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Göttingen Stadt Göttingen sucht Raum für Flüchtlinge
Die Region Göttingen Stadt Göttingen sucht Raum für Flüchtlinge
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19:44 16.09.2014
Von Jürgen Gückel
Etappenziel der Flucht aus Syrien, Irak oder einem anderen Krisengebiet der Erde: Flüchtlingsfamilie im Lager Friedland.
Etappenziel der Flucht aus Syrien, Irak oder einem anderen Krisengebiet der Erde: Flüchtlingsfamilie im Lager Friedland. Quelle: Pförtner
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Göttingen

475 Flüchtlinge aus mehr als 30 Nationen sind es aktuell, die in der Stadt Zuflucht gefunden haben. Weil mit bis zu 350 weiteren Asyl suchenden Menschen bis zum Jahresende zu rechnen sei, müsse dringend weiterer Wohnraum gefunden werden.

Aktuell stehen in der Stadt 136 Wohnungen mit 319 Zimmern für Flüchtlinge zur Verfügung. Das werde künftig zu wenig sein. Die Sozialdezernentin appelliert deshalb an Eigentümer, mehr Unterkünfte zur Vermietung an Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen.

Die Verwaltung denkt wegen des Zustroms derzeit auch an den Bau von Wohncontainern. Diese würden allerdings frühestens in zwei bis drei Monaten zur Verfügung stehen. Als Sofortmaßnahme fordert Schlapeit-Beck private Vermieter auf, die Stadt mit Wohnungen zu unterstützen. Insbesondere für große Familien mit bis zu sieben Kindern werde Raum gesucht, aber auch für Einzelpersonen.

Die mindestens einjährigen Mietverträge sollten mit den Betroffenen, unter Umständen aber auch mit der Stadt direkt abgeschlossen werden. Die Mietkosten übernehme in der Regel die Kommune. Weitere Auskunft gibt es unter Telefon 05 51 / 4 00 21 87 oder per Mail an soziales@goettingen.de. „Wir wollen außerdem Menschen finden, die bereit sind, die Neuankömmlinge und Familien in der ersten Zeit bei der Bewältigung des Alltags zu unterstützen“, sagt die Dezernentin.

In der Gemeinde Friedland ist das schon teilweise gelungen. Friedland hat in seinen gemeindlichen Mitteilungen nach Paten für Kriegsflüchtlinge gesucht, wie es der SPD-Bundestagsabgeordnete Thomas Oppermann jüngst vorgeschlagen hat. Erste potenzielle Paten haben sich bereits gemeldet.

Schicksale und Fluchten

Friedland. Was sind das für Menschen, die Zuflucht suchen und nach einem Verteilerschlüssel den Bundesländern zugewiesen werden? Was haben sie erlebt? Landtagspräsident Bernd Busemann (CDU) hat sich mit einigen von ihnen unterhalten:

Zum Beispiel mit Elias Noomi. Er ist nicht der typische Flüchtling. Er saß einst mit den Mächtigen des Irak an einem Tisch. Noomi ist Jeside, war offizieller Berater der Regierung zu Fragen dieser Volksgruppe. Er hat schon vor vier, fünf Monaten das Büro der Vereinten Nationen und die US-Botschaft in Bagdad vor dem Aufmarsch der Isis-Kämpfer und der damit verbundenen Gefahr für das Volk der Jesiden gewarnt – vergeblich.

Damals sei er in Bagdad noch öffentlich angegriffen worden für solche Unterstellungen. Monate später musste er wie zehntausende Jesiden vor dem islamischen Staat fliehen. Noomi sagt: „Wenn die Deutschen heute etwas für die Jesiden tun, werden sie in die Weltgeschichte eingehen.“

Ein anderer Jeside aus dem Raum Sincar berichtet, wie er nach dem Angriff der Isis von einer Reise in seine Heimat zurück kam. Frau und Kinder waren geflüchtet – sie sind wahrscheinlich in den Bergen umgekommen. Alle Heiligtümer seiner Stadt waren von den Islamisten zerstört worden. Er konnte noch sein Auto verkaufen und illegal nach Deutschland fliehen.

Auch er, so ein dritter Jeside, gehöre zu denen, die mit Frau und Kleinkind in den Sincar-Bergen Zuflucht vor der Isis fanden. Von dort ging es in einem Lastwagen vier Tage ohne Essen und nur mit wenig Wasser nonstop durch die Türkei und über den Balkan nach Deutschland. Das eineinhalbjährige Kind sei dabei krank geworden.

Auch aus Syrien kommen Flüchtlinge. So Achmad. Er hat im Krieg sein zweijähriges Kind verloren. Wie er es nach Deutschland geschafft hat, sagt er lieber nicht. Mohammed, auch er Kurde aus Syrien, hat damit kein Problem. Seine Familie ist privilegiert. Sie sind Kontingentflüchtlinge, auserwählt vom UN-Flüchtlingshilfswerk. Mit zwei Kindern, das eine chronisch krank, war die Familie aus Syrien vor dem Krieg in den Libanon geflohen, hatte vor mehr als einem Jahr die Zusage bekommen. Vergangene Woche traf die Familie in Friedland ein. Sie wird eine neue Heimat in Bayern finden.

Wie Menschen verteilt werden

Mit Zustrom von bis zu 200 000 Flüchtlingen muss für 2014 in Deutschland gerechnet werden.  Sie werden nach dem Königssteiner Schlüssel auf die Länder verteilt. Niedersachsen nimmt 9,4 Prozent der Asylbewerber und Flüchtlinge aus dem UN-Kontingent auf. Das wären 18 800 bis zum Jahresende.

Auch innerhalb des Landes werden diese Menschen nach einem Schlüssel den Kommunen zugewiesen. Einzig der Kreis Göttingen muss nur 20 Prozent der Zuweisungsquote erfüllen, weil die rund 800 Flüchtlinge im Grenzdurchgangslager Friedland auf die Quote angerechnet werden.