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Göttingen Schutz der Natur oder Schutz vor Überflutung?
Die Region Göttingen Schutz der Natur oder Schutz vor Überflutung?
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21:05 28.11.2010
Verlandete Insel im Vorfluter: zugewachsener Feuerteichgraben am Ortsrand von Holtensen.
Verlandete Insel im Vorfluter: zugewachsener Feuerteichgraben am Ortsrand von Holtensen. Quelle: Pförtner
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Auch Wilhelm Fricke und Heinz Beetz fürchten ständig, „abzusaufen“. Sie wohnen in der Straße Im alten Dorfe und haben im Keller und Vorgarten Pumpen installiert, die bei hohem Wasserstand in Gang gesetzt werden. Er habe zwar Rückschlagventile an den Schmutzwasseranschlüssen installiert, aber auch das sei keine Garantie dagegen, dass Wasser aus den vollgelaufenen Abwasserkanälen in die Keller drücke, beklagt Fricke. Er müsse ständig zu Hause sein und aufpassen. Fricke und Beetz machen die Stadt dafür verantwortlich, dass Hochwasser nicht richtig ablaufen kann und sich auch im Ort staut. Der Feuerteichgraben sei stellenweise zugewachsen und seit Jahren nicht freigeräumt worden. Fricke: „Dafür zahlen wir schließlich Regenwassergebühren.“ Nach den Arbeiten 1997 sei einige Jahre Ruhe gewesen, aber: „Jetzt muss dringend etwas getan werden“, fordert Fricke.
Ein Pflegekonzept wurde von der Stadt für 2009 bis 2013 ausgeschrieben und an die Firma Grünbau vergeben. Im Juni 2009 sei mit den Arbeiten begonnen worden, so Verwaltungssprecher Detlef Johannson vorige Woche in einem Schreiben an Fricke. Keiner wisse etwas, und niemand habe jemand bei irgendwelchen Arbeiten gesehen, sagt der Holtenser dazu. Die Verwaltung hingegen meint, die Gräben in Holtensen wiesen ein nur geringes Gefälle auf und seien nicht geeignet, ein großes Hochwasser aufzunehmen und abzuführen.
Das Problem ist nicht neu: Nach den Arbeiten 1997 hätten sich durch ökologisch wertvolle Anpflanzungen wie „Rohrkolben, Binsen und Gedöns“ erneut Probleme ergeben, beschwerte sich Ortsbürgermeister Karl Wille (SPD) schon Anfang 2003. Es änderte sich jedoch nicht viel: Im September 2007 mussten nicht nur im Göttinger Blümchenviertel, sondern auch in Holtensen zahlreiche Keller leer gepumpt werden.
Kritik wies die Stadtverwaltung zurück: Ob frühere Unterhaltungsmaßnahmen an den Folgen starker Regenfälle etwas geändert hätten, sei allerdings zweifelhaft, so Verwaltungssprecher Johannson damals: „Denn um diese Gräben für ein sogenanntes 100-jähriges Hochwasser zu rüsten, müssten sie fast schiffbar sein.“
Nach den neuerlichen Überflutungen am 13. November dieses Jahres erlebten Kritik und Replik in der jüngsten Ortsratssitzung vergangene Woche ihre fast wortgetreue Wiederaufführung. Und das vehement: Wenn Verwaltung und Stadtentwässerung nicht zügig den zugewachsenen Feuerteichgraben freischneiden würden, drohten verärgerte Überflutungsgeschädigte, würden sie das eben selbst tun. Damit, so die Antwort, würden sich die Selbsthelfer strafbar machen: Laut EU-Recht gelte der Graben mit seinem Bewuchs als naturnah und dürfe nicht freigeschnitten oder verbreitert werden. Außerdem würde ein Ausbaggern nicht den gewünschten Effekt bringen, weil das Wasser aufgrund des niedrigen Gefälles nicht schneller fließen würde. Überhaupt sei der Graben „kontinuierlich gepflegt“ worden – eine Aussage, die bei den Bürgern ungläubiges Gelächter hervorrief: „Wann denn? Gesehen haben wir hier nie jemand.“ Dass Rohrkolben, Binsen und anderes Grünzeug den Wasserabfluss nicht hemmen würden, sei schlichtweg „dummes Zeug“, erklärten Bürger und Ortsrat einmütig. „Lieber ein bisschen Beton als absaufen“, fasste ein Bürger die Stimmung im Ort zusammen. Ortsbürgermeister Wille assistierte: „Naturschutz oder nicht – ich will meine Holtenser Bürger schützen.“
Zumindest eine Maßnahme will die Stadtentwässerung nun angehen: Die Deckel der Schmutzwasserkanäle sollen jetzt so weit abgedichtet werden, dass kein Regenwasser mehr hineinläuft, wenn der Feuerteichgraben wieder über die Ufer tritt.

Von Gerald Kräft und Matthias Heinzel