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Göttingen „Hass und Feindschaft gegen Götzendiener“
Die Region Göttingen „Hass und Feindschaft gegen Götzendiener“
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00:17 05.12.2016
Von Matthias Heinzel
Beim Treffen im Mahatma-Gandhi-Haus in Göttingen.
Beim Treffen im Mahatma-Gandhi-Haus in Göttingen. Quelle: R
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Göttingen

Außerdem verurteilte ihn das Amtsgericht Göttingen dazu, an einem sozialen Trainingskurs teilzunehmen, um ihn von seinem radikalislamischen Kurs abzubringen. Die bisher mehr als 60 Deradikalisierungsstunden nutzten offenbar nicht viel: Bei der Veranstaltung im Mahatma-Gandhi-Haus der Afrikanisch-Asiatische Studienförderung (AASF) in der Theodor-Heuss-Straße hatte der Auszubildende unter dem islamischen Kampfnamen Abu Hurayra zu „Hass und Feindschaft gegen Götzendiener“ aufgerufen, „bis sie an Allah einzig und allein glauben“. Ziel sei es, „dazu beizutragen, einen islamischen Staat in unseren (den westlichen – Red.) Ländern zu gründen und die Gerechtigkeit wiederzubeleben“.

Danach sprach Furkan bin A. aus dem Raum Kassel, der Israel gerne auch als „dieses kleine Dreckstück“ bezeichnet, über die Rolle der Frau im Islam. Tenor: In der westlichen Welt seien die Frauen versklavt, ihre Freiheit gewönnen sie allein im Islam. Gefilmt und verbreitet wurde die Auftritte im Mahatma-Gandhi-Haus von der Vereinigung „Im Auftrag des Islam TV“.

Bei dem Treffen im Mahatma-Gandhi-Haus ebenfalls anwesend: Bernhard Falk. Der frühere Links-Terrorist, wegen vierfachen Mordversuchs und verschiedener Sprengstoffverbrechen 1999 zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt, ist mittlerweile zum Islam konvertiert und in der salafistischen Szene aktiv – unter anderem als Beobachter bei Strafprozessen gegen radikale Muslime.
Referent „Abu Hurayra“ hatte auch Kontakte zu Jacek S. - einem aus Polen stammenden 28-jährigen Göttinger, der sich Mitte 2015 im Irak als Selbstmordattentäter in Diensten des „Islamischen Staates“ in die Luft jagte. Das bestätigte der 21-Jährige in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk im März, betonte jedoch, kein IS-Sympathisant zu sein: „Wegen Meinungsverschiedenheiten“ habe er sich vor Jaceks Ausreise in den Irak von ihm distanziert.

Göttingen gilt mittlerweile als Brennpunkt der salafistischen Szene in Niedersachsen. Das Ziel: „die bedingungslose Bejahung der Ideen des Salafismus. Dazu zählt auch die Errichtung eines Kalifats als einziger glaubenskonformer Staats- und Gesellschaftsform“, erklärt die Göttinger Polizei.

Besonders stark, sagen Ermittler, seien in Göttingen Anhänger des früheren sogenannten „Kalifatsstaat“ um den auch als „Kalifen von Köln“ bezeichneten Metin Kaplan. Der heute 64-jährige wurde 2004 wegen Aufrufe zu Mord und allgemeinem Glaubenskampf mit dem Ziel der Weltherrschaft des Islam in die Türkei abgeschoben, seine Organisation verboten. Die von einem türkischen Gericht ausgeprochene lebenslange Freiheitsstrafe wurde im Jahr 2010 auf 17 Jahre und sechs Monate reduziert. Am 16. November wurde Kaplan wegen seiner Krebserkrankung aus der Haft entlassen.

Bedauern wegen
Vermietung

Der Verein Afrikanisch-Asiatische Studienförderung (AASF) zeigte sich entsetzt über die Enthüllungen über radikalislamische Vorträge in ihren Räumen. Verbindlich für den Verein seien seit seiner Gründung vor knapp 60 Jahren eine demokratische Orientierung, die Befürwortung der demokratischen Grundordnung, die Gleichberechtigung der Geschlechter, religiöse Toleranz gegenüber Andersgläubigen und eine „scharfe Ablehnung gegenüber radikalen Tendenzen (politisch wie religiös)“, erklärt die AASF in einer Stellungnahme.

Es sei „sehr zu bedauern“, dass am 8. Oktober in Räumen der AASF ein Seminar „einer radikalislamistischen Gruppe“ stattgefunden habe. Die Räume seien von einer Privatperson „missbräuchlich für eine ,private Feier‘ angemietet“ worden. Stattdessen hätten sich die Nutzer „als Salafisten entpuppt“, sagt Kahsai Wolde-Giorgis vom AASF-Vorstand.
Die AASF vermutet, dass der Verein mit radikalen Gruppierungen in einen Zusammenhang gebracht werden sollte. Als Konsequenz werde der Verein künftige Anmieter genauer überprüfen und sich Ausweispapiere vorlegen lassen, erklärt Wolde-Giorgis.