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Göttingen Seit Monaten Baustelle vor dem Alten Rathaus in Göttingen
Die Region Göttingen Seit Monaten Baustelle vor dem Alten Rathaus in Göttingen
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00:18 01.06.2013
Vor dem Alten Rathaus in Göttingen ist seit Monaten Baustelle.
Vor dem Alten Rathaus in Göttingen ist seit Monaten Baustelle. Quelle: Hinzmann
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Göttingen

Aus Köln waren sie extra angereist, um hier, in der Heimatstadt der Braut, zu heiraten. Die Fotos sollten am Fuße des Bronzemädels entstehen.

Und nun: schweres Baugerät auf dem Markt. Ein Bagger fährt nur wenige Meter von der steinernen Fassade entfernt am Gebäude vorbei. Das Stampfen eines Rüttlers erschüttert den gesamten Platz, schrill kreischend fräst sich eine Säge durch Gestein. Ein Lastwagen liefert eine Ladung Kies, die mit einem Krachen auf dem aufgerissenen Untergrund landet. Staub wirbelt auf und wabert durch die Luft.

Auf dem Hochzeitsfoto darf davon nichts zu sehen sein. „Aber das ist am Ende ja nicht unsere Herausforderung, sondern die des Fotografen“, sagt Anne Keily. Sie ist die Braut, vor wenigen Minuten hat sie ihrem Gemahl Ben Keily das Ja-Wort geben. In einem kurzen weißen Kleid, die Knie sind gerade noch so unter dem Saum auszumachen, und einem kleinen Blumenstrauß in der Hand steht sie auf den Stufen vor dem Liesel und lehnt sich an ihren Mann.

Geschickt platziert der Fotograf sie vor dem Brunnen, immer die rot-weiße Absperrung und den grauen Baucontainer im Augenwinkel. Auf dem Foto sollen nur die Vermählten vor historischer Kulisse zu sehen sein – und keine Baustellenatmosphäre diesen Moment zerstören. Denn den haben sie unbedingt herbeigesehnt.

Keine böse Überraschung

Sie wussten von der Baustelle auf dem Marktplatz, es war keine böse Überraschung bei ihrer Ankunft. Die Eltern und Großeltern von Anne Keily wohnen in Göttingen und bekommen so seit Monaten mit, wie Teile der Fußgängerzone aufgerissen werden, provisorisch geflickt und am Ende neu gepflastert werden. Außerdem erhielt das Brautpaar mit der Buchung des Trausaals von der Stadt den Hinweis, dass es aufgrund der Baustelle zu Lärmbelästigungen kommen könnte.

„Drinnen haben wir aber nichts von den Aktivitäten gehört“, erzählt Anna Keily, während sie nach dem Fotoshooting die Stufen des Alten Rathauses wieder hochsteigt. „Es ist trotzdem grausam“, entgegnet ihr Großvater, der sie oben zusammen mit der Hochzeitsgesellschaft in Empfang nimmt. Sein Blick schweift über den Marktplatz: „Aber was soll man machen?“

Ja, was sollen sie machen? Das fragen sich nicht nur die Paare, die sich im Alten Rathaus trauen lassen wollen. Auch wenn es aussieht, als hätten einige von denen eine Lösung parat: Sie heiraten an einem anderen Ort. Denn von Januar bis Mai gaben sich 25 Paare weniger im Alten Rathaus das Ja-Wort als im gleichen Zeitraum 2012, teilt die Stadt Göttingen mit. Ein Rückgang um zwanzig Prozent.

Verständnis und Resignation bei Kunden

Aber am Göttinger Marktplatz wird nicht nur geheiratet. Mehrere Restaurants und Cafés haben ihre Außenbewirtschaftung auf dem Platz, etliche Läden sind Anrainer. Ihre Eingänge sind zeitweise von Baugruben und Absperrungen blockiert, die Schaufenster nur schwer einsehbar, die Laufkundschaft bleibt aus. Und für die Passanten, die tagtäglich den Markt passieren – an einem Sonnabend sind es mehr als 4000 pro Stunde – wird der Gang über den Markt zum Slalom.

Erstaunlich ist dabei, wie gelassen die meisten die Großbaustelle sehen. „Die Reaktionen sind fast durchweg verständnisvoll“, sagt Schachtmeister Thomas Herold. Er ist der Polier auf der Baustelle und seit 2006 in der Innenstadt durchweg mit Bauarbeiten beschäftigt: Barfüßerstraße, Speckstraße, Theaterstraße – alles wurde über die Jahre umgebaut. „Die Fußgängerzone ist nun für uns Bauarbeiter die Krönung“, so Herold.

Vor gut einem Jahr begannen die Bauarbeiten auf der Weender Straße, der Nabel fehlt bis heute. Ein Ende ist zwar in Sicht, doch werden bis dahin noch einige Monate vergehen: Pünktlich zum Weihnachtsmarkt 2013 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein.
Vollkommen eingeschlossen von der Baustelle ist derzeit das Eiscafé Colosseum an der Ecke des Markts.

Froh, wenn es vorbei ist

„Wir sind froh, wenn alles bald vorbei ist“, sagt Inhaber Cosimo Gancitano. Der kleine Mann mit dem lichten Haar und den aufmerksamen Augen schaut durch die Fenster seines Ladens. Baulärm dröhnt durch die Tür. Nur wenige Gäste sitzen an den kleinen Tischen vor dem Geschäft. „Die Leute beschweren sich nicht bei uns, denn sie wissen, dass wir nichts machen können“, sagt Gancitano.

Unangenehm finden sie es trotzdem. Die, die Lärm und Staub gar nicht aushalten, blieben von vornherein fern, andere würden nun kürzer bei Cappuccino und Eis sitzen. „Wir haben weniger Kunden“, sagt der Gastwirt.

Wobei: Das muss in den vergangenen Tagen nicht unbedingt auf die Bauarbeiten zurückzuführen sein. Konstant kalte Temperaturen und Regen verschrecken die Gäste von allein. Da sind keine Rüttler und Bagger notwendig.

Von Christopher Piltz