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Göttingen Reiffenhausen: Opfer zum Bach gelockt und hingerichtet
Die Region Göttingen Reiffenhausen: Opfer zum Bach gelockt und hingerichtet
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00:28 20.02.2015
Von Jürgen Gückel
Aufregung in Reifenhausen: Mit Flugblättern wird die Polizei am Mittwoch um weitere Hinweise bitten.
Aufregung in Reifenhausen: Mit Flugblättern wird die Polizei am Mittwoch um weitere Hinweise bitten. Quelle: Vetter
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Reiffenhausen

Vorausgegangen war offenbar eine Strafanzeige und belastende Aussagen des späteren Opfers bei der Polizei gegen den früheren Partner der Schwester, Christian M.. Dabei soll es um Diebstähle gegangen sein. Die junge Frau hatte sich – offenbar auch auf Druck der Familie – von dem 28-Jährigen im Oktober vergangenen Jahres getrennt. Christian M. war nach dem mysteriösen Verschwinden von S. am Abend des 2. Februar schnell in Verdacht geraten. Schon vier Tage nach dem Verschwinden, als S. noch vermisst wurde, hatte die Polizei seine Wohnung in Rittmarshausen durchsucht. Am Donnerstagnachmittag war er dann festgenommen und am Freitag dem Haftrichter vorgeführt worden, der dringenden Tatverdacht wegen eines Tötungsdeliktes bestätigte und Untersuchungshaft gegen M. anordnete. Seither befindet sich der verdächtige 28-Jährige in der JVA Rosdorf. Er schweigt zu den Vorwürfen.

Die Angehörigen haben erst am Dienstagnachmittag von den Umständen des Mordes erfahren, dabei auch die Tatsache, dass als Hauptverdächtiger jemand gilt, der in der Familie in Reiffenhausen lange aus- und ein ging.

Nach Tageblatt-Informationen sollen der oder die Täter in einem Internet-Chat Kontakt mit dem späteren Mordopfer aufgenommen und sich dabei als Mädchen oder junge Frau ausgegeben haben. Am Tattag sei es dann zu einer Verabredung am Schleierbach nahe der Klippmühle gekommen, wo der 27-Jährige mit seinem Elektro-Fahrrad hin fuhr. Dort muss der Mörder bereits in der Dunkelheit auf sein Opfer gewartet haben. Das E-Bike wurde später an anderer Stelle wiedergefunden. Ob es der Täter benutzt hat und dort abstellte, um vom Tatort abzulenken, ist unklar. Inzwischen geht die Mordkommission offenbar auch davon aus, dass der spätere Fundort der Tatort war. Es soll noch in dieser Woche am Schleierbach mit Metallsuchgeräten nach Patronenhülsen aus der Tatwaffe gesucht werden. Die Tatwaffe bleibt bisher verschwunden. Eine Flugblatt-Aktion der Polizei soll weitere Zeugenhinweise erbringen.

Vergessener Notruf: Rückruf der Polizei führt in die Irre

„Sie haben einen Notruf abgesetzt!?“ Der Rentner aus einem kleinen Dorf in der Gemeinde Friedland war überrascht. Die Polizei wollte von ihm wissen, warum er angerufen habe. Er aber hatte vor dem Fernseher gesessen und sein Telefon seit Stunden nicht berührt.
Diese Szene spielt am Montag, 2. Februar, kurz nach 19 Uhr. Mutmaßlich Minuten vorher war am Schleierbach in Reiffenhausen Daniel S. erschossen worden. Offenbar war es ihm gelungen, noch einen Notruf an die Polizei von seinem Handy aus abzusetzen, ehe er starb. Dieser Ruf  (110) lief bei der zentralen Notrufnummer der Polizei Thüringen auf, was sich durch die grenznahe Lage des Schleierbachs erklärt, bestätigt Andreas Buick, Sprecher der Staatsanwaltschaft Göttingen. Warum aber rief die Polizei Thüringen bei dem unbeteiligten Rentner zurück? Und warum wurde der ehemalige Ratsherr der Gemeinde Friedland danach über Tage von Anrufern behelligt, die allesamt das Mordopfer Daniel S. suchten?

Inzwischen ist klar: Das Handy des Mordopfers war umgeleitet worden. Ob vom Täter nach der Tat oder vom Opfer selbst, das mit dem neuen Smartphone nicht zurecht kam und es irrtümlich auf eine wildfremde Telefonnummer umleitete, ist unklar. Die Telefonnummer des Rentnerpaares jedenfalls besteht aus einer Kombination aus der Festnetz-Vorwahl von Friedland und der alten Handy-Telefonnummer des Opfers. Sollte Daniel S. kurz vor seinem Tod tatsächlich einen Notruf abgesetzt haben, musste der Rückruf durch die Polizei zwangsläufig in die Irre gehen.

Ebenso all die Anrufe, die das Rentnerpaar in den zehn Tagen bekam, ehe das Mordopfer gefunden wurde. Da riefen Angehörige an, die Daniel S. suchten, da meldeten sich Kumpels, die bei ihm ein Auto reparieren lassen wollten. Einmal, so der Ex-Ratsherr, als er ärgerlich reagiert habe, habe sich die Schwester des Gesuchten zu erkennen gegeben. Am Mittwoch vergangener Woche dann morgens ein anonymer Anruf. Wenig später erschien die Polizei bei dem Rentnerpaar, ermittelte alle Telefonnummern, von denen aus S. gesucht worden war und suchte vorsorglich auch Garten und Nachbargrundstück der Rentner nach Spuren vom Vermissten ab. Dem mysteriösen Notruf bei der Polizei aber ging niemand nach. Erst als das Tageblatt am Dienstag zum wiederholten Male darauf bestand, zu erfahren, wann und wo genau der Notruf eingegangen war und ob dabei etwas zu hören war, wurde der Spur nachgegangen – 15 Tage nach dem Mord.        ck