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Göttingen Sprengen oder entschärfen? Das geschieht mit der Bombe
Die Region Göttingen Sprengen oder entschärfen? Das geschieht mit der Bombe
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15:46 11.10.2019
Sprengmeister Thorsten Lüdeke am Fundort. Quelle: Swen Pförtner
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Göttingen

„Es deutet viel darauf hin, dass es sich bei dem gefundenen Störkörper um einen Blindgänger handelt“, sagt Thorsten Lüdeke über die Lage am Schützenanger. „Sicher sein können wir aber erst, wenn wir das Metallobjekt freigelegt haben“, fügt der Sprengmeister des Kampfmittelbeseitigungsdienstes (KBD) hinzu. Seit 2007 arbeitet der 38-Jährige beim KBD, es ist sein dritter Entschärfungseinsatz in Göttingen.

Zu sehen ist allerdings noch nichts von dem Objekt: Ein über zwei Meter tiefes Loch klafft in der Erde, in Richtung Maschmühlenweg sind meterhohe, mit Sand gefüllte Säcke aufgestapelt. Die vermutete Fliegerbombe liegt etwa einen Meter tiefer im Boden vergraben. „Es könnte sich auch um einen alten Metallofen handeln. Wir wissen es einfach noch nicht“, sagt Lüdeke.

Vermutlich 250- bis 500-Kilo-Blindgänger

Der Fundort. Quelle: Swen Pförtner

Seine Erfahrung sage ihm aber, dass es sich wahrscheinlich um eine nicht explodierte Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg handele. Zudem habe eine Sondierung des Bodens mit einer Eisennadel gezeigt, dass eine kreisförmige Erdverschiebung und -verfärbung vorliegt. Dies sei ein untrügliches Zeichen für einen Bombeneinschlag, erläutert er. Wenn eine solche Munition in den Boden eindringt, zieht sie das Erdreich um sich zusammen. Das Gewicht des vermuteten Blindgängers schätzt der Experte auf etwa fünf bis zehn Zentner – also 250 bis 500 Kilogramm.

Welcher Bauart die Bombe ist und welcher Zündmechanismus sie auslöst, werde sich zeigen, wenn die Evakuierungsmaßnahmen abgeschlossen sind und die Mitarbeiter des KBD vorsichtig mit der Freilegung beginnen. „Dabei müssen wir möglichst erschütterungsfrei vorgehen“, sagt er. Eine behutsame Vorgehensweise sei unbedingt vonnöten. Bewahrheiten sich die Vermutungen des Sprengmeisters, würde eine unkontrollierte Detonation einen etwa 15 bis 25 Meter breiten und zehn Meter tiefen Krater reißen.

Zündmechanismus entscheidet über Vorgehen

Fünf Mitglieder des KBD sind in Göttingen im Einsatz. Quelle: Swen Pförtner

„Wir müssen an das Heck ran“, denn dort befindet sich der Zündmechanismus. Direkt am Fundort arbeiten immer nur zwei der fünf Mitglieder des Kampfmittelbeseitigungsdienstes – aus Sicherheitsgründen. Besitzt die Bombe einen Aufschlagzünder, werde die Entschärfung vorbereitet. „Im besten Fall kann der Zünder mit einer Zange außer Funktion gesetzt werden“, erläutert der Sprengmeister. Dann sei die „ganze Aktion in zwei bis drei Stunden vorbei“.

Thorsten Lüdeke erklärt im Video , welche Arbeiten bereits erledigt wurden:

Besitzt die Bombe jedoch einen Langzeitzünder, wird sie wohl gesprengt. Dann werden eine Spreng- und eine Hohlladung, um die dicke Metallummantelung zu durchdringen, angebracht. Anschließend wird die Grube mit Holzpaletten abgedeckt, darüber Wasser- und Sandsäcke gestapelt, um eine Trichterform zu schaffen. Die Explosion soll so nach oben geleitet werden, um Sachschäden gering zu halten. Per Fernzündung wird aus sicherer Entfernung ausgelöst. Diese Vorgehensweise würde wesentlich mehr Zeit in Anspruch nehmen, Lüdeke rechnet mit fünf bis sechs Stunden.

Aufschlagzünder oder Langzeitzünder

Ob ein Blindgänger entschärft werden kann oder kontrolliert gesprengt werden muss, entscheidet die Art des Zünders. Handelt es sich um einen Aufschlagzünder, ist eine Entschärfung per Hand möglich, erläutert Sprengmeister Thorsten Lüdeke. Wie der Name sagt, hätte die Bombe beim Aufschlag auf die Erde detonieren sollen. Der Mechanismus könnte nach etwa 75 Jahren im Boden zwar durch Rost angegriffen sein, dennoch ist eine Entschärfung weniger gefährlich als bei einem Säure- oder Langzeitzünder. Dabei hält eine Scheibe aus Zelluloid oder Kunststoff den Schlagbolzen fest. Beim Aufprall auf der Erde zerbricht eine Glas-Ampulle voller Aceton. Das Lösungsmittel löst das Zelluloid auf und den Schlagbolzen aus, es kommt zur Explosion. Diese Zündmechanismen haben häufig versagt, ihr Anteil an den Blindgängern ist besonders hoch. Kam die Bombe zum Beispiel verkehrt herum zur Ruhe, tropfte das Aceton nicht wie vorgesehen direkt auf das Zelluloid.

Für Emotionen ist kein Platz

Ein Langzeitzünder führte 2010 zur Explosion auf dem Schützenplatz, nur wenige hundert Meter entfernt. Lüdeke war vor Ort und hat bei dem Unfall Freunde verloren, doch „am Sonnabend gibt es keinen Platz für Emotionen.“ Die Bombe habe damals nur das gemacht, wofür sie konstruiert wurde, nur eben wesentlich später, sagt er nüchtern. Denn „ein Langzeitzünder kommt irgendwann, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.“ Normalerweise könne der Zünder über die Aceton-Menge zwischen einer und 144 Stunden eingestellt werden – 75 Jahre waren nicht vorgesehen.

Bombenentschärfungen erleben Göttinger wohl nicht so häufig wie Bewohner anderer Städte – doch hier hat sich eine der größten Tragödien zugetragen.

Die Gefahr ist also stets präsent: „Man hat ein mulmiges Gefühl, das muss man auch haben“, sagt Lüdeke. Denn selbst geringe Temperaturveränderungen oder das Zuführen von Luft könnten den Zünder wieder in Gang setzen. Doch die Mitarbeiter vertrauen untereinander blind: „Das müssen wir auch.“

Räumung: Alternative Aufenthaltsorte für Studenten

Bewohner der elf zu evakuierenden Wohnheime des Studentenwerks Göttingen werden während der Räumungsmaßnahmen am Sonnabend in Gemeinschaftsräumen der Wohnheime „RoKo“, Robert-Koch-Straße 38, und „Akademische Burse“, Goßlerstraße 13, aufgenommen. Dies geschieht auf Initiative zweier studentischer Selbstverwaltungen. Als Alternative zum Aufenthalt im Evakuierungszentrum in der Mensa der Universitätsklinik Göttingen, Robert-Koch-Straße 40, haben sich zwei benachbarte studentische Selbstverwaltungen angeboten, für die Studierenden zu öffnen, die in einem der zu evakuierenden Wohnheime leben. Von 7 bis 12 Uhr ist die Roko-Bar im Gemeinschaftshaus des Wohnheims Robert-Koch-Straße 38 geöffnet. Dort können sich evakuierte Studierende aufhalten und bei Bedarf kalte und warme Getränke erwerben. Die Bar-Racuda im Keller des Wohnheims Akademische Burse in der Goßlerstraße 13 hat von 12 bis 18 Uhr für evakuierte Studenten geöffnet. Das Wohnheim ist wegen der Sperrzone nur aus nordöstlicher Richtung über die Humboldtallee und den von dort abzweigenden Käte-Hamburger-Weg erreichbar.

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