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Göttingen Schule zu Corona-Zeiten: Stadtelternrat kritisiert Baudezernentin Baumgartner
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Schule zu Corona-Zeiten: Stadtelternrat kritisiert Baudezernentin Baumgartner

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18:00 04.12.2020
Lüften oder filtern? Die Meinungen von Stadtverwaltung und Elternvertretern über den Sinn und Zweck von Luftreinigungsgeräten in Klassenräumen während der Corona-Pandemie gehen weit auseinander. Mit deutlicher Kritik hat der Stadtelternrat Göttingen am Donnerstag auf ein Schreiben von Baudezernentin Claudia Baumgartner an die Schulen in Trägerschaft der Stadt reagiert.
Lüften oder filtern? Die Meinungen von Stadtverwaltung und Elternvertretern über den Sinn und Zweck von Luftreinigungsgeräten in Klassenräumen während der Corona-Pandemie gehen weit auseinander. Mit deutlicher Kritik hat der Stadtelternrat Göttingen am Donnerstag auf ein Schreiben von Baudezernentin Claudia Baumgartner an die Schulen in Trägerschaft der Stadt reagiert. Quelle: Hinzmann / dpa / Montage: mib
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Göttingen

Lüften oder filtern? Die Meinungen von Stadtverwaltung und Elternvertretern über den Sinn und Zweck von Luftreinigungsgeräten in Klassenräumen während der Corona-Pandemie gehen weit auseinander. Mit deutlicher Kritik hat der Göttinger Stadtelternrat am Donnerstag auf ein Schreiben von Baudezernentin Claudia Baumgartner an die Schulen in Trägerschaft der Stadt reagiert.

In dem dreiseitigen Schreiben der Verwaltung beruft sich Baumgartner auf eine Stellungnahme der Kommission Innenraumlufthygiene (IRK) des Bundesumweltamtes aus dem August. „Die IRK hält den Einsatz von mobilen Luftreinigern in Klassenräumen oder zu Hause für nicht geeignet, da sie das aktive Lüften nicht ersetzen, sondern allenfalls in Einzelfällen flankieren können“, heißt es dort. Baumgartner weist auf die Feststellung der IRK hin, „dass wirksame Reduktionen häufig nur im Nahbereich der Geräte nachgewiesen wurden.“

Auch sei die beim Betrieb eines solchen Reinigers entstehende „walzenartige Luftbewegung im Raum“ ein Nachteil, da die virusbelastete Luft horizontal direkt durch die Personengruppe im Zimmer hindurch angesaugt werde. „Die IRK bekräftigt daher nach wie vor: Luftreiniger können das Lüften nicht ersetzen, sondern allenfalls in Einzelfällen flankieren“, zitiert Baumgartner die IRK.

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Baumgartner folgt bei Lüftungsmaßnahmen den Abstufungen der Prioritäten, die die IRK vorgenommen hat:

  • 1. Regelmäßiges intensives Lüften über Fenster oder durch Einsatz von zentral oder etagenweise eingebauten Lüftungsanlagen.
  • 2. Wenn das Lüften über Fenster nur eingeschränkt möglich ist, soll der Einbau einfacher Zu- und Abluftanlagen geprüft werden.
  • 3. Wenn diese Maßnahmen nicht realisierbar seien, könne der Einsatz von mobilen Luftreinigern erwogen werden.

Der Stadtelternrat kritisiert Baumgartners Ausführungen. Denn: So bleibe die Baudezernentin die Antwort schuldig, ob und wie eine Lüftung in allen Klassenräumen ordnungsgemäß umgesetzt werden könne. „Der Stadtelternrat kennt die Göttinger Schulen, und weiß, dass längst nicht in allen Klassenräumen die Fenster weit zum Stoßlüften geöffnet werden können, und Querlüften wegen nachgelagerter zentraler Räume und Flure gar nicht möglich ist“, heißt es in einem Schreiben an Baumgartner vom Donnerstag. Der Stadtelternrat betont, dass er Luftreiniger prinzipiell nicht als Ersatz zum Querlüften sieht, sondern als Ergänzung.

„Eisige Temperaturen“ im Winter

Auch dass Baumgartner auf die „eisigen Temperaturen“ im Winter nicht eingeht, bemängelt der Stadtelternrat. „Wie unerträglich muss die Situation für die SchülerInnen sein, die bei eisigen Temperaturen minutenlange im Durchzug direkt am Fenster sitzen? Machen Sie sich überhaupt Gedanken, über die Auswirkungen auf das Lernumfeld, wenn alle 20 Minuten die Raumtemperatur auf arktische Temperaturen fällt? Probieren Sie es in Ihrem Büro doch einmal aus, wie effizient Sie dann noch arbeiten können, und wie lange es dauert, bis Sie sich verkühlt haben“, heißt es in dem Schreiben.

Und weiter: Es müsse abgewogen werden, ob für eine Technik, die nicht 100-prozentig wirksam sei und das Lüften nicht 100-prozentig ersetzen kann, finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden. „Warum findet sich dieses Argument nicht in Ihrem Schreiben?“, fragt der Schulelternrat die Baudezernentin. „Die Finanzen sind mit keinem Wort erwähnt, obwohl wir vermutlich zurecht annehmen, dass dies der wahre Grund für die Zögerlichkeit der Stadt ist, die Schulen mit Luftreinigern auszustatten.“

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Auf Antrag der SPD im Rat steht das Thema „Schule zu Corona-Zeiten / Lüftungsanlagen für Klassenräume“ auf der Tagesordnung des Bauausschusses. Beginn der Sitzung ist am Donnerstag, 10. Dezember, um 16 Uhr im Ratssaal des Neuen Rathauses, Hiroshimaplatz 1-4.

Das wollen Stadtelternrat und Ratspolitik

Der Stadtelternrat hat die Stadt Göttingen aufgefordert, den Betrieb von Raumluftfiltern in den Klassenräumen aller Göttinger Schulen „uneingeschränkt (bau-)rechtlich“ zu ermöglichen. Er betont: „Wir fordern nicht von der Stadt Göttingen, und davor hat die Stadt Göttingen wohl am meisten Angst, diese Geräte auch komplett zu finanzieren“, heißt es in einem Schreiben an Baudezernentin Claudia Baumgartner. „Wir hoffen hier auf potenzielle Geldgeber wie Fördervereine sowie Sponsoren aus regionaler und überregionaler Wirtschaft, mit deren Unterstützung die Schulen zeitnah und unbürokratisch Raumluftfilter anschaffen können.“

Auch die im Rat der Stadt Göttingen vertretenen Fraktionen und Gruppen sehen wie der Stadtelternrat die Notwendigkeit von Filtergeräten. Tenor: Die Stadtverwaltung müsse nun nach Untätigkeit im Sommer möglichst schnell handeln und ein Konzept vorlegen.

Janek Freyjer vom Vorstand des Stadtelternrates hofft nun angesichts der Unterstützung aus der Ratspolitik, dass die Ratsmehrheit durch einen Ratsantrag die Verwaltung zu beauftragen, den Betrieb von mobilen Luftreinigern zu ermöglichen.

Von Michael Brakemeier