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Göttingen Rechter vor dem Richter und in der Zwickmühle
Die Region Göttingen Rechter vor dem Richter und in der Zwickmühle
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17:27 09.09.2013
Von Jürgen Gückel
Quelle: dpa (Symbolfoto)
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Göttingen

Diese Folgen haben einen inzwischen 20 Jahre alten Auszubildenden vor das Jugendschöffengericht Northeim gebracht. Beleidigung und Körperverletzung wird ihm vorgeworfen.

Weil er als einer mit rechter politischer Gesinnung schon bekannt ist, weil er außerdem vorbestraft ist wegen Körperverletzungsdelikten und unter Bewährung steht, ist er nicht nur vor den Richter, sondern auch in die Zwickmühle geraten: Bestreitet er, droht eine Beweisaufnahme mit bis zu 20 Zeugen und am Ende vielleicht eine Verurteilung, die dazu führen wird, dass seine Bewährung widerrufen wird.

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Dann muss er tatsächlich neun Monate in Jugendhaft. Die neue Strafe käme obendrauf. Kann er sich aber dazu durchringen, seine Schuld einzugestehen, sei es auch nur eine geringe Schuld, so stellt das Gericht in Aussicht, könnte eine Einstellung des Verfahrens möglich sein und die Bewährungsstrafe wäre nicht mehr von Bedeutung.

Angeklagt ist dies: Am 17. März 2012 soll der Angeklagte einen Gleichaltrigen ausländischer Abstammung in seiner Menschenwürde angegriffen und ihn „Kanacke“ genannt haben. Dann soll er mit seiner Jacke, in deren Ärmel eine Bierflasche steckte, nach dem Mann geschlagen haben. Der beschwerte Ärmel traf das Opfer an der Hand. Ein Finger wurde gebrochen.

Feilschen und Beraten

Der Verteidiger freilich hat schon im Ermittlungsverfahren betont, es habe „kein strafrechtlich relevantes Verhalten“ seines Mandanten gegeben. Vielmehr habe es eine tätliche Auseinandersetzung gegeben, in der auch der Angeklagte verletzt worden sei. Eine Beweisaufnahme werde das erbringen.

Doch diese Beweisaufnahme, so bieten Richter und Staatsanwalt an, könnte vermieden werden, wenn der 20-Jährige tätige Reue zeigt und dem Opfer Schmerzensgeld sowie dessen Anwaltskosten zahlt. Das Opfer nämlich ist mit einem Nebenklagevertreter zugelassen.

Es beginnt ein Feilschen und Beraten in immer wieder neuer Konstellation: mal Anwalt, Staatsanwalt und Richter, mal Nebenkläger und Verteidiger, mal Verteidiger und Mandanten, mal Berufsrichter und Schöffen. Es geht um 1500 Euro Schmerzensgeld, die das Opfer will, und noch einmal rund 1500 Euro Nebenklagekosten.

Aggressionskontrolltraining erfolgreich abgeschlossen

Die Mutter des jungen Mannes will das gar nicht einsehen, dass der Sohn zahlen soll. Sie reicht Fotos herum, die den Angeklagten nach der vorgeworfenen Tat zeigen: die Nase bandagiert, Abschürfungen im Gesicht, dickes Veilchen. Man könnte ihn für das Opfer halten. Und außerdem, so behauptet sie, soll das Opfer gesagt haben, es wisse selbst nicht mehr, wie der Streit begann.

Ja wohl mit dem Wort „Kanacke“. Auch der Angeklagte selbst verspricht, sich von den „Rechten“ künftig zu distanzieren, das „Risiko im Umfeld der Kumpels mit rechter Gesinnung“ möglichst zu meiden. Auch habe er ein Aggressionskontrolltraining erfolgreich abgeschlossen, berichtet die Jugendgerichtshelferin.

Nach einer Stunde Feilschen in unterschiedlicher Besetzung sagt der Angeklagte die Zahlung von 2500 Euro an das Opfer zu, darin enthalten dessen Anwaltskosten. Danach stellt das Gericht das Verfahren vorläufig ein. In neun Monaten wird die Akte endgültig zugeklappt. Und wenn er durchhält, keine weiteren Taten mehr begeht, wird er wohl auch seine Bewährungszeit in der anderen Sache überstehen.