Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Göttingen So arbeiten Schwimmmeister in der Region
Die Region Göttingen So arbeiten Schwimmmeister in der Region
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:26 01.07.2019
Sommerlicher Betrieb im Parkbad Weende. Quelle: Hinzmann
Göttingen

Der Bademeister, der mit Sonnenbrille und roten Shorts am Beckenrand steht und aufs Becken schaut? Ein altes Klischee. Der Beruf des Schwimmmeisters – wie er eigentlich heißt – ist vielseitiger und anspruchsvoller als viele glauben. Denn die Aufsicht des Bades ist nur ein Teil ihrer täglichen Arbeit. In der Saison haben sie alle Hände voll zu tun – auch am Wochenende. Sommerferien? Nicht für Schwimmmeister. Auch deswegen fehlt es in der Region – wie auch in ganz Niedersachsen – an Nachwuchs für den Ausbildungsberuf.

Wie sieht der Job am Beckenrand im Alltag genau aus? Wir haben Schwimmmeister in der Region bei ihrer Arbeit besucht.

Matthias Corde: Das Multitalent

„Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht“, sagt Matthias Corde, Schwimmmeister im Erlebnisbad Dransfeld. Weil er als Jugendlicher Leistungsschwimmer war, schien der Job am und im Wasser attraktiv. Was ihn genau in der Ausbildung erwartet, habe er damals aber nicht gewusst. „So geht es vermutlich auch vielen heute noch“, sagt Corde, der ehrenamtlich als Ausbildungsberater tätig ist. Daher würden einige Jugendliche ihre Ausbildung auch abbrechen, wenn sie merken, was wirklich hinter dem Beruf steckt.

Denn der Job des Schwimmmeisters – oder des Fachangestellten für Bäderbetriebe, wie der Ausbildungsberuf heißt – ist vielfältig. Mit den gebräunten Männern à la Baywatch, die nur am Beckenrand stehen, hat der Beruf wenig zu tun. „Natürlich sind wir für die Aufsicht zuständig. Wir passen auf, dass Regeln eingehalten werden und nichts passiert“, sagt Corde. „Das ist aber nur ein kleiner Teil.“ Die Technik muss täglich geprüft und gewartet, die Anlage gepflegt werden. Auch Animation, also das Anleiten von Schwimm- oder Aqua-Fitness-Kursen, gehört zu den Aufgaben eines Schwimmmeisters dazu. Personalplanung, Buchhaltung, Bestellungen von Chemikalien – Corde hat immer etwas zu tun. In einem kleinen Bad wie dem in Dransfeld wird er dabei nur von Saisonkräften unterstützt.

Matthias Corde in Freibad Dransfeld Quelle: Hinzmann

„Im Sommer bin ich praktisch jeden Tag hier. Das bringt der Job eben mit sich“, sagt der 46-jährige Dransfelder. Dabei fielen eine Menge Aufgaben gerade außerhalb der Öffnungszeiten an – Aufgaben, von denen die Besucher gar nichts mitbekommen – etwa zur Instandhaltung und Organisation. Zehn bis zwölf Stunden Arbeit am Tag kämen da schnell zusammen. Die Überstunden, die im Sommer anfallen, feiert er in den Wintermonaten ab. Trotz der Saisonarbeit ist er so das ganze Jahr angestellt.

Was er an seinem Job nicht mag? „Wenn die Saison vorbei ist“, sagt Corde. Dann müsse das Wasser abgelassen, die Becken winterfest gemacht und der Außenbereich abgebaut werden. „Die Arbeit macht nicht so viel Spaß“, sagt Corde. „Außerdem ist dann immer klar: Der Sommer ist vorbei.“

Rolf Nietzold: Das Schwimmmeister-Urgestein

Rolf Nietzold ist ein Schwimmmeister-Urgestein. Seit 1975 macht der 61-Jährige den Job am Beckenrand. Und nicht nur das. Er wohnt auch dort, am Freibad am Brauweg in Göttingen. Die Dienstwohnung gehört mit zur Anlage.

Nietzold ist das, was man gemeinhin eine Marke nennt. Den Schwimmmeister kennt wohl jeder, der regelmäßig das Bad am Brauweg oder die Eiswiese besucht – oder der in den vergangenen Jahren in Göttingen schwimmen gelernt hat. Ausbilder ist er nämlich auch – und DLRG-Vorsitzender.

Nietzold ist ein nahbarer Typ, der den Kontakt mit seinen Kunden überaus schätzt. Ein Grund, warum er seinen Beruf so mag. „Ich liebe diesen Job und übe ihn von ganzem Herzen aus“, sagt der 61-Jährige. Schließlich habe sein Beruf „viele verschiedene Seiten“. Das reiche von der Bädertechnik über mathematisches und chemisches Wissen bis hin zur Besucherbetreuung und Animation. „Der Umgang mit den Gästen ist das A und O“, sagt er. „Ich liebe die Abwechslung, nicht immer stupide nur am Beckenrand zu stehen. Es gibt viel zu tun drumherum. Außerdem hat man immer mit Menschen zu tun.“

Schwimmmeister Rolf Nietzold gibt im Freibad Brauweg auch Schwimmunterricht. Quelle: Hinzmann

Seine Gäste schätzt Nietzold sehr. Er hat auch mal ein offenes Ohr für ein persönliches Problem, hört zu, gibt Ratschläge. „Und die Leute können sich darauf verlassen, dass ich solche Dinge für mich behalte“, sagt er. Legendär ist mittlerweile, wie er das Springen vom Zehnmeter-Turm moderiert. „Zehnmeter“, sagt er dann verstärkt durch ein Mikro, wenn der Weg frei ist für den nächsten Waghalsigen, der sich von der Plattform ins Becken stürzt. Parallel achtet er penibel darauf, dass die Bahn auch immer frei gehalten wird. Da kann er auch schon mal deutlich werden.

Nietzold findet es schade, dass immer weniger junge Menschen seinen Beruf ausüben wollen. Schwimmmeister sind mittlerweile rar gesät. Dabei benötige man aufgrund der Vorschriften, die in den vergangenen Jahren hinzugekommen seien, mehr Personal als noch zu seiner Zeit. Der Verantwortungsbereich sei allgemein „sehr hoch“. Die Bezahlung sei demgegenüber nicht berauschend, hinzu komme der Schichtdienst. „Das scheint für viele Leute nicht attraktiv zu sein“, sagt Nietzold. Dennoch: Der Beruf sei unglaublich abwechslungsreich und bereite sehr viel Spaß. „Wer gerne mit Menschen zu tun hat, wird es lieben“, sagt Nietzold. So wie er. Die gute Seele des Freibads am Brauweg.

Martin Roddewig: Herr in „seinem Bad“

Wenn um 9 Uhr die ersten Gäste im Ratsburgbad Reyershausen ihre Bahnen ziehen, ist Martin Roddewig die Ruhe selbst. Das bleibt er in der Regel auch – selbst wenn es im Sommer so richtig voll wird. Seit 29 Jahren ist er Schwimmmeister in dem Freibad im Flecken Bovenden. Die meisten seiner Gäste kennt er mit Namen.

„Ich habe hier selbst mal in der Gegend gewohnt und mache das schon lange. Da bleibt das nicht aus“, sagt Roddewig. Die familiäre Atmosphäre mache das Bad aus. Die Menschen kennen und vertrauen sich. Das beweist etwa eine Garderobe mitten auf dem Außengelände. „Da hängen auch Handys und Schlüssel“, sagt der Schwimmmeister. „Da hat keiner Angst, dass etwas wegkommt.“ Noch ein Vorteil des Bads: Der Schwimmmeister hat immer alles im Blick. Im Vergleich zum größten Göttinger Freibad kämen etwa ein Viertel so viele Badegäste nach Reyershausen, an sonnigen Tagen seien es etwa 1600.

Martin Roddewig ist Schwimmmeister im Ratsburgbad Reyershausen. Quelle: Hinzmann

Als begeisterter Schwimmer hat der heute 52-Jährige seine Ausbildung 1984 im Hallenbad in Nörten-Hardenberg begonnen. Sechs Jahre später hat er dann die Stelle im Bad in Reyershausen übernommen. „Ich bin hier großgeworden, da hat sich das angeboten“, sagt Roddewig. Und weil es so ein kleines Bad ist, sei es schön, dass es sich wie „seins“ anfühle. Er allein trägt die Verantwortung. Unterstützung bekommt er dennoch: Zum Team gehört Schwimmmeistergehilfin Janine Arto. „Wir arbeiten in Früh- und Spätschicht. Sonst wird der Tag zu lang.“

Das Nachwuchsproblem seiner Zunft kennt auch er. „In dem Job hat man im Sommer eben kein Wochenende. Für viele ist das aber heute wichtig“, sagt Roddewig. „Wir suchen für die Saison immer Rettungsschwimmer als Aushilfe. Aber auch die gibt es kaum noch.“ Früher sei er durch die DLRG an geeignete Kandidaten gekommen. Doch die Vereine zählten immer weniger Mitglieder. Für Roddewig ist das nur schwer nachvollziehbar. Wenn er nicht gerade beruflich am Beckenrand unterwegs ist, geht er in seiner Freizeit leidenschaftlich gern schwimmen.

Alle Freibäder in der Region im Überblick:

Heike Reinemann: Schwimmmeisterin mit Leib und Seele

„Ich liebe meinen Job“, sagt Heike Reinemann. „Ich würde nichts anderes machen wollen.“ Seit 30 Jahren arbeitet sie als Schwimmmeisterin, die meisten davon in Göttingen. Nach der Umgestaltung des Parkbads Weende hat sie an den Becken des Naturschwimmbads das Sagen. „Ich mag es, viele unterschiedliche Menschen zu treffen, jung und alt. Außerdem wollte ich immer etwas Sportliches machen“, sagt die 49-Jährige.

Sportlich ist der Job auf jeden Fall – wenn auch meist außerhalb des Wassers. Zwischen 15 000 und 20 000 Schritte legt Reinemann jeden Tag zurück, auch in der prallen Sonne. Dazu kommen die Arbeiten, die nur in einem Naturschwimmbad anfallen. „Jeden Morgen müssen wir die Becken von Algen befreien, das heißt Böden und Wände schrubben. Das ist natürlich deutlich anstrengender als in einem Chlorbad“, sagt Reinemann. Der Tag der Schwimmmeisterin und ihres dreiköpfigen Teams beginnt daher schon lange, bevor die ersten Gäste ins Wasser springen. Ab 7 Uhr werden die Becken geschrubbt, Kassenanlagen hochgefahren, Spielgeräte überprüft, Technik gecheckt. „Es gibt eine Menge zu tun, was der Besucher gar nicht sieht“, sagt Reinemann.

Im Parkbad Weende arbeitet Schwimmmeisterin Heike Reinemann. Quelle: Hinzmann

Sind die Badegäste erstmal da, gibt es keine ruhige Minute. „Wann macht der Zehner wieder auf?“, diese Frage hört die Schwimmmeisterin täglich. Aber auch Badegäste, die nach verlorenen Dingen fragen, Stammgäste, die mit herzlichen Worten oder Umarmung begrüßt werden, oder Besucher, die mit der Kassentechnik kämpfen: Viele Begegnungen zählt Reinemann täglich. Schüchtern sein dürfe man da nicht. „Man muss mit Menschen umgehen und sich auch durchsetzen können“, sagt die 49-Jährige. Das habe sie in ihrer Ausbildung schnell gelernt.

Urlaub machen im Sommer? Das war für die Schwimmmeisterin nie ein Thema. „Ich habe es aber auch nie vermisst“, sagt Reinemann. „Meine Kinder sind praktisch im Freibad groß geworden, sie kennen das nicht anders.“ Kein Wunder, dass ihre älteste Tochter in ihre Fußstapfen getreten ist – die 19-Jährige hat gerade ihre Ausbildung erfolgreich beendet.

Dieter Arend: Seit mehr als 50 Jahren Lebensretter

Mehr als 50 Jahre ist Dieter Arend schon in der Schwimmaufsicht tätig. Als junger Mann habe er beim Bundesgrenzschutz die Deutsche Lebensrettungs-Gesellschaft (DLRG) kennengelernt, erzählt der heute 68-Jährige.

Artend übernimmt zurzeit morgens die Schwimmaufsicht im Freibad in Duderstadt. „Eine der schönen Seiten an der Aufgabe ist, wenn ein junger Mensch kommt und sagt, er möchte etwas schaffen“, erzählt er. Gerade war ein Schüler bei ihm und berichtet ihm, welche Aufgaben er bereits für das angestrebte Schwimmabzeichen erledigt habe. „Heute ist es zu voll“, erklärt Arend, „aber du hast ja jetzt Ferien. Da kommst du einfach mal morgens vorbei, und dann nehme ich das offiziell ab.“

Freibad in Duderstadt Quelle: Rüdiger Franke

Drei Schulklassen sind gerade im Freibad, als Arend mit dem Schüler spricht. Es gebe allerdings nur wenige Lehrer, die sich im Schwimmsport engagieren, sagt er. „Ich habe schon vor Jahren die Schulen angesprochen, dass wir die zweite Aufsichtsperson stellen können, wenn es dort fehlt“, sagt Arend, der lange Jahre als Vorsitzender des DLRG-Ortsverbandes Eichsfeld tätig war. Leider sei aber keine Rückmeldung gekommen.

Noch an anderer Stelle gebe es Verbesserungsbedarf, erzählt Arend, als er eine junge Mutter sieht, die mit ihrem Kleinkind auf dem Arm zum Wasser geht. „Sie macht alles richtig, ist beim Kind“, erklärt er. Doch es gebe immer häufiger Eltern, die am Rand des Geländes liegen, während das kleine Kind mit seinen Schwimmflügeln zum Schwimmerbecken laufe. „Sie sagen, sie haben es im Blick“, sagt er. Doch das sei oft gar nicht möglich. Die Verantwortung werde abgegeben.

Die Eichsfelder Lebensretter sind im Einsatz in Duderstadt, Gieboldehausen, Teistungen und am Seeburger See. Wie wichtig die Aufsicht am Beckenrand beziehungsweise am Ufer sei, zeige sich, wenn die Schwimmmaufsicht tatsächlich eingreifen müsse. Das sei bislang zum Glück nicht sehr oft eingetreten. „Wir hatten im Seeburger See vier oder fünf ernsthafte Fälle“, erzählt Arend.

Trotz seiner Kritikpunkte ist sich Arend sicher, dass die positiven Aspekte überwiegen. Während er das erzählt, kommt der junge Schüler mit seiner Lehrerin vorbei, hat eine neue Aufgabe bestanden.

Von vsz/afu/rf

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Zum ersten Mal wird an diesem Sonnabend in Göttingen der Christopher Street Day gefeiert: Mit einer schrill-bunten Parade, Kundgebung und Straßenfest.

01.07.2019

Mehr als 78.000 Besucher sind bislang im Juni in die Göttinger Freibäder gekommen. Um sich abzukühlen. Am bislang wärmsten Tag des Jahres, dem Mittwoch, waren es allein mehr als 12.000 Badegäste.

30.06.2019

Hat das scharfe Urteil des Europäischen Gerichtshofes zu Stickstoffdioxiden und Messstationen Auswirkungen auf Göttingen? Drohen jetzt Fahrverbote. Wir haben nachgefragt.

27.06.2019