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Göttingen Zwei „eingedeutschte“ Syrer in Göttingen
Die Region Göttingen Zwei „eingedeutschte“ Syrer in Göttingen
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10:51 24.08.2018
Lesung mit Videoeinspielungen im Kreishaus.
Lesung mit Videoeinspielungen im Kreishaus. Quelle: Ulrich Schubert
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Göttingen

Sie sind charmant, witzig, wortgewandt – und ihre Botschaft tiefgründig. Vor etwa 80 Flüchtlingshelfern aus dem Kreis Göttingen haben Abdul Abbasi und Allaa Faham ihre „schräge“ Integrationsgeschichte erzählt.

Das gelingt nur wenige: Wenn die beiden jungen Syrer Faham und Abbasi über ihre Erfahrungen mit den Integrationsbemühungen vieler Deutscher, mit Missverständnissen zwischen den Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, aber auch über Fremdenhass berichten, bekommt ein sehr ernstes Thema eine befreiend humorvolle Note – ohne seinen Ernst zu verlieren. Auch ihr legendäres Video über ihre „Hasskommentar-Schule“, das sich an dumpfbackene AfD-Mitglieder richtet und es in ein renommiertes TV-Politmagazin geschafft hat, ist Satire par excellence.

Die Hasskommtar-Schule –das Video:

Abbasi und Faham sind durch ihre kulturvermittelnden YouTube-Videos bekannt und ausgezeichnet geworden. Im März ist ihr Buch „Eingedeutscht – Die schräge Geschichte unserer Integration“ herausgekommen, in dem sie ebenfalls auf sehr erfrischende Weise von ihrer Geschichte, ihrem neuen Leben in Deutschland und den Kulturunterschieden erzählen.

Geschichten aus diesem Buch und selbst produzierte Videos haben sie jetzt im Göttinger Kreishaus vor ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern aus der Region gelesen und gezeigt - angereichert durch weitere Anekdoten, bei denen sich die beiden geschickt die Bälle zuspielten. Und häufig stehen in ihren Beiträgen Missverständnisse durch die Sprache im Mittelpunkt. Ein Beispiel: Frustriert und traurig habe er sich in seiner ersten WG immer wieder zurückgezogen, wenn ihn die Mitbewohner beim Eintreten ins Gemeinschaftszimmer flapsig mit einem lang gezogenen „naa?!“ begrüßt haben. In der englischen Sprache sei das im Messengerdienst WhatsApp eine Ablehnung – ein Nein, erzählte Abbasi.

Autogrammstunde der beiden Buchautoren nach der Veranstaltung. Quelle: Ulrich Schubert

Die beiden Syrer studieren in Deutschland: Abbasi in Göttingen Zahnmedizin, Faham in Hamburg Generatives Energiemanagement. In ihr Heimatland werden sie wohl nie zurückkehren kennen. Sie und ihre Familien werden von den politisch Mächtigen dort verfolgt. Sie würden bestenfalls im Gefängnis landen, beide haben gute Freunde durch die Willkür der Polizei im Syrien verloren. Und auch wenn sie ihre Erlebnisse dort und in Deutschland mit viel Humor verarbeiten, haben sie sehr emotionale und ernste Botschaft, die sie geschickt einstreuen.

„Eingedeutscht = seutsch“

Natürlich hätten sie in Syrien „auch ein Leben gehabt“, und eigentlich hätten sie das Land nie verlassen wollen. Ihr altes Leben aber sei inzwischen vollkommen ausgelöscht. Ein Zurück gebe es nicht mehr und: „In Deutschland habe ich zum 1. Mal in meinem Leben meine Meinung frei sagen können“, so Abbasi.

Beide fühlen sich inzwischen in Deutschland „eingedeutsch“ – sie fühlen sich dabei „seutsch“. „Wir haben nach wie vor unsere syrischen Gewohnheiten, zugleich schon deutsche Gewohnheiten“, verrät Abbasi und verrät: „Ja, wirklich. Ich raste mega aus, wenn der Bus zu spät kommt. Ich habe mich darüber sogar schon mit einer E-Mail beschwert.“

„Wünsche mir ein faireres Bild“

Dass das Thema Flüchtlinge und Integration in mancher Gesellschaftsgruppe und Politikszene immer wieder problematisiert wird, können Abbasi und Faham nicht nachvollziehen. Seit 2015 sei in der Flüchtlingsaufnahme und Integration „so vieles besser geworden“. Mit Blick auf andere wichtige Probleme wie Pflegenotstand und steigende Mieten „wünsche mir manches mal ein faireres Bild“, sagte Faham.

Mit der Veranstaltung wollte der Landkreis auch seinen Mitarbeitern und den Ehrenamtlichen in der Flüchtlingsbetreuung für ihr Engagement danken. Und gerade mit Blick auf die im Ton aggressiver werdende Debatte um Flüchtlinge und Integration auf bundespolitischer Ebene sei es wichtig, „sich auch einmal auf so humorvolle Weise diesem ernsten Thema zu nähern“, sagte Kreissozialdezernent Marcel Riethig (SPD).

Von Ulrich Schubert