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Göttingen Bekommt Göttingen eine neue Stadthalle? Parteien bleiben skeptisch
Die Region Göttingen Bekommt Göttingen eine neue Stadthalle? Parteien bleiben skeptisch
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00:24 23.03.2019
14.02.2019 Ansicht der Stadthalle. Im Stadtrat wird diskutiert, ob nach der Kostensteigerung von 10 Millionen Euro, es nicht die bessere Lösung wäre, die Stadthalle abzureißen. Quelle: Christina Hinzmann / GT
Göttingen

Die Göttinger Stadtverwaltung hält an der Erhaltung der Stadthalle fest, mehrere Ratsparteien sind dagegen. In einer gemeinsamen Sitzung des Bau- und Kulturausschusses des Göttinger Rates am Donnerstag, 21. März, fällt eine Vorentscheidung.

Nachdem Ende Januar bekannt wurde, dass die Sanierung der Stadthalle mit 30 Millionen Euro um zehn Millionen teurer wird als zunächst geplant, hatten die CDU, Grüne, FDP, Linke und die Piraten-und-Partei-Gruppe im Rat der Stadt einen Dringlichkeitsantrag eingebracht. Ziel: die Sanierungsarbeiten sofort zu stoppen und „ergebnis- und standortoffen eine Neukonzeption zu prüfen“. Eine Entscheidung über den Antrag war in der Februar-Sitzung des Stadtrats zunächst verschoben worden.

Erhalt oder Neubau? Im Stadtrat wird diskutiert, ob nach der Kostensteigerung von 10 Millionen Euro, es nicht die bessere Lösung wäre, die Stadthalle abzureißen.

Genau darum geht es in einer gemeinsamen Sitzung des Bau- und des Kulturausschusses am am Donnerstag, 21. März. Für den entsprechenden Tagesordnungspunkt positioniert sich die Stadtverwaltung eindeutig. Ihr Beschlussvorschlag für den Ausschuss:

„1. Dem interfraktionellen Dringlichkeitsantrag wird nicht gefolgt.

2. Der Rat bekennt sich zum Standort Albaniplatz und stimmt der Sanierung der Stadthalle zu.

3. Die Kostenschätzung des Generalplaners SSP für die Kernsanierung der Stadthalle mit Neubauanteilen in einer Gesamthöhe von 29,5 Mio. Euro wird zur Kenntnis genommen. Die begonnenen Planungs- und Bauprogramme werden fortgeführt.

4. Der Beschluss über die Finanzierung erfolgt über eine separate Vorlage zum Wirtschaftsplan Stadthalle 2019.“

Zwar habe der Rat auf Grundlage des Sanierungskonzepts der Architektengruppe Wagener (AGW) beschlossen, die Stadthalle an ihrem Standort für etwa 19,5 Millionen Euro zu erhalten und zu sanieren. Aber: Der Generalplaner SSP habe die Planungen detailliert überarbeitet. Gesamtkosten in Höhe von 29,5 Millionen Euro. Der Kostenanstieg sei zum großen Teil durch die Preissteigerungen im Baugewerbe, einen erhöhten Ansatz für Unvorhergesehenes, der Anpassung auf zukunftssichere Standards beispielsweise bei Bühnentechnik oder Fassadengestaltung und zahlreichen weiteren Maßnahmen begründet.

Sanierung fortsetzen“

Die Verwaltung schlägt in ihrer Beschlussvorlage für den Bau- und Kulturausschuss wie auch später für den Stadtrat dennoch vor, „die Arbeiten an der Stadthalle ohne weitere Unterbrechung in der geplanten Form fortzusetzen“. Der Begriff Sanierung umschreibe das Bauprogramm für die Stadthalle nur sehr unzureichend. Tatsächlich handele es sich dabei um „eine Kernsanierung mit Neubauanteilen, also um die Herstellung eines einem Neubau gleichwertigen Gebäudes“. Das Ergebnis werde eine „attraktive, gut ausgestattete, multifunktional nutzbare Stadthalle in einem attraktiven Umfeld“ sein.

Die Erhaltung des Stadthallen-Kerns sei zudem nachhaltig, argumentiert die Stadt: „Beton zählt zu den energieträchtigsten Baustoffen in der Herstellung und bei der Entsorgung. Die Betonfundamente und -wände der Stadthalle sind in einem guten Zustand und können umfangreich erhalten werden. Damit trägt die Kernsanierung auch zu Ressourcenschonung und Werterhalt guter Bausubstanz bei und vermeidet qualitativ unnötige Beseitigung und Entsorgung. Dies gilt im Übrigen auch für den Wiedereinbau der Fassadenkacheln.“

Harte Konkurrenz

Bei einem Sanierungsstopp und Umschwenken auf einen Neubau müsste für die Kulturinstitutionen in Göttingen über einen Zeitraum von mindestens 7,5 Jahren mit erhöhten Zuschüssen etwa für das Göttinger Symphonie Orchester (GSO) und die Händel-Festspiele gerechnet werden, erklärt die Stadt. Damit drohe „ein Imageverlust insbesondere für die Händelfestspiele, die sich in harter Konkurrenz zu Halle und Karlsruhe behaupten müssen. Wechselnde und für die Festspiele weniger attraktive Spielorte können gerade bei dem überregionalen und internationalen Publikum zu Abwanderungen führen.“

Dem GSO drohten gleichfalls Verluste der Stamm-Abonnenten, „die eine wichtige Planungsgröße für das Orchester sind“, meint die Stadtverwaltung. Bei den Lokhallen-Konzerten, bei denen beide Abo-Reihen zusammengelegt werden, sei dies bereits jetzt der Fall. Andere Spielorte hätten eine deutlich geringere Kapazität, so dass Konzerte zweimal hintereinander bei immer noch geringerer Besucherzahl gegeben werden müssten.

Darüber hinaus, befürchtet die Verwaltung, „muss davon ausgegangen werden, dass sich bei einem längeren Ausfall der Stadthalle überregionale Veranstalter von Göttingen dauerhaft wegorientieren. Neben den finanziellen Konsequenzen könnte Göttingen als Kultur- und Veranstaltungsort einen deutlichen Attraktivitäts- und Imageverlust erleiden“.

Umfrage unter Bürgern

Die Parteien im Rat der Stadt zeigen sich von diesen Ausführungen weitgehend unbeeindruckt. Die CDU-Fraktion als Initiatorin des interfraktionellen Antrags zum Sanierungsstopp bleibt bei ihrer Kritik an der Kostenexplosion und ihrer Forderung nach einem Neubau. Bestätigt fühlen sich die Christdemokraten unter anderem vom Ergebnis ihrer (nicht repräsentativen) Umfrage auf dem Göttinger Rathausmarkt. Bei dem „Bürger-Barometer“ Anfang Februar hatten 80 Prozent der Teilnehmer für Abriss und Neubau gestimmt. Jetzt müssten die Optionen in Ruhe geprüft werden, meinen die Christdemokraten – und das gehe nicht ohne einen Stopp der Sanierungsarbeiten, weil sonst zuviel Fakten geschaffen würden.

Die FDP-Fraktion setze sich „nachdrücklich gegen Sanierung und für einen schnellen Neubau mit vernünftiger Durchplanung, eventuell nach einem bereits anderswo erprobten Vorbild, ein“, erklärt Fraktionschefin Felicitas Oldenburg. Das sei „gegenüber den explodierenden Sanierungskosten, die nicht einmal alle notwendigen Aufwendungen wie Technik, Umfeld und Parkhaus umfassen, die bessere Lösung, da nur ein Neubau langfristig funktionsfähig bleibt“. Bei einer Erhaltung der Stadthalle am Albaniplatz wachse die Gefahr, „für immer mehr neues Geld einen letztlich nicht aktuellen Anforderungen genügenden, sanierten Altbau zu erhalten, der die finanzielle Handlungsfähigkeit der Stadt dauerhaft beeinträchtigt“. Die Kassen der Stadt dürften nicht zu Lasten anderer wichtiger Projekte geleert werden.

Milchmädchenrechnung

Am bisherigen Standort müssen auch bei Neubau die logistischen Fragen wie Anfahrt für Besucher vorab geklärt sein. Oldenburg: „Eine erneute Milchmädchenrechnung wie die schon jetzt um zehn Millionen verteuerte Sanierungskostenschätzung darf es nicht geben.“ Die finanzpolitische Sprecherin der FDP-Ratsfraktion, Mareike Röckendorf:: „Eine unabsehbar teure Sanierung würde die politische Entscheidungsfähigkeit in Göttingen zu anderen Projekten wie Schulsanierungen schon allein aus finanzieller Sicht behindern. “

Die Fraktion der Göttinger Linken habe angesichts der neuen finanziellen Lage der Stadthalle eine neue Position eingenommen, erklärt Rolf Ralle. Auch die Zahl von nunmehr 29,5 Millionen Euro, so der Fraktionschef, „halten wir nach beispielhaften Erfahrungen mit der Elbphilharmonie in Hamburg, dem Berliner Flughafen, Stuttgart 21 et cetera für viel zu gering angesetzt“. Zu klären sei unter anderem, wo das finanzielle Limit sei und was ganz sicher, verbindlich und nachvollziehbar zugesagt werden könne.

Genug Geld für Schulen?

Geklärt werden müsse unter anderem, ob „bei diesen Sanierungskosten noch genügend Spielraum für unsere Schulen, bei denen auch Kostensteigerungen zu erwarten sind“. Und letztlich auch die Frage, ob eine Stadthalle für das Funktionieren einer Stadt überhaupt dringend notwendig sei. Ralle: „Für welche Art von Veranstaltungen wird unbedingt so etwas benötigt wie die Stadthalle? Was spricht für und was spricht gegen einen guten Anbau an der Lokhalle?“ Derzeit, so der Linken-Fraktionschef, „steht die Ratsgruppe dem Verzicht einer Stadthalle genauso offen gegenüber wie einer Sanierung“. Allerdings dürfe die Stadt für eine Erhaltung des Kachelbaus „nicht die Zukunft unserer Jugend verbraten“.

Die Ratsgruppe von Piraten und „Die Partei“ betont, sie habe der Stadthallen-Sanierung von Beginn an skeptisch gegenübergestanden, auch weil „die Stadt es versäumt hat, ein Gutachten für einen Neubau vorzulegen“, erklärt Helena Arndt (Die Partei). Angesichts der deutlichen Kostensteigerung sei es „an der Zeit, das Sanierungskonzept zu überdenken und sich vielleicht doch für einen Neubau zu entscheiden“.

Standort soll bleiben

Für Dana Rotter (Piraten) steht außer Frage, „dass die Stadthalle an ihrem jetzigen Standort erhalten bleiben soll“. Sie sei „ein wichtiger Bestandteil der Innenstadt und deren Attraktivität, ist für Einzelhandel und Gastronomie von großer Bedeutung und sollte deswegen nicht außerhalb der Innenstadt neu entstehen“.

Die Frage, ob die Stadthalle an ihrem jetzigen Standort saniert oder neu gebaut werden soll, sei dagegen noch offen. Rotter: „Wir fordern, wie schon vor zwei Jahren, dass endlich ein Neubau realistisch durchkalkuliert wird und die Ratsmitglieder eine wirkliche Wahl haben, wie sie eine Stadthalle für Göttingen erhalten wollen - ob saniert oder neu gebaut. Ich sehe persönlich keinen Vorteil in einer sehr teuer sanierten Stadthalle, die von der Struktur her eben immer noch eine Halle der 1960er Jahre ist.“ Im Falle eines Neubaus erwarte sie „eine deutlich bessere Kalkulation als es für die Sanierung der Fall war.“ Darüber hinaus sollten in diesen Entscheidungsprozess unbedingt die Göttinger Bürger einbezogen werden. “

Verwaltungskonzept „schlüssig“

Der SPD, die sich dem überparteilichen Dringlichkeitsantrag zum Sanierungsstopp nicht angeschlossen hatte, erscheint das von der Verwaltung vorgeschlagene Verfahren hingegen „schlüssig“. Die Verwaltung habe „eine faktenreiche Ausarbeitung zum Für und Wider einer Kernsanierung der Stadthalle vorgelegt“. Dies werde die Verwaltung in der Ausschusssitzung am Donnerstag vorstellen und erläutern. Dem wolle die SPD nicht mit einer Stellungnahme vorgreifen, erklärt die Fraktion.

Die gemeinsame Sitzung des Sitzung des Bau- und Kulturausschusses am Donnerstag, 21. März, im Ratssaal des Neuen Rathauses beginnt um 16.30 Uhr.

Von Matthias Heinzel

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