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Göttingen Aggressivität wegen Maskenpflicht? Ein Rundgang durch Göttingens Läden
Die Region Göttingen

So gut halten sich die Göttinger noch an die Maskenpflicht

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20:00 14.10.2021
„Unsere Mitarbeiter sind angewiesen, nicht aggressiv aufzutreten, damit es nicht zu Eskalationen kommt“, sagt Leschek Biegelmann, Filialleiter der Esso Tankstelle an der Weender Landstraße 10.
„Unsere Mitarbeiter sind angewiesen, nicht aggressiv aufzutreten, damit es nicht zu Eskalationen kommt“, sagt Leschek Biegelmann, Filialleiter der Esso Tankstelle an der Weender Landstraße 10. Quelle: Lisa Eimermacher
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Göttingen

„Setzen Sie bitte Ihre Maske auf?“ Im Vorbeigehen weist der Tankstellen-Mitarbeiter einen älteren Herren darauf hin. Mühsam wühlt Letzterer in seiner Jackentasche, sagt kein Wort. Seit etwa anderthalb Jahren gilt die Maskenpflicht im Einzelhandel. Haben sich die Kundinnen und Kunden daran gewöhnt – oder sind sie maskenmüde geworden? Machen auch in Göttingen vehemente Maskenverweigerer den Verkäufern Probleme? Acht Menschen, die im Einzelhandel arbeiten, schildern dem Tageblatt ihre Erfahrungen.

Bisher keine Eskalationen

„Manche vergessen einfach ihre Masken im Auto“, sagt Leschek Biegelmann, Filialleiter der Esso-Tankstelle an der Weender Landstraße, gegenüber dem Iduna-Zentrum. Zehn Minuten vom Hauptbahnhof entfernt gibt es hier rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, Bier, Schnaps, Tabak. Die Mitarbeiter weisen vergessliche Kunden höflich auf die Maskenpflicht hin, sagt Biegelmann. „Wird das ignoriert, sind unsere Kassierer angewiesen, nicht aggressiv aufzutreten, damit es nicht zu Eskalationen kommt.“ Eingetreten sei der Fall bisher nicht.

Anders in Idar-Oberstein, wo ein Maskenverweigerer Mitte September einen Tankstellen-Mitarbeiter erschoss. Die schreckliche Tat hinterlässt Spuren, auch in Biegelmanns Tankstelle: „Nach dem Vorfall haben wir uns mit unseren Mitarbeitern zusammengesetzt und das Problem besprochen“, sagt der Filialleiter. Seit 35 Jahren Kunden bedient er Kunden an der Kasse. Seine Mitarbeiter würden niemanden herauswerfen, sagt er. Vor dem Mord in Idar-Oberstein seien er und seine Mitarbeiter etwas strenger gewesen. Es gibt einen weiteren, profanen Grund für die neuerliche Zurückhaltung: „Es sind mittlerweile ja auch schon viele Menschen in Göttingen durchgeimpft“, sagt der Tankstellen-Chef.

Die Angestellten stehen hinter einer Plexiglas-Scheibe an der Kasse. Sie tragen weiterhin Maske – obwohl sie es eigentlich nicht müssten. Damit wolle man Argumenten wie „Ihr tragt doch selbst keine Masken“ vorgreifen, sagt Biegelmann.

Besir Miri, Inhaber von Döner King in der Weender Straße, setzt auf eine freundliche Ansprache beim Umsetzen der Maskenpflicht. Quelle: Lisa Eimermacher

Über die große Kreuzung geht es auf der Weender Straße in Richtung Innenstadt. Rund ums Carré ist am Wochenende zu später Stunde noch oft viel los; unterschiedliche Menschen treffen aufeinander. Hier hat Besir Miri seinen Laden Döner King. Diskussionen rund um die Maske stehen auf dem Tagesprogramm, könnte man annehmen. Nein, nach einem freundlichen Hinweis kämen die meisten dem nach, sagt Miri.

Ordnungsamt beschwert sich über betrunkene Kundschaft

„20 Prozent der Kunden weigern sich, eine Maske zu tragen“, sagt Sardar Osman Joki, Inhaber des Zanko Internetcafés und Kiosks vier Häuser weiter. Darunter fänden sich viele junge Menschen mit Migrationshintergrund. Das Ordnungsamt habe sich bei ihm schon mal über betrunkene Kunden, welche die Maske falsch trugen, beschwert. Wenn jemand seine Maske vergessen habe, könne er eine im Zanko kaufen. Ansonsten muss er draußen bleiben. Neulich sei ein junger Mensch in den Kiosk gekommen. Weil er kein Geld für einen Mundschutz gehabt habe, schenkte ihm Joki eine Maske.

„20 Prozent der Kunden weigern sich, eine Maske zu tragen“, sagt Sardar Osman Joki, Inhaber des Zanko Internetcafés und Kiosks an der Weender Straße. Quelle: Lisa Eimermacher

Angst vor Konfrontation

So handhabt es auch die Verkäuferin Bianca Breest. Die Bäckerei Küster liegt ganz am Anfang der Weender Straße. „Wenn uns jemand nett sagt, dass er seine Maske nur vergessen hat, geben wir aus unserem privaten Fundus welche raus“. Sie müsse etwa zehn Mal in ihrer Schicht Kunden auf die Maskenpflicht hinweisen. Es habe besser funktioniert, als man in der gesamten Innenstadt Maske tragen musste. Auf Diskussionen lassen sie und ihre Kolleginnen sich nicht mehr ein. Eine junge Kollegin habe nach dem Mord in Idar-Oberstein jedoch Angst, die Leute zu konfrontieren, sagt Breest. Sie selbst habe keine. Situationen könne sie gut einschätzen.

Sabrina Lüert (v.l.) und Bianca Breest von der Bäckerei Küster an der Weender Straße, weisen in einer Schicht bis zu zehn Personen auf die Maskenpflicht hin. Quelle: Lisa Eimermacher

Auf die Intuition verlassen sich nicht alle: „Man kann den Leuten nicht in den Kopf schauen“, sagt Verena Büermann. Sie arbeitet als pharmazeutisch-technische Assistentin in der Apotheke im Carré. Generell gehe sie davon aus, dass die Kunden keine bösen Absichten hätten. Viele Menschen, die ihre Masken vergessen haben, klingelten und kauften draußen eine. Zu Beginn der Pandemie habe es noch mehr Menschen gegeben, die sich nicht auf die Maske eingelassen hätten. Brenzlige Situationen? Nein, die habe es in der Apotheke noch nicht gegeben.

Die Pharmazeutisch-technische Assistentin Verena Büermann berichtet von ihren Erfahrungen mit der Maskenpflicht im Einzelhandel in der Apotheke im Carré. Quelle: Lisa Eimermacher

Es geht vom Carée in den südwestlichen Teil der Innenstadt. Fragt man hier bei Kiosken nach, ähneln sich die Antworten. Kein mulmiges Gefühl, wenig Stress mit Maskenverweigerern. Sich an die Pflicht halten und dennoch darüber meckern, scheint die Devise einiger Kunden zu sein. „Es beschweren sich viele: Die Maskenpflicht könne doch endlich mal wieder abgeschafft werden, und so weiter.“ Die Mitarbeiterin eines Kiosks in der Groner Straße will anonym bleiben.

Patzig würden manche, die nur schnell eine Zeitung kaufen wollen. Für die 20 Sekunden Mund und Nase bedecken? Das erscheint einigen unnötig. Aber es hilft nichts: Die Mitarbeiterin ermahnt ihre Kunden. Etwa zwei Mal in der Woche mache sie das. Nicht viel für einen Laden, in dem Menschen im Minutentakt Zigaretten, Lotteriescheine oder Zeitungen kaufen.

Hausverbot für Maskenverweigerer

Eine letzte Station ist der Keller-Kiosk am Rosdorfer Weg in der Südstadt. Zwei Maskenverweigerern musste er zu Beginn der Pandemie Hausverbot erteilen, sagt ein Mitarbeiter. „Wenn ich sage: Maske auf, dann machen die das auch.“ Die Ausrede Nummer eins: „Ich bin doch doppelt geimpft“. Das lässt der Mitarbeiter natürlich nicht gelten. Behauptet jemand, er sei maskenbefreit, lässt der Verkäufer sich das Attest zeigen.

Der Rundgang zeigt: Die meisten Kunden sind verständnisvoll, halten sich an die Maskenpflicht. Nach eineinhalb Jahren haben sich offensichtlich viele an sie gewöhnt. Ob die Verkäuferinnen und Verkäufer ihre Kundschaft genauso gewissenhaft auf fehlende Masken hinweisen, wie sie es erzählen, ist natürlich schwer einzuschätzen. Sicher scheint dagegen, dass seit dem Tankstellen-Mord von Idar-Oberstein die reale Gefahr durch Maskenverweigerer in den Köpfen nicht aller, aber vieler Mitarbeiter angekommen ist – und von dort auch so schnell nicht wieder verschwinden wird.

Von Elena Everding und Lisa Eimermacher