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Göttingen Revierstreit unter Jägern, der zum Himmel stinkt
Die Region Göttingen Revierstreit unter Jägern, der zum Himmel stinkt
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20:04 24.07.2011
Von Jürgen Gückel
Einer von rund 300 heimlich angebrachten Duftzaun-Klecksen zwischen zwei Revieren in Adelebsen.
Einer von rund 300 heimlich angebrachten Duftzaun-Klecksen zwischen zwei Revieren in Adelebsen. Quelle: EF
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Dass man mit dem Mittel Hagopur wirksam Schalenwild (Rehe, Wildschweine) abschrecken kann, machen sich Jäger und Verkehrsbehörden schon lange zu Nutze. Entlang von Straßen sperren fachmännisch angebrachte Duftzäune alte Wildwechsel und vermindern so die Gefahr von Wildunfällen. In Adelebsen bewirkt der unsichtbare Zaun eher das Gegenteil: Weil er teils entlang einer Kreisstraße einseitig im Wald verläuft, kreuzen Tiere, die abgeschreckt werden, die Straße gleich zweifach.

Die entscheidende Folge aber: Ein Wechsel von Reh- und Schwarzwild zwischen Wald- und Feldrevier findet nicht mehr statt. Schon im Vorjahr, so Revierpächter Reinhard H. auf Tageblatt-Anfrage, habe er seinen Abschussplan (vier Rehe) nicht erfüllen können, habe nächtelang angesessen, ohne dass sich im Feldrevier etwas rührte. Erst im späten Frühjahr habe er im Nachbarrevier alle fünf bis zehn Meter die Duftmarken entdeckt. Rund 300 dokumentierte er mit der Digitalkamera.

H. forderte den für die Anbringung der Marken verantwortlichen der drei benachbarten Pächter auf, diese zu entfernen. Nichts geschah. Er schaltete die Göttinger Jägerschaft ein, dessen Vorsitzender Dieter Hildebrandt vermittelnd einzugreifen versuchte. Nichts geschah. Nach sechs Wochen informierte H. die Jagdbehörde. Die prüft nun die Einleitung eines Ordnungswidrigkeitsverfahrens, bestätigt Kreisdezernentin Christel Wemheuer (Grüne). Schäden, so sagt sie, müsse der Pächter aber privatrechtlich geltend machen.

Von den drei Revierpächtern hat sich trotz Tageblatt-Anfrage bisher niemand erklärt. Der Vorsitzende der Realgemeinde, Vater eines der Pächter, erklärt, der Duftzaun habe vor „krankgeschossenem Wild aus dem Nachbarrevier“ schützen sollen. Tatsächlich hat er den Grundeigentümern des Waldreviers wohl eher geschadet, denn Rehe, die nicht aufs Feld wechseln können, verbeißen junge Bäume viel stärker, erklärt ein Forstökologe.
Dass ein Pächter mit solchen Mitteln Wild in seinem Wald hält, ist auch für die Landesjägerschaft einmalig. Im Kampf um den Grenzbock, so ein Sprecher, sei wohl schon einmal Duftabschreckung an dessen Wechseln eingesetzt worden, aber noch nie über kilometerlange Reviergrenzen. Das sei „einfach nicht waidgerecht, schon gar nicht ritterlich und ein Verstoß gegen die Waldgerechtigkeit“, sagt Hildebrandt.

Dabei ist der Einsatz von Hagopur nicht ausdrücklich verboten. Das Jagdgesetz verbietet nur Lappjagden (Lappen als Scheuchmittel) an der Reviergrenze. Wild ist ausdrücklich herrenlos und das Absperren von Revieren damit sinngemäß verboten. Übertragen könnte das auch für Duftzäune gelten, ist aber noch nicht gerichtlich ausgeurteilt worden.

Inzwischen, so der Realgemeinde-Chef, seien die Duftmarken beseitigt. Dem widerspricht der Nachbar. Es seien nicht alle gefunden worden. Die unsichtbare Demarkationslinie zwischen zwei Revieren und zwei Pächtern bleibt also.