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Göttingen Straso verteilt Weihnachtstüten an Bedürftige in Göttingen
Die Region Göttingen Straso verteilt Weihnachtstüten an Bedürftige in Göttingen
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16:39 21.12.2018
Ein schöner Moment: Petra (72) bekommt von Straso-Mitarbeiterin Steffi Leik eine Weihnachts-Überraschungstüte.
Ein schöner Moment: Petra (72) bekommt von Straso-Mitarbeiterin Steffi Leik eine Weihnachts-Überraschungstüte. Quelle: Christina Hinzmann
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Göttingen

Es ist ein kleines Stück Weihnachten in einer sonst schwierigen und oft freudlosen Lebenslage: Am Freitag haben die Sozialarbeiter der Göttinger Straso Geschenktüten an Wohnungslose und andere Bedürftige ausgegeben.

Die Schlange reicht bis in den Flur, aber niemand ist ungeduldig oder drängelt. Man plaudert ein wenig, trinkt den Kaffee im Stehen – und schaut erwartungsvoll mit neugierigem Blick zum Tresen. Bodo ganz vorne braucht ein bisschen länger. Er nimmt auch die Überraschungstüte für einen Bekannten und dessen „Lebensgefährtin“ mit. “Der kann doch nicht laufen“, erklärt er trocken.

„Da werden kaum welche übrig bleiben“

Steffi Leik braucht keine Erklärung. Die Sozialarbeiterin kennt hier fast alle, Bodo schon lange. Für jeden hat sie ein paar freundliche Worte und nette Wünsche zu Weihnachten. „Das ist schon ein besonderer Tag, eine ganz besondere Stimmung“, sagt sie. Eine fröhliche Stimmung, das ist an diesem Freitag vor Heiligabend in allen Räumen der Straßensozialarbeit (Straso) in der Tilsiter Straße zu spüren. Seit vielen Jahren verteilen die Straso-Mitarbeiter vor dem Fest Weihnachtspäckchen an ihre Besucher. 100 Tüten haben sie mit ehrenamtlichen Helfern am Vortag gefüllt – „und da werden wohl kaum welche übrig bleiben“, sagt Mike Wacker, Leiter der Straso.

Viele der Besucher kommen fast jeden Tag in die Tilsiter Straße. Sie frühstücken hier, duschen vielleicht und schauen in ihr Postfach. Die Weihnachtstüte ist eine willkommene und auch ersehnte Beigabe. Das spricht sich herum, heute lassen sich auch einige Blicken, die seltener den Weg in die Beratungsstelle finden. Sie kommen besser alleine zurecht oder haben andere Gründe, ohne diese Hilfe durchs Leben zu gehen. Aber sie freuen sich nicht weniger auf die Weihnachtstüte, deren Inhalt „zu ihren besonderen Lebensumständen passt“, sagt Wacker.

Und dann bekommt Bodo doch feuchte Augen

Sie sind gefüllt mit weihnachtlichen Leckereien, Kaffee und Kaffeesahne, Suppe, Wurst, Käse, Honig, einem Fruchtgetränk, Brotaufstrich und ähnlichen Genussmitteln. Raucher finden auch ein Feuerzeug und Zigarettenblättchen, Hundehalter etwas Hundefutter.

„Und Katzenfutter“, zählt Bodo in seiner drögen und gelassenen Art weiter auf. Dann erzählt er von seinen drei Katzen zu Hause in Grone und vom Bekannten, der nicht laufen kann – und bekommt jetzt doch feuchte Augen. „Jetzt muss ich aber“, sagt er schnell, „hab’ noch Termine“. Draußen stellt er seine Tüten ab und zündet sich eine Zigarette an – scheinbar gedankenverloren.

Bodo (62), Besucher der Straso. Quelle: Ulrich Schubert

Petra genießt ihre Zigarette drinnen im warmen Raucherbereich. Vor ihr dampft der Kaffee im Becher, das Mettwurstbrötchen ist noch unberührt. „So gut wie heute ging es mir schon lange nicht mehr“, sagt die 72-Jährige mit einem breiten Lächeln. Bis vor drei Jahren war sie regelmäßige Besucherin der Straso-Anlaufstelle. Dann ist die Einrichtung vom Rosdorfer Weg in die Tilsiter Straße umgezogen – „und ich hab’ sie nicht mehr gefunden“.

Ohne Spenden kaum möglich

Heute hat sie einen neuen Anlauf genommen und sich mit ihrem Rollator per Bus und zu Fuß auf den Weg gemacht. „Und ich habe es gefunden“, sagt sie stolz. Dann erzählt sie von ihrer Einraumwohnung in Rosdorf, von ihrer Diabetes und den „tollen Straso-Leuten“. Und von der Weihnachtstüte, die sie sich gleich nach der Ankunft vorne abgeholt hat. „Das ist so schön“, sagt sie, „vieles davon kann ich mir ja sonst nicht leisten“.

Die Straso: niederschwellige Alltagshilfe

Die Straßensozialarbeit (Straso) ist eine Einrichtung des Diakonieverbandes im Evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Göttingen. Sie will vor allem wohnungslosen Menschen in ihrer schweren Lebenslage unterstützen. Dafür bietet sie außer einer aufsuchenden Sozialarbeit (Streetwork) an der Tilsiter Straße weitere niedrigschwellige Hilfen:

In der Teestube können sich Hilfesuchende aufhalten, informieren und soziale Kontakte knüpfen. Es gibt eine Bücherausleihe, Zeitungen, Internetzugang und eine Spielgruppe. Es gibt Frühstück, Mittagessen und Getränke gegen (geringe) Bezahlung. Und Besucher können hier duschen und ihre Wäsche waschen.

Wohnungslose können sich bei der Straso eine Postmeldeadresse einrichten lassen – besonders für Behördenbescheide. Ein Schneider flickt bei Bedarf Kleidung, ein Arzt bietet regelmäßige Sprechstunden und unkonventionelle medizinische Hilfe, zwei Rechtsanwälte beratend Besucher. Auch bei Korrespondenzen und Gesprächen mit Behörden unterstützen die zehn festen Straso-Mitarbeiter und Ehrenamtliche die Hilfesuchenden. Und: Das Straso-Team hilft bei der Wohnungssuche.

Die Straso ist auf Spenden angewiesen. Gefördert wird sie von Stadt und Landkreis Göttingen, vom Land Niedersachsen, vom Diakonischen Werk sowie von weiteren Institutionen und Firmen. Kontakt: Tilsiter Straße 2a, 37083 Göttingen; Telefon 0551/517980; Mail info@strassensozialarbeit-goettingen.de. Spendenkonto: DE77 2605 0001 0000 0008 28 bei der Sparkasse Göttingen.

Natürlich sind es fast alles nur alltägliche Lebensmittel. Aber gerade die sind für die Straso-Klienten so wertvoll, sagt Wacker. Die meisten lebten am Existenzminimum, jeder Cent zähle. Der Tüteninhalt habe einen Wert von rund 30 Euro. Das Geld dafür komme von etwa zehn Stiftungen aus ganz Deutschland, manche seien seit Jahren dabei. „Ohne solche Spenden wären diese und unsere anderen Angebote nicht möglich“, sagt Wacker.

Von Ulrich Schubert

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