwa 10000 Mitglieder hat der ASC 1846 Göttingen, so viele wie eine Kleinstadt Einwohner. Jörg Schnitzerling ist Vorsitzender des Vereins. Er wehrt sich gegen die Vorstellung, dass ein Verein dieser Größe anders geführt werden müsste als ein Dorfverein klassischer Prägung. „In seiner Grundstruktur ist auch ein großer Verein ein Verein“, sagt Schnitzerling.

Schnitzerling erläutert: Lediglich er als Vorsitzender der Leitungsgruppe mit etwa zehn Mitgliedern sei hauptamtlich eingestellt. Das Präsidium, der Vorstand und die Fachbereichsleiter engagierten sich ehrenamtlich. Allerdings sieht auch der Vorsitzende die „gestiegenen Anforderungen“.

Der ASC verfügt über zwei Klubhäuser und ein Sportzentrum. Er betreibt Kindertagesstätten mit Sportangebot, gerade hätten sie zwei weitere Kitas mit Sporträumen gepachtet. Das Bogensportzentrum sei gerade behindertengerecht umgebaut worden. Billard ist eine relativ junge Sparte im Verein, ein Gebäude am Maschpark wurde gepachtet und als Billardzentrum eingerichtet. Das sind nur zwei von etwa 45 Angeboten des ASC, die von ehrenamtlichen geleitet und betrieben werden. „Wir geben ein professionelles Dach darüber“, erläutert Schnitzerling. Um Steuern, Finanzamt und Versicherungen soll sich niemand der Ehrenamtlichen kümmern müssen.

220 Mitarbeiter

Außer diesem Vereinsleben haben die Verantwortlichen im ASC eine Struktur aufgebaut, zu der das Betreiben von Kindertagesstätten, Fitnesssport und Freiwilligen-Dienst gehören. Als deutschlandweit einmalig sieht der Vorsitzende diese inhaltliche Breite, dem nahe komme als einzige die TSG Bergedorf von 1860 in Hamburg. 220 Mitarbeiter beschäftigt der ASC.

Schnitzerling selbst ist seit 25 Jahren dabei. „Ich komme nicht vom Sport, ich habe mit Sport nichts zu tun“, sagt der Vorsitzende. Klar ist ihm aber: „Ich muss etwas für meine Gesundheit tun.“ Dass auch anderen dies klar wird, dafür will er sorgen. Beispielsweise beim Nachwuchs. „Wir müssen die Kinder abholen, sie kommen nicht mehr von alleine“, sagt er. „Deswegen gehen wir in Schulen und Kindertagesstätten.“ Denn: „Dann können wir es selber machen, und wir können es richtig machen.“

Erfolgreicher Tanzsport

400 Ehrenamtliche engagieren sich beim ASC. Ein großer Unterschied zu einem Wirtschaftsunternehmen, sagt Schnitzerling, der sehr darauf bedacht ist, den Verein von einem Unternehmen abzugrenzen, das Gewinn erwirtschaften muss. Beim ASC gehe es eben nicht darum, Profit zu erzielen. Und: „Die Idee, dass Menschen etwas für die Gemeinschaft tun, ist noch voll erhalten.“

Künftig sollen schon Vierjährige statt wie bisher Fünfjährige ein Angebot an allgemeinem Bewegungssport mit Schwimmen, Werfen, Fangen und Ähnlichem bekommen. Auch soll sich Fitnesssport künftig stärker im Vereinssport wiederfinden. Die 175-Jahr-Feier 2021 wirft ihre Schatten voraus, bei der alle Sparten auftauchen sollen. Und die Digitalisierung soll vorangetrieben werden. Schnitzerling zeichnet die Vision, dass in naher Zukunft jeder seinen Sport über eine App organisieren könne. Die sehr erfolgreichen Formationstänzer bereiten sich derzeit auf die Welt- und Europameisterschaften vor. Gerade erst abgeschlossen seien die Arbeiten an der Bogensportanlage, die behindertengerecht umgebaut worden sei. Um solche Projekte kümmere er sich nicht, sagt Schnitzerling. Sie würden von den Abteilungen in Eigenregie umgesetzt. Er komme ins Spiel, „wenn an der Substanz etwas geändert wird, wenn Genehmigungen eingeholt und Zuschüsse beantragt werden müssen“. Das Sportzentrum auf Zieten soll modernisiert werden, derzeit werden dort neue Räume angebaut.

Schlechtere Jahre

20 Millionen Euro setzt der Verein jährlich um. „In der Regel erwirtschaften wir einen kleinen Gewinn, um die Qualität der Angebote zu verbessern“, sagt Schnitzerling. Allerdings gebe es auch schlechtere Jahre durch Fehlentscheidungen und Rahmenbedingungen, die sich veränderten. Aber: „Ich kann keine Risikoschiene fahren. Mein Job ist es, zum Wohle des Vereins zu arbeiten.“

Eine Professionalisierung der Vereinsarbeit verneint Schnitzerling das ganze Gespräch über. Gelten lässt er allerdings, wenn er als Manager bezeichnet wird. Aber er stellt letztlich klar: „Wir sind sicher ein groß, wir sind sicher nicht unerfolgreich. Aber solange ich die Verantwortung trage, bleiben wir ein Verein.“

Der ASC 1846 Göttingen und der Bovender SV in Bildern

Bovender Sportverein

Auch für den Vorsitzenden des Bovender Sportvereins (BSV) ist ein funktionierendes Vereinsleben wichtiger Faktor für einen modernen Sportverein. „Teambuilding“ nennt Alexander Schneehain das. Angebote schaffen, bei denen Mitglieder Lust hätten, sich zu engagieren. Kleinere Vereine ohne Vereinsleben seien tot, so Schneehain.

Doch anders als Schnitzerling ist Schneehain der Ansicht, dass ein moderner Sportverein natürlich „stark professionalisiert“ sein sollte. Ehrenamtliche Strukturen von vor 20, 30 Jahren griffen nicht mehr die aktuellen Anforderungen auf, sagt Schneehain. „Allein in den letzten zehn Jahren hat sich durch gesetzgeberische Änderungen ein hohes Anforderungsprofil ergeben. Man differenziert beispielsweise gar nicht mehr zwischen einem Unternehmen wie Sartorius und einem Sportverein. Man differenziert auch nicht, ob der Sportverein 20000 oder 100 Mitglieder hat.“ Anforderungen wie Mindestlohn oder Dokumentationspflichten seien überall gleich. „Das kriegt man nicht mehr mit ehrenamtlichen Strukturen hin“, sagt Schneehain. Hier müssten Entscheidungsstrukturen geschaffen werden, die das aufnehmen. „Man braucht hauptamtliche Akteure, die dort aktiv sind.“

Vergrößerung der Geschäftsstelle

Hauptamtliche BSV-Geschäftsführerin ist Evelyn Hadenfeldt. Mit ihr arbeiten Verena Gieße, Heike Bubenheimer und Silke Lüdecke in Teilzeit als hauptamtliche Kräfte in der Geschäftsstelle. „Die ehrenamtlich geleiteten Stunden unserer Mitarbeiterinnen in der Geschäftsstelle ist weitaus höher als die vertraglich festgelegten“, sagt Hadenfeldt. Durch die räumliche Vergrößerung der Geschäftsstelle in diesem Jahr gebe es dort nun eine „professionelle Struktur“, bei der nun auch die Buchhaltung an dem Standort integriert sei. Auch dadurch, so Schneehain, sei der Verein für die Zukunft gerüstet.

Der BSV ist keinesfalls ein kleiner Verein. Mit seinen mehr als 2200 Mitgliedern – fast jeder dritte Bovender – ist er der mitgliederstärkste Sportverein im Kreissportbund Göttingen-Osterode. In 16 Abteilungen nutzen sie die Angebote des Vereins. Rund 120 Übungsleiter sind für den SV Bovenden tätig.

Mitgliedsbeiträge und Zuschüsse

Stefan Bömeke, BSV-Vorstand Finanzen, gibt den Jahresumsatz des BSV im Jahresbericht 2018 mit 360000 Euro an. Der größte Teil davon erwirtschaftet der Verein durch die Einnahmen aus den Mitgliedsbeiträgen und Zuschüssen. Wegen der Gemeinützigkeit wolle der Verein keinen Überschuss erwirtschaften. „Die ,schwarze Null’ ist immer schon ein toller Erfolg“, sagt Hadenfeldt. Die geringen Überschüsse der vergangenen Geschäftsjahre seien in der Regel zur Rücklagenbildung für zukünftige Instandhaltungsmaßnahmen verwendet worden.

Nach Schneehains Angaben habe der BSV schon vor Jahren die Satzung „entrümpelt“ und geändert. Ergebnis der Änderung war die „professionelle“ Aufstellung des Vereins mit einem schlagkräftigen Vorstand. So könne dieser schon mit zwei Vorstandsmitgliedern entscheiden, ohne dass es langwierige Vorstandsbeschlüsse und „Vereinsmeierei“ benötige, erläutert Schneehain, der seit 2015 als Vorsitzender den BSV ehrenamtlich leitet.

Gegen den landesweiten Trend

„Seit Jahren haben wir steigende Mitgliederzahlen“, sagt Schneehain. Die Zuwächse lägen bei zwei bis fünf Prozent. Das sei gegen den landesweiten Trend, hier würden die Sportvereine eher Mitglieder verlieren. Der boomende Hauptort Bovenden mit seinen Neubaugebieten spielt dem Verein in die Hände. Doch: „Die Leute kommen aber nicht von alleine“, sagt Schneehain. Gezielte Ansprache, Werbung und Präsenz bei Veranstaltungen müssten sein

Der BSV wolle die Bürger mitnehmen und zeigen: „Wir haben was für jeden etwas dabei.“ Wie etwa Trendsportarten. Als Beispiel nennt Schneehain das BSV-eigene Zentrum für Freizeit- und Gesundheitsport (ZFG), das als Halle für Nicht-Ballsportarten mit viel Eigenleistung des Vereins gebaut worden sei. Für Schneehain eine „goldrichtige Entscheidung“, seien doch die Kurse dort „proppenvoll“ – auch so ausgefallene Angebote wie griechischer Tanz, Tabata oder „functional training“.

Beschaffung von Fördergeldern

Die Investition in moderne Sportanlagen hält Schneehain für einen Verein immens wichtig. „Wir sind für die Verwaltung und Instandhaltung der Immobilien, die zum Teil Eigentum des Vereins sind, wie etwa ZFG und Tennishaus, verantwortlich“, sagt Hadenfeldt. Darüber hinaus habe sich der Verein bei allen Immobilien nicht nur finanziell stark beteiligt sondern sei zu dem für die Beschaffung von Fördergeldern bei Landessportbund, Landkreis Göttingen und Flecken Bovenden), die Planung und den Bau verantwortlich.

Dass der Verein Mitglieder gewinne, so Schneehain, liege zudem am Engagement der Mitglieder, der Ehrenamtlichen, der Geschäftstelle und des Vorstands und am „modernen breitgefächerten Angebot“ des Vereins. Er selbst investiere über das Jahr gerechnet etwa zehn Stunden pro Woche ehrenamtliche Vorstandsarbeit in den Verein. Außer Hadenfeldt arbeitet der komplette fünfköpfige Vereinsvorstand ehrenamtlich. Hinzukommen laut Hadenfeldt 50 Mitglieder, die in Vereinsausschüssen ehrenamtlich tätig sind. Aber: „Die Zahl der Ehrenamtlichen unseres Vereins und die Anzahl der geleisteten ehrenamtlichen Stunden ist sehr schwer zu beziffern“, sagt Hadenfeldt.

Familien integrieren

Das Vereinsangebot müsse geeignet sein, um neu nach Bovenden ziehende Familie zu integrieren und einen „tollen Standort“ anzubieten, sagt Schneehain. Auch bringe sich der Verein vor Ort ein – sei es bei verkausfoffenen Sonntagen, beim Bürgerfrühstück, bei der Kirmes, dem Treckertreff oder bei Kooperationen mit Kindergärten und beiden Bovender Schulen. Hier könne sich der Verein präsentieren und sein Angebot vorstellen.

Für den Bovender SV sei die Überalterung der Gesellschaft ganz klar auch eine Herausforderung. Das werde deutlich an vielen Vereinen, die mit anderen fusionierten. „Das Zusammengehen von Vereinen ist aber nicht unser Weg. Wir sind so aufgestellt, dass wir sagen, wir wollen, aus uns selbst heraus wachsen. Wir stehen aber zur Verfügung, falls kleinere Vereine mit uns zusammengehen wollen“, sagt Schneehain.

Trendsportarten anbieten

Für den BSV-Vorsitzenden Schneehain ist klar: „Ein Sportverein muss in Bewegung bleiben.“ Der BSV verfahre oft nach dem Prinzip „Trial and Error“: „Wir probieren Dinge aus. Klappen sie, freuen wir uns. Klappen sie nicht, stellen wir es ab und konzentrieren uns auf was Neues“, sagt Schneehain. Das alles gehe mit einem „schlagkräftigen Vorstand“. So komme ein Verein wie der BSV nicht umhin, Trendsportarten anzubieten. Und ist die Zahl der Aktiven bei anderen Sportarten, wie etwa Tennis, rückläufig, müsse reagiert werden. So seien jüngst von sieben Tennisplätzen zwei Plätze, auch aus Kostengründen, zurückgebaut worden. Dort befindet sich heute ein Beachvolleyballfeld.

„Du musst dich in alle Richtungen öffnen“, sagt Schneehain.

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Von Peter Krüger-Lenz und Michael Brakemeier

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