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Göttingen „Rocker gehen immer davon aus, dass ihre Telefone abgehört werden“
Die Region Göttingen „Rocker gehen immer davon aus, dass ihre Telefone abgehört werden“
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17:20 26.08.2013
Quelle: dpa (Symbolbild)
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Göttingen

Muss sie handeln, wenn sie von Gefahren für einen Rocker erfährt, der selbst bekannt ist für eingeschränkte Gesetzestreue. Auch  wenn das zugleich groß angelegte Ermittlungen gefährdet?

Ein solcher Konflikt wurde jetzt im Göttinger Amtsgericht offenbar. Es ging um den Verdacht räuberischer Erpressung und Körperverletzung an einem ausgestoßenen Mitglied eines Motorrad-Clubs.

Der Mann, eine schillernde Figur mal in der rechten Szene, mal in Rockerkreisen, hatte den Prozess durch seine Anzeige ins Rollen gebracht – und tat jetzt alles, um nicht gegen die Ex-Kumpels aussagen zu müssen. Es war schon der vierte Anlauf, endlich zu verhandeln. Stets hatte sich der Belastungszeugegedrückt.

Den beiden angeklagten Rockern, 34 und 38 Jahre alt, Mitglieder der Göttinger Red Devils, einem Unterstützer-Club der Hells Angels, wurde vorgeworfen, das Opfer mit Drohungen unter Druck gesetzt zu haben. Sie hätten versucht, ihm 1100 Euro und ein 2000 Euro teures Motorrad der Marke Suzuki abzupressen.

„Ne große Wohnung“

Dazu hätten sie ihm angekündigt, ihm das Haus anzuzünden und ihn aufzuschlitzen. Dreimal soll ihm der Ältere mit der Hand ins Gesicht geschlagen haben. Am Ende habe der Erpresste den Angeklagten 300 Euro bezahlt und das Motorrad samt Schlüssel und Papieren übergeben.

Die Angeklagten, beide ausgesprochen stabil und von versteinerter Miene, schweigen. Das Opfer auch. Es ist wieder nicht gekommen. Der Verdacht steht im Raum, dass es die Angeklagten falsch belastet hat und jetzt schweigt, um sich selbst nicht der Falschbezichtigung zu überführen. Der Richter setzt die Polizei in Marsch, um bei dem Zeugen zu klingeln.

Wenig später schrillt das Telefon im Gerichtssaal. Ein Polizist berichtet, dass die Freundin des Zeugen geöffnet habe und behaupte, sie wisse nicht, ob der Mann da sei. Sie habe dann nachgesehen und behaupte nun, ihn nicht gefunden zu haben.

„Ne große Wohnung“, scherzt noch einer der Verteidiger. Sie solle dem, den sie nicht gefunden hat, ausrichten, dass er mitkommen müsse ins Gericht, lässt der Richter mitteilen. „Das werde abgelehnt“, teilt die Polizei mit. Eine Rechtsgrundlage, den Zeugen zwangweise vorzuführen, sieht der Richter nicht.

Doch lieber ein Auto

So werden zunächst die Zeugen gehört, die da sind. Das ist zum einen ein Mit-Rocker. Der relativiert die Sache mit dem Motorrad. Von wegen erpresst? Das sei doch sein Motorrad, sagt der Zeuge.

Er habe es dem neuen Mitglied der Red-Devils, also dem angeblich Erpressten, ordnungsgemäß verkauft, weil man doch als Motorradclub-Mitglied ein solches haben sollte. Doch der Neue habe es nicht einmal fertiggebracht, die Suzuki zügig umzumelden. Er habe gar ein Ticket wegen Falschparkens bezahlen müssen, weil das Motorrad noch auf ihn zugelassen war, klagt der Zeuge.

Schließlich habe der Käufer die Suzuki zurückgeben wollen, weil er doch lieber ein Auto wollte. Das Motorrad sei ja auch nicht mehr nötig gewesen, denn bei den Red Devils war er schon wieder raus, weil er den Kumpels edle Smartphones zum halben Preis versprochen und nicht geliefert habe. Er habe die Maschine zurückgenommen und die bezahlten 2000 Euro bar zurückgegeben, so der Zeuge.

Trotzdem hatte er lange nichts von der Suzuki, denn die hatte die Polizei beschlagnahmt. Der Zeuge musste gar vor dem Amtsgericht einen Zivilprozess gegen die Staatsanwaltschaft führen, um die Karre herauszubekommen. Darin konnte er beweisen, dass er der Eigentümer ist. Die Polizei hätte sich da wohl verhört.

Heimlich mitgehört

Verhört? Die Frage klärt sich, sowie ein Zeuge des Landeskriminalamtes auftritt. Der LKA-Mann ist Hauptsachbearbeiter eines Drogenverfahrens. Über Monate hörten er und Kollegen mehrere Mitglieder der Göttinger Red Devils wegen des Verdachts des Drogenhandels am Telefon ab.

Dabei hatten sie zugehört, wie der eine Abgehörte dem anderen berichtete, dass er dem Opfer gedroht habe. Man habe von diesem verlangt, die Maschine herzugeben und „300 Euro, dann bist du raus“. Das, so der Zeuge, sei „im Bereich der Rockerkriminalität nicht ungewöhnlich, dass Entschädigungen verlangt werden, wenn einer was verspricht und nicht hält.“

Der LKA-Mann muss aber einräumen, dass nicht alle Äußerungen der Rocker nachzuvollziehen waren, weil wohl teils verklausuliert. „Rocker gehen immer davon aus, dass ihre Telefone abgehört werden.“

Diesmal also hörten die Polizisten heimlich am Telefon, wie das wieder rausgeschmissene Neumitglied bedroht wurde. Sie entschlossen sich, ihn zu schützen. Folge war die Anklage. Aber auch, dass im Drogen-Verdachtsfall fortan nicht mehr telefoniert wurde. Dieses Verfahren wurde nach Monaten der Überwachung eingestellt.

Auch im aktuell verhandelten Erpressungs-Fall blieb dem Gericht ohne Belastungszeugen nichts anderes übrig: Einstellung gegen 300 Euro Geldauflage wegen gringer Schuld gegen den 38-Jährigen. Der Jüngere wurde ganz freigesprochen.