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Göttingen Prozess um Organskandal: Assistenzärzte belasten Chefarzt schwer
Die Region Göttingen Prozess um Organskandal: Assistenzärzte belasten Chefarzt schwer
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19:02 23.09.2013
Von Jürgen Gückel
Quelle: dpa (Symbolbild)
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Göttingen

Am Montag haben drei von vier als Zeugen gehörte Assistenzärzte ihren ehemaligen Chefarzt schwer belastet – nicht etwa den Angeklagten, sondern den früheren Direktor der Gastroenterologie, den 60 Jahre alten beurlaubten Giuliano R., gegen den die Staatsanwaltschaft seit einem Jahr gesondert ermittelt.

Er habe, sagte etwa ein 32 Jahre alter Arzt, in drei Fällen R.s Anweisung befolgt und Blutproben von schwer erkrankten Leberpatienten so mit vorher gewonnenem und behandeltem Blut verdünnt, dass der Patient erheblich schlechtere Gerinnungswerte aufwies.

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Die Folge war, dass diese Patienten im Meldesystem von Eurotransplant höher gelistet wurden und schneller zu einer neuen Leber kamen. In einem dritten Fall, gab der junge Arzt zu, habe er auf Anweisung von R. eine Blutprobe falsch beschriften müssen.

„Sehr ausgeprägten Hierarchie“

Warum er der Anweisung gefolgt sei? „Das frage ich mich im Nachhinein auch.“ Es habe damals eine Abhängigkeit von  Prof. R. gegeben, der er sich nicht habe entziehen können. Zwar habe R. keine konkreten Drohungen ausgesprochen, was passiere, wenn er nicht folgte, wohl „hat er es uns spüren lassen“.

Auch andere Assistenzärzte sprachen von einer „sehr ausgeprägten Hierarchie“. Der 32-Jährige sagt dazu: „Ein Einwand war nicht möglich.“

Befragt danach, ob auch der Angeklagte O. von den Manipulationen wusste, antwortet der junge Arzt: Nein, das könne er nicht bezeugen. Aber auffällige Veränderungen der Blutwerte hätte dieser erkennen müssen.

Verteidiger Steffen Stern will schließlich von ihm wissen, ob der Zeuge die Vorstellung hatte, dass er mit der Manipulation den Tod anderer Patienten in Kauf nahm. Dem entgegnet der Zeuge: R. habe gesagt, die Manipulation gleiche aus, was durch Medikamente verbessert werde.

Man müsse manipulieren

In Wahheit stehe es um die Patienten ja schlechter. Er habe geglaubt, „dass die Manipulationen Leben retten“ – und weiter: „Es ging immer um die Patienten von Professor R.

Auch ein anderer Asistenzarzt berichtete, von R. aufgefordert worden zu sein, Blutwerte zu fälschen. Das habe er entrüstet abgelehnt und die Kollegen in der Abteilung vor solchem Ansinnen des Chefs gewarnt. Ein dritter Arzt berichtete, wie R. gar vor Studenten gesagt habe, man müsse manipulieren, sonst könne man gar nicht genug transplantieren. „Da gab es ein gewisses Kopfschütteln.“

Währenddessen schrieb ein Anwalt im Auftrag der Uni-Medizin jede Ausage wörtlich mit. Das Gericht verbot dieses vom UMG-Vorstand beauftragte Protokoll, damit es künftigen Zeugen nicht bekannt wird.

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