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Göttingen Schweinegrippe: Dreijährige und 51-Jähriger tot
Die Region Göttingen Schweinegrippe: Dreijährige und 51-Jähriger tot
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18:25 03.01.2011
Vorsichtsmaßnahme: Das Göttinger Universitätsklinikum hat sich schon während der vergangenen Grippewelle auf Patienten eingestellt.
Vorsichtsmaßnahme: Das Göttinger Universitätsklinikum hat sich schon während der vergangenen Grippewelle auf Patienten eingestellt. Quelle: CH
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Das kleine Mädchen, seine beiden Geschwister und die Mutter hatten bereits vor den Feiertagen über Grippe-Beschwerden geklagt. Bei allen, auch bei dem dreijährigen Kind, hatte sich laut Gesundheitsamtssprecher Detlef Johannson der Zustand nach einem Arztbesuch jedoch verbessert. Der Vater war beschwerdefrei. Die dramatische Verschlechterung bei dem dreijährigen Mädchen sei „sehr plötzlich“ aufgetreten, so Johannson. Noch zu Hause musste das Mädchen wiederbelebt werden. Der Rettungsdienst brachte das Kind ins Göttinger Klinikum, wo nur noch der Tod festgestellt werden konnte. Die beiden Schwestern wurden vorsichtshalber in der Kinderklinik der Uni behandelt. Bei einem der beiden Kinder sei ebenfalls eine Infektion mit dem H1N1-Erreger festgestellt worden. „Die Behandlung hat aber sofort angeschlagen“, so Johannson. Beide Kinder sind inzwischen wieder entlassen.

Warum die Schweinegrippe ausgerechnet bei der Dreijährigen tödlich verlaufen ist, ist noch unklar. Die Staatsanwaltschaft hat routinemäßig Ermittlungen aufgenommen. „Das ist die Regel, wenn die Todesursache nicht hundertprozentig klar ist“, stellt Behördensprecher Hans-Hugo Heimgärtner klar. Sicher ist, das Kind war mit H1N1 infiziert. Das Ergebnis der Obduktion im Göttinger Institut für Rechtsmedizin soll weitere Klarheit bringen.

Helmut Eiffert, Professor für Mikrobiologie am Universitätsklinikum, erklärt, dass die Fälle von Schweinegrippe seit zwei Wochen landesweit zunehmen. Im Bereich Göttingen seien derzeit fünf positiv getestete Fälle bekannt. Darunter auch der Mann, der gestern auf der Intensivstation starb. „Der Patient hatte schwere Vorerkrankungen“, so der Oberarzt. Der herzkranke Mann aus dem Landkreis Göttingen war bereits seit Tagen im Uniklinikum in stationärer Behandlung.

Den tödlichen Fall der dreijährigen Harsterin bezeichnet er als „Einzelfall“. Derart schwere Verläufe der Infektion seinen selten, die genaue Ursache für den Tod des Mädchens noch unklar. „In der Regel verläuft die Grippe eher harmlos“, so Eiffert. Die Schweinegrippe kommt meist plötzlich und geht mit hohem Fieber und Gliederschmerzen einher. „Sie unterscheidet sich nur wenig von normalen Grippesymptomen“ , so der Mediziner. Ein Alarmsignal: Wenn sich Atemnot einstellt, sollte man sofort den Arzt rufen.

Neue Grippewelle, neuer Impfstoff

Eiffert

„Die Welle kommt auf uns zu“: Das sagt Helmut Eiffert, Virologe im Universitätsklinikum. Der Fachmann für Infektionen und Pandemien rät deshalb zur Schweinegrippen-Schutzimpfung. Anders als in der vergangenen H1N1-Saison sei jetzt ein Impfstoff auf dem Markt, der frei von sogenannten Wirkverstärkern ist. Diese Zusatzstoffe waren während der letzten Grippewelle in Verruf geraten, da sie häufig zu Unverträglichkeiten führten. „Das Virus ist nicht weg, es kommt saisonal zurück“, so der Mediziner. Und: „Es ist nach bisherigen Erkenntnissen aber nicht gefährlicher als in der letzten Saison“. Ein Unterschied in der Vorbeugung: „Der aktuelle Impfstoff kommt ohne Verstärker aus und schützt vor drei Erregern“, so Eiffert. Die reguläre Grippeschutzimpfung beuge einer Infektion mit dem H1N1-Virus, mit dem saisonalen H3N2 und mit dem harmloseren Typ-B-Virus vor. Vor allem alle Menschen, die mehr als 60 Jahre alt sind, Kinder, Schwangere und Menschen mit Vorerkrankungen wie Asthma oder coroanlen Herzerkrankungen sollten sich schützen. Derzeit sind laut Eiffert rund zwei Drittel der getesteten Grippepatienten in Niedersachsen mit dem Schweingrippenerreger infiziert, gegenüber der saisonalen H3N2-Variante sei es also deutlich „dominant“. Von der Schweinegrippe werden eher jüngere Patienten erwischt. In der vergangenen Saison gab es in Göttingen zwei Todesfälle: Im November 2009 fiel ein 38-Jähriger Risikopatient dem Virus zum Opfer. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Göttinger Gesundheitsamt 117 Schweinegrippe-Fälle registriert. Im Dezember starb ein 16-jähriger Schüler aus Uslar. Außergewöhnlich: Er hatte keine Vorerkrankungen. bib

In der vergangen Sasion starben bundesweit 250 Menschen an der Schweinegrippe – weniger als in manchen Jahren an der saisonalen Grippe sterben. Die meisten der Opfer litten an schweren Vorerkrankungen. Auch das niedersächsische Gesundheitsministerium bestätigt den Anstieg an Schweinegrippenfällen. Diese tragischen Fälle aus Göttingen zeigten, „dass die Influenza keine harmlose Erkrankung ist, sondern auch einen schweren Verlauf nehmen kann“, sagte Niedersachsens Gesundheitsministerin Aygül Özkan (CDU). Hinweise auf eine „endemische Ausbreitung“, also eine regional begrenzte, andauernde Häufung einer Krankheit, gebe es laut Johannson in und um Göttingen jedoch nicht: „Es handelt sich um Einzelfälle“, betont er.

Das Gesundheitsamt hat nach Auskunft der Stadt alle Personen ermittelt, die mit dem Mädchen Kontakt hatten und informiert, wie sie sich bei Auffälligkeiten zu verhalten haben. Noch vor dem Jahreswechsel habe festgestanden, dass keine weiteren Infektionen vorlagen. Der Kindergarten, in den das Mädchen ging, hatte gestern trotzdem noch „vorsorglich“ geschlossen. Pastor Peter Lahmann spricht von einem „besonders tragischen“ Fall. Man habe den Eltern der anderen Kindergartenkinder die Sachlage erläutert. Lahmann betont: „Es besteht nach Auskunft des Gesundheitsamtes keine Ansteckungsgefahr mehr.“

Von Britta Bielefeld und Lukas Breitenbach