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Göttingen Trotz Überversorgung: Patienten warten im Kreis Göttingen ein halbes Jahr auf einen Therapieplatz
Die Region Göttingen

So lange warten Betroffene auf einen Therapieplatz im Landkreis Göttingen

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08:00 29.12.2021
Stress und Isolation im Home-Office – die Pandemie hat depressive Krankheiten verstärkt.
Stress und Isolation im Home-Office – die Pandemie hat depressive Krankheiten verstärkt. Quelle: Christin Klose / DPA
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Göttingen

Arbeitslosigkeit wegen Corona, Isolation im Homeoffice, die Angst, sich zu infizieren, Ungewissheit – die Corona-Pandemie schlägt auf die Psyche. Im vergangenen Jahr haben pandemiebedingt weltweit 53 Millionen Menschen mehr unter einer schweren depressiven Störung gelitten als vor der Pandemie. – Eine Steigerung von fast 30 Prozent. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Studie, die in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet erschienen ist.

Der Bedarf an Psychotherapieplätzen ist hoch. Für die Therapieplätze gibt es lange Wartezeiten. Wie ist die Lage in Göttingen und Umgebung? „Grundsätzlich ist Göttingen eines der am besten versorgten Gebiet in Niedersachsen, trotzdem wissen wir von relativ langen Wartezeiten, die allerdings im Raum Göttingen etwas kürzer sind“, sagt Roman Rudy, Kammerpräsident der Psychotherapeutenkammer Niedersachsen (PKN).

Trotz der langen Wartezeiten sei die Region Göttingen aber überversorgt, sagt Kammerpräsident Roman Rudyk der Psychotherapeutenkammer Niedersachsen. Quelle: Psychotherapeutenkammer Niedersachsen

In einer eigenen Umfrage habe die Kammer ermittelt, dass Hilfsbedürftige im Raum Göttingen etwa ein halbes Jahr auf einen Therapieplatz warten. Nach vier bis sechs Wochen bekommen Erkrankte in Niedersachsen einen Erstkontakt, sagt Rudy. Der Kammerpräsident der PKN beruft sich auf die Bundespsychotherapeutenkammer (BPTK). Danach sei die Nachfrage nach einem Psychotherapieplatz seit der Pandemie um 40 Prozent gestiegen. Dies bedeute, dass die Wartezeit um ein Drittel verlängert sei.

Region Göttingen überversorgt

Trotz der langen Wartezeiten sei die Region Göttingen aber überversorgt, sagt Rudyk. Denn die Verhältniszahlen legen fest, wie viele Psychotherapeuten auf wie viele Einwohner kommen. Es gebe also keine Berechnung des Bedarfs, der sich an den tatsächlich Erkrankten orientiert. Der Grund: „Weil das Geld nicht da ist“, so Rudyk. In der Region Göttingen sind 145 niedergelassene Psychotherapeuten in der ambulanten Versorgung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) tätig. Eigentlich seien für die Region Göttingen lediglich 60 Therapeuten vorgesehen.

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Wie wird ein Erstkontakt hergestellt?

Der erste Schritt, wenn psychologische Hilfe benötigt wird: Ein Anruf beim Psychotherapeuten, um sich nach den Wartezeiten zu erkunden. Außerdem sei es grundsätzlich möglich, sich an den Hausarzt zu wenden. Falls selbst keine freien Plätze zu finden sind, vermittelt die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen unter der Telefonnummer 116 117 einen Termin für ein Erstgespräch bei Haus- und Fachärzten sowie Psychotherapeuten. Die Terminservicestelle ist an sieben Tagen in der Woche und 24 Stunden am Tag erreichbar. „Manchmal kann es sein, dass man für solch einen vermittelten Termin eine weitere Fahrt antreten muss, aber in Göttingen und Umgebung sollte ein Termin generell möglich sein“, sagt Rudyk.

Was tun bei einer akuten Krise?

In manchen Fällen könne ein Problem bereits in zwei bis drei Gesprächen gelöst werden. Ein Erstgespräch könne eine erste Einschätzung und Orientierung bieten, was die nächsten Schritte sein werden. Der Präsident der Psychotherapeutenkammer empfiehlt: „Wenn man das Gefühl hat, es geht nicht mehr, dies von einem Fachmann abklären lassen und lieber lange Wartezeiten in Kauf nehmen, bevor die Betroffenen bei der nächsten Krise wieder mit leeren Händen dastehen.“

Befindet sich jemand in einer akuten Krise und ist suizidal, soll er sich an ein Krankenhaus, die sozialpsychiatrischen Dienste oder den Hausarzt wenden. „Mit den psychiatrischen Kliniken wie der Universitätsklinik und der Psychiatrischen Klinik in Rosdorf ist Göttingen gut aufgestellt“, sagt Rudyk. Falls bereits Kontakt zu einem Psychotherapeuten besteht, können sich Patienten auch im Notfall für eine Akutversorgung dort melden.

Wie können Hilfsbedürftige die lange Wartezeit bis zum Therapieplatz überbrücken? „Eine große Herausforderung ist immer Isolation“, sagt Rudyk. Krankheitsbedingt falle es den Betroffenen oft schwer, ihre sozialen Kontakte aufrecht zu erhalten. Doch gerade der Austausch mit anderen Menschen sei besonders in Krisenzeiten hilfreich, ob im Verein, in der Gemeinden, in der Nachbarschaft, mit der Familie oder mit Freunden.

In der Datenbank der Kontakt-, Informations- und Beratungsstelle im Selbsthilfebereich (KIBIS) im Gesundheitszentrum Göttingen finden sich Selbsthilfegruppen zu verschiedenen Problemen. Die Telefonseelsorge in Göttingen ist Tag und Nacht unter 0800 111 011 1 erreichbar, auch an Wochenenden und Feiertagen. Seit Dezember bietet die Telefonseelsorge auch eine Chatseelsorge an. Termine für einen Chat lassen sich anonym unter online.telefonseelsorge.de buchen.

Von Lisa Eimermacher