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Göttingen Sommerinterview: Was hat James Bond mit dem GSO zu tun, Mr Milton?
Die Region Göttingen Sommerinterview: Was hat James Bond mit dem GSO zu tun, Mr Milton?
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14:40 24.08.2019
Nicholas Milton Quelle: NEWSPIX
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Göttingen

Herr Milton, Sie sind seit fast einem Jahr neuer Chefdirigent des Göttinger Symphonie Orchesters (GSO) Göttingen. Zeit für eine erste Bilanz. Wie bewerten Sie ihre erste Spielzeit hier?

Zunächst sei vorausgeschickt, dass ich das GSO vorher bereits dreimal dirigieren durfte, weil mich mein guter Freund Christoph-Mathias Müller hierher eingeladen hat. Das war immer eine ganz besondere Situation, in der ich dachte, das Orchester strahlt eine wunderbare positive Energie aus. Die Chemie des Musizierens hat wirklich sofort gestimmt. Deswegen war ich so begeistert und sehr, sehr glücklich, als Chef zu diesem fantastischen Orchester zu kommen.

In diesem ersten Jahr hat sich diese Begeisterung meinerseits bestätigt. Wir haben eine so tolle Atmosphäre in den Proben, das macht einfach Spaß. Das Publikum nimmt unsere Spielfreude natürlich auch wahr. Ich denke, wir haben viel erreicht in dieser ersten Spielzeit – natürlich beim Kartenverkauf und Erreichen des Publikums, aber vor allem hatten unsere wichtigsten gemeinsamen Ereignisse damit zu tun, wie wir uns gegenseitig als Musiker immer tiefer musikalisch verstehen und zusammenwachsen. Ich kenne das Orchester jetzt so viel besser, und die tollen Musiker des GSOs kennen mich auch besser – so können wir unsere geteilten künstlerischen Ziele mehr und mehr artikulieren und erreichen.

Quelle: Reyer

Das klingt nach einer tollen Ausgangslage. Wohin soll die Reise gehen?

Mein persönliches Ziel ist, dieses Juwel der Stadt mit der Energie, die ich in den Proben und Konzerten spüre, ohne Vorbehalte einem breiten Publikum zu präsentieren – diese Offenheit, das Engagement der Musiker, ihr Feuer und ihre Leidenschaft. Dabei will ich – wollen wir – zeigen, und immer wieder bestätigen und klar machen, dass wir wirklich zur Stadt und zur Region gehören. Die Musiker geben alles für das Publikum mit vollem Engagement. Auch in einer engen Zusammenarbeit mit meinen Chefs, Herrn Klaus Hoffmann (Geschäftsführer) und Herrn Stefan Lispki (Aufsichtsrat-Vorsitzender), arbeiten wir alle in der ganzen Organisation immer daran, eine künstlerische Vision für die Stadt zu artikulieren. Das Orchester hat eine ganz besondere Struktur: Wir sind kein Staatsorchester mit finanzieller Absicherung, das GSO ist ein Bürger-Orchester mit einer ganz langen und beeindruckenden Geschichte, starker Verankerung bei den Menschen in Stadt und Region und mit hohem Engagement der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.

Und diesen Geist spürt man immer noch in diesem Orchester – wie wir proben, wie wir arbeiten, wie wir auf immer tiefere musikalische Zaubermomenten zustreben. Meine Musiker, das Management-Team und ich fühlen uns alle ganz tief verbunden mit Stadt und Region und mit dem Publikum, das mit uns unsere Konzerte so engagiert teilt. Wir im Orchester sind eine Familie – so funktioniert unser GSO – und unser Publikum fühlt sich auch genauso als wichtiger Teil der GSO Familie.

Woran machen Sie das fest?

Vom ersten Konzert an hat es musikalisch wunderbar gestimmt. Es ist schon weit in der Deutschen Orchesterlandschaft bekannt, dass das GSO ein Orchester ist, das weit über seiner Liga spielt. Es spielt das farbenreichste Repertoire, ein ganz großes Spektrum. Im letzten Jahr zum Beispiel haben wir ein Broadway-Konzert mit West Side Storygespielt, mit diversen Jazzelementen; wir haben das Konzert „Nacht der Filmmusik“ dreimal ausverkauft in der Lokhalle und der Stadthalle Osterode gespielt; und am Ende der Spielzeit haben wir Carmina Burana präsentiert, mit 300 Sängern und Musikern auf der Bühne und 3000 tief bewegte Besuchern im Publikum. Ich habe durch meine vielen Konzerte auch das Publikum allmählich tiefer kennengelernt. Unsere verschiedenen musikalische Angebote haben wunderbar für meine erste Spielzeit funktioniert und wir haben auch eine tolle Steigerung beim Publikums gesehen, das war unglaublich.

Zur Person

Dr. Nicholas Milton, geboren in Sydney/Australien, ist seit August 2018 Künstlerischer Leiter und Chefdirigent des Göttinger Symphonie Orchesters. Er hat in Sydney und New York die Fächer Violine, Dirigieren, Musiktheorie und Philosophie studiert. Seine Stationen als Dirigent waren u.a. Sydney, Berlin, Wien, Amsterdam. Von 2014 bis Juli 2018 war er Generalmusikdirektor des Saarländischen Staatstheaters, von 2002 bis 2010 Generalmusikdirektor der Jenaer Philharmonie. Milton wurde 1999 zum „Australischen Dirigenten des Jahres“ gekürt und 2016 in den „Order of Australia“ aufgenommen – vergleichbar mit dem Order of the British Empire im Vereinigten Königreich. to

Internet:

Nicholas Milton: nicholasmilton.com

Göttinger Symphonie Orchester: gso-online.de

Und das nicht unbedingt unter optimalen Spielbedingungen…?

Ja, wir hatten eine Spielzeit mit einigen Herausforderungen, vor allem mit dem Thema Sanierung der Stadthalle. Ich glaube, wir hatten alle ein bisschen Angst, ob wir das schaffen, unser Publikum für verschiedene neue Spielstätten zu gewinnen. Natürlich hatten wir einfach keine andere Möglichkeit. Aber es hat wunderbar geklappt; unser tolles Publikum war offen dafür, und wir haben eine wunderbare Resonanz bekommen. Wir hatten 2018/19 Aboreihen, die wir in der Stadthalle angefangen haben, dann haben wir zwei Konzerte in der Lokhalle und dann zwei Konzerte in der Aula gehabt, dazu auch Crossover-Konzerte in der Lokhalle – darunter Sonderkonzerte zu Neujahr, besonders erfolgreich die Nacht der Filmmusik-Konzerte, und Carmina Burana.

Wird es so bunt weiter gehen?

In der neuen Spielzeit 19/20 gehen wir in eine andere Richtung und bauen damit den zunächst erzwungenen Spielstättenwechsel für unser Publikum aus. Manche Leute lieben die Aula, manche lieben die Lokhalle, und manche lieben das Deutsche Theater. Wir sind ein Orchester, das viele Geschmäcker bedienen kann.

Was bedeutet das konkret?

Wir organisieren das Programm anders, und dabei geht es nicht nur um wechselnde Orte. Ich lerne allmählich und in diversen Erfahrungen und Gesprächen mit Musikern und Publikum, welchen Geschmack das Publikum hat: was es sich wünscht, was wir noch probieren könnten, wo es gespannt ist, wo es eher konservativ, wo es offener gegenüber neueren Elementen ist. Also: Es wird sechs Konzerte in der Uni-Aula geben, mit einem Repertoire, das wirklich besonders gut dorthin passt Dort ist natürlich eine tolle Akustik. Wir haben ein faszinierendes Repertoire ausgesucht, mit sehr interessanten Stücken. Natürlich, viel Kernrepertoire (Beethoven, Brahms, Mozart, Schubert, Mendelssohn, Schumann, Haydn), aber auch um das wunderbar bunt zu machen, zum Beispiel Stücke wie Michael Daughertys „Dead Elvis“, inspiriert von Elvis Presley – wo der Fagottist als Solist in einem Elvis-Presley-Kostüm auftreten soll. Ich fange an mit der dritten Symphonie von Brahms am 12. und 13. September (natürlich weil Brahms eine besondere Beziehung zu Göttingen hatte), kombiniert mit Beethovens Violinkonzert, gespielt von einem Shooting-Star der Violinwelt, Emmanuel Tjeknavorian – Beethoven natürlich weil wir in dieser Spielzeit seinem 250-jähriges (1770 geboren) Jubiläum besonders feiern möchten.

Außerdem sehr wichtig, wir haben jetzt andere komplett neue Reihen: Deutsches Theater 11 Uhr Sonntag Matinée, Lokhalle Klassik, Lokhalle Showcase – unsere Crossover-Reihe, und die Inspiration-Reihe in der Aula.

Wenn Sie sagen, „wir“ haben das ausgewählt, wer ist dann „wir“?

Natürlich habe ich am Ende die Verantwortung, die Programme zusammenzustellen. Aber wenn ich sage „wir“, meine ich auch wir. Im Programm sind ganz viele Elemente vertreten. Das Publikum schreibt mir Briefe, und Musiker kommen zu mir und sagen, das Konzept wäre toll. Dann taucht vielleicht ein Solist auf, der etwas spezialisiert ist und eine tolle Idee hat. Und natürlich arbeite ich ganz, ganz fest und genau mit unserem Management-Team. Wir haben bei dem GSO ein kleines Team, aber in einem Organismus wie in einem Orchester müssen alle Abteilungen wirklich gut Hand in Hand sozusagen optimal harmonieren. Ich bin sehr offen, und am Ende, denke ich, präsentieren wir – Musiker und Management zusammen – ein Konzertprogramm, was wirklich unsere gemeinsame Vision für die Spielzeit klar vorstellt – auf Englisch gesagt, „a combined effort.“

Inwiefern beeinflusst das Ihre Entscheidung?

Man bekommt die Termine und dann muss man irgendwie eine Struktur mit der richtigen Balance für die Abos konzipieren. Dabei geht es auch um die richtigen Abstände zwischen ähnlichen Konzerten. Wir können nicht sechsmal Violinkonzerte geben. Jedes Abo ist eine Odyssee, ein unglaubliches, wunderbares Abenteuer, eine Reise in eine musikalische Welt, die dramaturgisch zusammenpassen muss. Und das hängt auch sehr von den Spielorten ab. Und hier sehen wir die aktuelle Situation in Göttingen als einen Vorteil. Wir können in der Aula zeigen, welche symphonische Breite man dort erreichen kann. Zum Beispiel bei einem Stück, in welchem das Orchester singen muss.

Welche Neuerungen gibt es inhaltlich noch?

Wir haben eine neue Inspirationsreihe. Das sind Konzerte, die zweimal an einem Abend in der Aula gespielt werden; einmal um 18.45, und noch mal um 20.45 Uhr. Damit hoffen wir, vielleicht auch ein anderes Publikum zu erreichen. Dabei befassen wir uns zum Beispiel mit Mozart und Stücken, die von Mozart inspiriert sind; teilweise von einem Komponisten, der in der gleichen Zeit gelebt hat, oder 200 Jahre später. In unserem Programm mit Bach haben wir einen australischen Komponisten, der ein wunderbares von Bach inspiriertes Stück geschrieben hat. Es kommt Arvo Pärt, einem estnischen Komponisten – das ist sozusagen die Fortsetzung der Wiener Klassik-Reihe.

Welches Publikum wollen sie mit der neuen Reihe ansprechen?

Ich könnte mir gut vorstellen, dass in ein Konzert um 20.45 Uhr mit solchen Themen ein eher jüngeres Publikum kommt. Dass das funktionieren kann, haben wir schon bei einer offenen Probe in der Universität festgestellt. Das Konzert um 18.45 Uhr ist für Leute, die vielleicht nach der Arbeit ein knackiges, kurzes moderiertes Konzert zur Entspannung suchen.

Eine Nachfrage zum jungen Publikum: Wächst das automatisch nach?

Die Demografie-Situation ist immer interessant, weil alle Leute sagen: Ja, wir müssen jüngeres Publikum erreichen. Das machen wir schon: Bei der „Nacht der Filmmusik“ hatten wir ganz viele junge Leute im Publikum. Man darf nicht vergessen, dass diese Leute immer wieder kommen, wenn sie älter werden. Also da habe ich keine großen Sorgen.

Welche Neuerungen gibt es zur nächsten Spielzeit noch?

Wir haben bemerkt, dass in fast jeder Stadt 11 Uhr am Sonntag eine der beliebtesten Zeiten für Orchesterkonzerte ist. Und wir haben erfreulicherweise mehr Termine im Deutsche Theater bekommen. Also haben wir entschieden, eine Sonntagsreihe anzubieten. Die Konzerte dauern eindreiviertel Stunden, man ist vor dem Mittagessen fertig. Darin bieten wir ein Repertoire, das man zu dieser Zeit und im Theatersaal sehr schön genießen kann: Sibelius, Schumann, Beethoven, Grieg, Elgar. Es ist ein breites Repertoire, und ich bin sehr gespannt, wie sich dieses Konzert entwickelt. Ich denke, es dauert immer ein bißchen mit einer neuen Reihe, aber ich bin fast sicher, bis zum Ende dieser Spielzeit ist diese 11 Uhr Sonntags Matinee Reihe am DT ausverkauft!

Welches sind Ihre Ziele in den nächsten fünf oder zehn Jahren?

Ich sehe mein Ziel darin, die Vielfältigkeit gerade dieses Orchesters zu unterstützen. Dieses Orchester kann schon einen Akkord so spielen, dass es wie Brahms klingt; dann plötzlich wie Wagner, oder wie Tschaikowsky, dann mit französischem Klang, oder deutschem, amerikanischem oder russischem. Ich finde diese Möglichkeiten immer wieder so faszinierend. Die Musiker des GSOs sind wunderbar vielfältig, und ich bin immer so stolz mit ihnen auf der Bühne zu sein. Zeigen werden wir diese stilistische Vielfalt auch in unserer neuen Show-Case-Reihe in der Lokhalle, eigentlich in verschiedenen Cross-over-Projekten. Wir starten diese neue Reihe mit „Fiesta“ am 20.09.2019 mit Stücken u.a. von Miller und Gershwin, dann folgt die erste Nacht der Filmmusik im Dezember: „An evening with James Bond“ mit der einmaligen Sängerin Mary Carewe. Sie ist die Weltspezialistin für all die Bond-Songs. In weiteren Konzerten zeigen wir unser lateinamerikanisches Repertoire, dann machen wir KARNEVAL IN VENEDIG im Februar 2020 gefolgt von der zweiten Nacht der Filmmusik Ende April 2020.

Und außerhalb Göttingens?

Wir machen fünf Konzerte in Einbeck und fünf Konzerte in Osterode. In der Region zu spielen ist wichtig für uns. Und wir haben eine Menge Gastspiele in Niedersachsen und darüber hinaus. Das Jahr ist vollgepackt. Man sieht, es ist ein flexibles Orchester. Was dieses Orchester leistet, ist einfach verblüffend.

Haben Sie den Eindruck, dass auch die Stadt Göttingen – Rat und Verwaltung – hinter dem Orchester stehen?

Ja, ich glaube, alle wissen, wie wichtig das GSO für die Stadt und Region Göttingen ist. Wir werden das immer wieder weiter beweisen mit unserer Spielfreude, künstlerischen Integrität und tiefer Liebe und wichtigen Visionen, die wir bedienen dürfen.

So erreichen Sie die Autoren

Christoph OppermannE-Mail: c.oppermann@goettinger-tageblatt.de

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Ulli Schubert

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Von Christoph Oppermann und Ulrich Schubert