Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen Selbsthilfegruppe für sehbehinderte und blinde Menschen besucht Berufsfeuerwehr
Die Region Göttingen Selbsthilfegruppe für sehbehinderte und blinde Menschen besucht Berufsfeuerwehr
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 20.06.2013
Von Andreas Fuhrmann
Mitglieder vom „Göttinger Treff“ lassen sich die Ausrüstung der Feuerwehr erklären: Initiator Matthias Schmid ist dabei (rechts hinten).
Mitglieder vom „Göttinger Treff“ lassen sich die Ausrüstung der Feuerwehr erklären: Initiator Matthias Schmid ist dabei (rechts hinten). Quelle: Heller
Anzeige
Göttingen

Er ächzt unter der Last des Atemschutzgerätes und der Bekleidung. Mindestens 25 Kilogramm wiegt er jetzt mehr. Alles kein Problem für ihn, er kennt das. Doch Feuerwehrmann kann er niemals mehr werden. Schmid ist blind.

Göttinger Treff

Dennoch darf er an diesem Tag in die altbekannte Rolle schlüpfen.  Er ist Gründer des Göttinger Treffs, einer Selbsthilfegruppe für sehbehinderte und blinde Menschen. Mit 26 Mitgliedern des Treffs ist er zu Gast bei der Berufsfeuerwehr Göttingen. Die Besucher lernen nicht nur den Beruf des Brandbekämpfers näher kennen, sondern erhalten auch viele Tipps zum Verhalten in Gefahrensituationen. Sie halten ein Strahlrohr, klettern in den Korb einer Drehleiter und erfahren, wie wichtig Rauchmelder sind. Ein Informationstag, wie es ihn auch bei ihnen selten gebe, sagt Jürgen Neupert, Wachabteilungsleiter bei der Berufsfeuerwehr.

Den Gästen die Angst nehmen

„Die Idee ist es, den Gästen die Ängste zu nehmen.“ Denn die Geräusche, die Feuerwehrleute zum Beispiel unter Vollschutz machten, seien speziell. Die Sprache sei gedämpft und werde immer wieder vom Zischen des Atemschutzgerätes unterbrochen. „Zischen und sprechen, zischen und sprechen“, sagt Neupert, „das ist umso belastender für Menschen, die nicht sehen können.“ Setze man ihnen dann auch noch eine Fluchthaube auf, um sie sicher durch ein verqualmtes Treppenhaus nach draußen zu bringen, „ist das noch eine Stufe stärker“.

Eine solche Fluchthaube zieht sich Schmid gerade vom Kopf. „Die Sicht war gerade ganz weg“, stößt er hervor. Der 46-Jährige leidet an einer Netzhauterkrankung – mit schwerwiegenden Folgen für sein Augenlicht. Er sieht zwar noch punktuell etwas. „Laut Gesetz bin ich aber blind“, erklärt er.  Um lesen zu können, benötigt er 13 Zentimeter große Buchstaben. Und zu seinem Gegenüber sagt er: „Ich sehe Sie nicht.“  Seinen Augen, seinem ganzen Auftreten ist das nicht anzumerken. Er hat gelernt, mit der Erkrankung zu leben. Und er kämpft gegen sie an. „Ich laufe Marathon“, sagt Schmid. Das gehe. „Es geht noch eine ganze Menge“, betont er. Und das wolle er auch anderen Sehbehinderten und Blinden vermitteln.

Etwas für Betroffene machen

Schmid hat daher vor Jahren den Göttinger Treff ins Leben gerufen. Er wollte etwas für junge und jung gebliebene Betroffene machen, die aktiv sein wollen. „Wir wollen mitten rein. Wir treffen uns in Kneipen und Restaurants, klönen und tauschen uns aus. Wie Freunde das eben machen“, sagt Schmid. „Dabei geht es immer laut zur Sache. Unsere Sprache ist schließlich das Kommunikationsmittel. Also die Gastronomie beleben wir jedenfalls“, erklärt er und schmunzelt.

Hinzu kommen Ausflüge und Aktionen. Die Teilnehmer waren schon beim Reiten, haben Tango getanzt und sind geklettert – und jetzt schauen sie sich bei der Berufsfeuerwehr um. Den Kontakt hat Gerald Bartels hergestellt. Er war lange Jahre in der Feuerwehr, bis er nach einer schweren Krankheit erblindete. „Das ist heute ein Geben und Nehmen“, sagt Bartels. „Wir lernen etwas, und die Feuerwehr lernt auch etwas.“ Denn auch für die Rettungskräfte sei es lehrreich, zu merken, wie Sehbehinderte im Notfall reagieren.

"Toll, dass sich die Feuerwehr die Zeit für uns nimmt."

Schmid nickt zustimmend: „Toll, dass sich die Feuerwehr die Zeit für uns nimmt.“ Nur so könnten sich die Mitglieder des Treffs auf Situationen wie einen Brand vorbereiten – und besonnen reagieren.  Allein die Rettung über eine Leiter sei eine riesige Herausforderung. „Wie wackelt das, wo kann ich mich festhalten“, das seien drängende Fragen in einer solchen Ausnahmesituation. Eines aber hätten die Feuerwehrmänner mit den Blinden gemein: „Die gehen ins Ungewisse, ins Dunkle wie wir.“