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Göttingen Prozess um Organskandal in Göttingen: „Warum transplantieren Sie eine Leiche?“
Die Region Göttingen Prozess um Organskandal in Göttingen: „Warum transplantieren Sie eine Leiche?“
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19:54 24.09.2013
Von Jürgen Gückel
Quelle: dpa (Symbolfoto)
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Göttingen

Sie berichtete, wie die zunächst internen Ermittlungen der Ärzteschaft ins Rollen kamen, wie aus dem „ganz normalen Routinefall“ nach einem anonymen Anruf ein Skandal wurde und schließlich sämtliche deutschen Transplantationszentren wegen der in Göttingen aufgedeckten Unregelmäßigkeiten von der BÄK überprüft wurden.

An vier Zentren, so das Ergebnis des vor drei Wochen vorgelegten Abschlussberichts, seien systematische Richtlinienverstöße festgestellt worden.

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Von der Verteidigung gedrängt, welche Gründe sie für die Verstöße sähe, gab die 70-Jährige zunächst nicht die erwünschte Antwort. „Die Anzahl der Transplantationen zu steigern“ oder „persönlicher Ehrgeiz der Ärzte“, antwortete sie.

„Und die Patienten?“, fragte Verteidiger Steffen Stern – und meinte damit, dass Ärzte vielleicht deren Leben auch unter Umgehung der Regeln retten. „Das will ich nicht ausschließen. Dafür sterben aber andere.“

„Einer der besten Chirurgen"

Im Bezug auf die geforderte und bei Juristen umstrittene sechsmonatige Alkoholabstinenz von Leber-Transplantationspatienten sagte Rinder: „Es ist ja möglich – nehmen wir eine Mutter mit kleinen Kindern – dass man  Ausnahmen (von der Sechs-Monats-Regel) macht.“

Dem widersprach der Angeklagte. Diese Ausnahme von der BÄK-Regel gebe es eben nicht. Rinder musste schließlich einräumen, was die Oberstaatsanwältin ihr vorgab: „Dann muss man solche Patienten also sterben lassen?“ Antwort: „Ja!“

Neben Rinder wurden weitere Assistenzärzte befragt. Belastende Aussagen, wie am Vortag, gab es nicht. Von Manipulationen wollten alle höchstens als Gerücht etwas gehört haben. Einer erklärte, O. sei „einer der besten Chirurgen, die ich bisher kennengelernt habe“.

Eine Ärztin schwärmte, er sei ein „grandioser Operateur. Das hat mich beeindruckt. Ein geschmeidiges Operieren mit ihm.“

„Warum transplantieren Sie eine Leiche?“

Unter den jungen Ärzten auch jener, der den „russischen Patienten“, dessen Transplantation alle Ermittlungen auslöste, auf dem Rücktransport nach Sibirien begleitet hat. Dieser sei, als er in Göttingen war, „nur Haut und Knochen“ gewesen.

O. seien damals Vorwürfe von Kollegen gemacht worden: „Warum transplantieren Sie eine Leiche?“, zitierte ein anderer Assistenzarzt einen Kollegen. Heute arbeitet der Transplantierte wieder in seiner Firma in Sibirien.

Der Konflikt mit einem Anwalt, der alle Aussagen von Uni-Mitarbeitern im Auftrag des UMG-Vorstands protokolliert, ist geklärt. Er darf weiter notieren, darf die Mitschriften aber nicht aus der Hand geben.

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