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Göttingen „Stadthalle in Neubauqualität bis 2021“
Die Region Göttingen „Stadthalle in Neubauqualität bis 2021“
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15:21 30.03.2019
In der Diskussion: die Stadthalle in Göttingen. Quelle: Christina Hinzmann
Göttingen

„Die geplante Entkernung garantiert eine Stadthalle in Neubauqualität bis 2021.“ Diese Auffassung vertritt die frühere Kulturdezernentin Dagmar Schlapeit-Beck im Tageblatt-Interview.

Dagmar Schlapeit-Beck Quelle: Harald Wenzel

Die Sanierung der Stadthalle war eigentlich beschlossene Sache. Jetzt flammt die Diskussion wieder auf. Sind Sie davon überrascht?

Nein, bin ich nicht. Die Kosten für die Sanierung und Entkernung der Stadthalle werden sich deutlich erhöhen. Die politische Aufregung darüber ist für mich zunächst verständlich. Es ist richtig, vor Einleitung weiterer Schritte noch einmal grundsätzlich über das Bauvorhaben zu sprechen. Dabei stellt „Die Linke“ das Bauvorhaben sogar grundsätzlich infrage „Wir brauchen keine Stadthalle“. CDU und FDP fordern die erneute Prüfung des Standortes und des Konzeptes, als ob es diese nicht längst gegeben habe. Wer jedoch die Kosten in den Vordergrund stellt, muss sich fragen lassen, wie sich der berechtigte Ärger über die Kostensteigerung der Sanierung mit kalkulierten Kosten eines Neubaus von bis zu 63, 5 Millionen Euro verträgt?

War der Sanierungsbeschluss also voreilig?

Nein, die Prüfungen zum Sanierungsbedarf der maroden Halle, zum neuen Raumkonzept, zum Standort, zu den Besucherströmen, zur Verkehrsanbindung, Parkplatzsituation und Umfeldplanung begleiten uns bereits seit einem Jahrzehnt. Offizielle Studien wurden seit 2012 in Auftrag gegeben, sowohl unter Beteiligung der Nutzer der Stadthalle, von Politik, internen und externen Experten/innen als auch der Bürgerschaft. Alternativplanungen westlich der Lokhalle wurden erstellt und verworfen.

Warum zieht sich die Diskussion so lange hin? Schließlich waren Rat und Verwaltung schon zu Beginn dieses Jahrzehnts mit der Frage der Stadthallensanierung beschäftigt.

Der Prüfungsaufwand einer solch komplexen Fragestellung ist immens. Aus diesem Grunde sollte man die bereits geklärte Standortfrage jetzt auch nicht noch einmal aufrollen und die bisherige Entscheidung einer Grundsanierung baldmöglichst umsetzen.

Inzwischen steht – zumindest theoretisch – auch ein Neubau wieder zur Debatte. Wofür plädieren Sie – Sanierung oder Neubau? Konzerthalle oder Multifunktionsbau?

Ich plädiere unbedingt für die Umsetzung des bisherigen Sanierungskonzeptes. Die geplante Entkernung garantiert eine Stadthalle in Neubauqualität bis 2021. Diese neue Stadthalle am alten Standort wird wieder eine Mehrzweckhalle sein. Diese völlig modernisierte Stadthalle sichert aber dem GSO und den Int. Händel-Festspielen bessere Auftrittsbedingungen als je zuvor.

Die Stadthalle in Göttingen ist eine Mehrzweckhalle und nicht nur Heimatstandort des Göttinger Symphonieorchesters. Das GSO nutzt die Halle für ca. 20 Konzerte im Jahr. Daneben war die Halle auch immer zentraler Auftrittsort für die Internationalen Händel- Festspiele. Insgesamt fanden weitere ca. 100 Veranstaltungen pro Jahr in der Stadthalle statt, wie etwa kulturelle Tourneeveranstaltungen, die Kunst-Gala, Pop-Konzerte, Abi-Bälle, Empfänge, Messen, kleinere Kongresse oder soziale Veranstaltungen wie „Keiner soll einsam sein“. Die Stadthalle war stets ein Kompromiss für alle, sie war weder akustisch eine optimale Philharmonie noch ein zeitgemäßes Kongressgebäude, wegen der mangelnden Nebenräume oder der unzureichenden Freiraumanbindung an den Cheltenhampark und seit Jahren bedingt durch Abgängigkeit des Gebäudes ohne eigene Gastronomie. Was eine solche positiv durch Belebung und Attraktivierung des Standortes auslöst, erleben wir beim Deutschen Theater, das durch sein auch tagsüber geöffnetes Bistro mehr ist als eine Spielstätte, sondern auch Treffpunkt, Ort der Begegnung und Portal in die Innenstadt.

Gravierend ist der Verlust der Stadthalle bereits während der Interimsphase seit November 2018 für die Göttinger Kultureinrichtungen wie dem Göttinger-Symphonie- Orchester oder den Internationalen Händel-Festspielen. Sollte die Stadthalle gleich ganz wegfallen, wie die Linke fordert, wäre die Existenz des GSO und der Händel-Festspiel bedroht. Die Ausweichquartiere wie die Lokhalle, die Sparkassen-Arena oder die Innenstadtkirchen stellen zeitlich befristete Kompromisse an die Auftrittsbedingungen, die Akustik, an den Zuschauerraum oder die Zuschauerzahl dar, die die Zuschussgeber und die Besucher/innen aufgrund der damit verbundenen Qualitätsverluste nur vorübergehend tolerieren werden.

Ab 2021 soll die sanierte Stadthalle wieder bezugsfertig sein, was bereits heute durch die Verzögerungen durch die erneute Beratung und Infragestellung der Sanierung gefährdet erscheint. Und nicht nur der musikalische Qualitätsverlust durch die Alternativstandorte ist bedeutsam, sondern auch die damit verbundene Kostensteigerung. Denn die Ausweichquartiere müssen für die klassischen Konzerte kostenaufwändig hergerichtet werden und verfügen über eine geringere Zuschauerauslastung, was die Einnahmen schmälert.

Wäre eine sanierte Stadthalle das, was Göttingen und die hiesigen Akteure wie GSO und Händel-Festspiele benötigen, oder das, was Göttingen sich leisten kann und will?

Ein reines Konzerthaus, wie es einmal von der GWG westlich der Lokhalle geplant war, wäre in Göttingen nicht ganzjährig ausgelastet und daher nicht wirtschaftlich zu betreiben. Die Neubauüberlegungen führen neben den erheblichen Mehrkosten zu gravierenden Zeitverlusten. Mit einer solchen Halle wäre frühestens 2026 zu rechnen. Ein solcher Zeitverlust würde dem Göttinger Kulturleben massiven Schaden zufügen. Meine Sorge dabei ist, dass sowohl das Göttinger-Symphonie-Orchester als auch die Internationalen Händel-Festspiele eine siebenjährige Interimszeit in Raumprovisorien nicht überstehen.

Bereits zu meiner Amtszeit als Kulturdezernentin wurde ich laufend mit der Frage konfrontiert, warum sich Göttingen ein eigenes Orchester und die Händel-Festspiele leiste. Für mich sind diese beiden Kultureinrichtungen, die existentiell auf die Stadthalle angewiesen sind, identitätsstiftend nicht nur für das kulturelle, sondern auch für das gesellschaftliche Leben in Göttingen. Aus den Kreisen der Grünen kam immer wieder der Hinweis, ein eigenes Orchester in Göttingen würde viel kosten, sei aber als B-Orchester nur musikalisches Mittelmaß. Internationale klassische Tourneeanbieter würden erstklassige Konzerte zu günstigeren Konditionen durchführen. Hierbei vergisst die Politik jedoch die Breitenwirkung des Göttinger-Symphonie-Orchesters, seine Verankerung in der Stadtgesellschaft, seine Arbeit an Schulen und der Universität, in sozialen Einrichtungen, wie etwa das Konzert für ältere Menschen vor Weihnachten oder die kostenlosen Begrüßungskonzerte für Flüchtlinge, Unterhaltungsformate wie bei der Nacht der Kultur am Gänseliesel, seine Mitwirkung an der hervorragenden Kirchenmusik unserer Kantoreien, die Arbeit in der Musikpädagogik und nicht zuletzt die überregionale Ausstrahlung Göttingens als niedersächsisches Reiseorchester. Das GSO ist in Göttingen stets präsent und erlebbar und führt Menschen aller Generationen und aller Kulturen an klassische Musik heran. Denn Musik ist international.

Göttingen als Wissenschaftsstandort benötigt musikalische Angebote auf hohem Niveau auch für das internationale wissenschaftliche Publikum, für das eine Theaterveranstaltung aufgrund der Anforderungen an die deutsche Sprache schwerer nachzuvollziehen ist. Wer das GSO-Publikum erlebt, erkennt, dass heute sicher ein Drittel der Besucher/innen Studierende, häufig auch aus dem Ausland sind, die mit Hilfe des Kulturtickets des AStA den Weg ins Konzert gefunden haben. Aber auch beim übrigen Publikum fällt ein großer Teil Besucher mit ausländischer Herkunft auf, denn Musik ist für alle verständlich.

Das GSO und die Händel-Festspiele sind auch Standortfaktoren für Göttingen, nicht nur für die Wissenschaft, auch für die Wirtschaft. Die Internationalen Händel-Festspiele sind substanziell auf öffentliche und private Förderer und Sponsoren angewiesen. Die öffentlichen Zuschussgeber, wie der Bund oder das Land Niedersachsen verlangen für ihre allerdings zu niedrigen Zuwendungen eine exzellente musikalische Qualität, die die Festspiele bisher garantieren. Damit strahlen die Händel-Festspiele nicht nur überregional, sondern auch international über Göttingen hinaus. Die Händel-Festpiele sind die Göttinger Kulturveranstaltung mit dem höchsten Bekanntheitsgrad außerhalb von Göttingen und die einzige Kulturveranstaltung mit einer nennenswerten Zahl ausländischer Gäste.

Die Festspiele sind das kulturelle Highlight in Göttingens oder sogar im Kalender Südniedersachsens, da die Festspiele auch eine starke Präsenz in der Region pflegen. In der Festspielzeit wird die Stadt herausgeputzt, die Innenstadt und ihre Schaufenster sind dekoriert, Besucher frequentieren die City, die Geschäfte, die Hotellerie und Gastronomie. Wer wollte das missen? Klassische Musik auf höchstem Niveau ist das eine, ein identitätsstiftendes kulturelles Angebot für viele Menschen in und um Göttingen, aber auch für ihre Gäste ist das andere.

Die deutliche Unterstützung und Identifizierung der Region mit den Festspielen erkennt man auch an dem aktiven Förderverein, dem „Händel-Gesellschaft e.V.“ mit seinen mehr als 1.000 zahlenden Migliedern, an den Mitgliedern des Händel-Clubs und an den zahlreichen privaten Förderern und Sponsoren, ohne die es die Festspiele nicht gäbe. Die Eintrittspreise befinden sich im eher höheren Segment, so dass auch die Besucher und Besucherinnen mit ihren Einnahmen zu einem Drittel der Gesamtkosten der Festspiele beitragen. Die Händel-Festspiele setzen ihren sozialen Auftrag für die Allgemeinheit um und bieten Breitenveranstaltungen wie das sing-along, die Jugend-Oper oder das kostenlose public-viewing in der Lokhalle an. Alle Bürgern und Bürgerinnen soll das Erlebnis Barockmusik zugänglich gemacht werden.

Die Aussage des Intendanten Tobias Wolff, sein Herz schlage für einen Neubau der Stadthalle, ist verständlich. Wir werden jedoch kein reines Konzerthaus mit akustisch optimaler Umgebung a lá Elbphilharmonie bekommen. Aber wir erhalten in absehbarer Zeit eine völlig modernisierte Stadthalle, die dem GSO und den Händel-Festspielen bessere Auftrittsbedingungen garantiert, als je zuvor. Und das am geeigneten und etablierten Standort.

Inwieweit waren das Göttinger Symphonie Orchester und die Händel-Festspiele im Entscheidungsprozess eingebunden? Hatten die tatsächlich die Chance, offen Wünsche und Ziele zu formulieren.

Ja, selbstverständlich. Beide Kultureinrichtungen wurden bei allen Prüfungsschritten einbezogen, sowohl durch die Kultur- als auch durch die Bauverwaltung, in den Ratsgremien wie im Kultur- und Bauausschuss, in den Aufsichtsräten, durch die Gutachter und als Experten in den Fachworkshops. Die Klage des von mir sehr geschätzten ehemaligen Generalmusikdirektors Christoph-Mathias Mueller, am bisherigen Prozess sei das GSO nicht beteiligt gewesen, ist nachweisbar unrichtig. Nur, es können auch in einer zukünftigen Mehrzweckhalle nicht alle musikalischen und akustischen Anforderungen des GSO wie in einem reinen Konzerthaus erfüllt werden.

In der Diskussion um die Stadthalle wird immer wieder ein Gutachten angeführt. Um welches Gutachten handelt es sich? Oder ist damit der IMKEM-Bericht gemeint?

Die Frage kann ich nicht beantworten.

Wer hat diese Ausarbeitung beauftragt und was ist deren Kernaussage?

Der Auftrag für den IMKEM-Bericht erfolgte durch die Verwaltung. Der Bericht wurde im Rat der Stadt öffentlich vorgestellt und hat sich eindeutig für das heutige Sanierungskonzept ausgesprochen.

Was spricht für den Standort Albaniplatz – und was dagegen?

Die viel verspottete und wenig geliebte veraltete Stadthalle war dennoch bei der Bevölkerung aus Göttingen und der Umgebung sehr akzeptiert. Der Standort am Albaniplatz ist organisch in das Stadtleben integriert. Zahlreiche Besucheranalysen haben nachgewiesen, daß ein erheblicher Teil des Publikums zu Fuss, mit dem Rad oder den öffentlichen Vekehrsmitteln zu den Veranstaltungen kommt. Es werden dort also deutlich weniger Parkplätze benötigt als bei dem bisher alternativ geprüften Standort westlich der Lokhalle, ist also durchaus nachhaltig. Im Stadtraum erleben wir die Besucher und Besucherinnen, die abends zur Stadthalle gehen. Und im Anschluss besuchen die Gäste häufig die Innenstadt, flanieren oder kehren in die umliegende Gastronomie ein.

Die Stadthalle am Albaniplatz ist ein belebendes Element der Innenstadt. Und Innenstädte haben häufig das Problem der Verödung. Göttingen hat sich bisher gegen diesen Trend gestellt. Und dazu gehört auch, Innenstadt anders zu definieren, als nur durch shopping. In Zeiten des internets brauchen Menschen Anlässe, die Innenstadt aufzusuchen. Und dazu gehört Kultur und Wissenschaft.

Die Stadthalle ist als Ergänzung von Universitäts-Aula und dem Tagungs- und Veranstaltungszentrum am Wilhelmsplatz auch ein geeignetes Vortrags- und Kongressgebäude. Für mich spricht nichts gegen den heutigen Standort.

Wer jetzt eine jahrelange Standortuntersuchung und -prüfung einfordert, muss mit einem realistischen Fertigstellungsdatum von frühestens 2026 rechnen. Wer nunmehr den Planungsprozess grundsätzlich neu aufrollen will, verliert bis zu einem Jahrzehnt. Weder das Göttinger-Symphonie-Orchester noch die Int. Händel-Festspiele werden sich über einen solch langen Zeitraum in kompromissbehafteten Ausweichquartieren halten können. Die Kritiker dieser Kultureinrichtungen erhalten mit ihren Einwänden einer vermeintlich zu teuren und elitären Kulturförderung Oberhand, die Sponsoren verlieren das Interesse, Göttingen erfährt einen Bedeutungsverlust. Lassen Sie uns das verhindern!

Zur Person

Dr. Dagmar Schlapeit-Beck war bis 2016 Kulturdezernentin der Stadt Göttingen, arbeitet jetzt als freie Journalistin und ist unter anderem Vorstandsmitglied der „ Internationalen Händel-Gesellschaft e.V.“ und Mitglied in den Fördervereinen von GSO, Deutschem Theater und Jungem Theater.

Diskussionsrunde am Sonntag im DT

Eine öffentliche Diskussionsrunde zur Zukunft der Stadthalle ist für Sonntag, 31. März, im Deutschen Theater Göttingen geplant.

So erreichen Sie den Autor:

per E-Mail: c.oppermann@goettinger-tageblatt.de

Twitter: https://twitter.com/tooppermann

Facebook: https://www.facebook.com/christoph.oppermann

Von Christoph Oppermann

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