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Göttingen Stand Bankraub unter Polizei-Beobachtung?
Die Region Göttingen Stand Bankraub unter Polizei-Beobachtung?
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20:16 16.12.2011
Von Jürgen Gückel
Tatort in der Goetheallee: Am 3. August 2005 schoss ein Mitglied der Schlapphut-Bande hier einem Autofahrer in den Kopf.
Tatort in der Goetheallee: Am 3. August 2005 schoss ein Mitglied der Schlapphut-Bande hier einem Autofahrer in den Kopf. Quelle: Hinzmann
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Dieser Verdacht steht nach neun Verhandlungstagen gegen das dritte und letzte Mitglied der Bande, den 43-jährigen Polen Zenon K., im Raum. Indizien legen gar den verstörenden Verdacht nahe, die damals ermittelnde Polizei Brandenburg oder gar das Bundeskriminalamt (BKA) ließen den Überfall in Wieda am Harz geschehen, um die Bande auf frischer Tat schnappen zu können.

Jetzt kündigte die Schwurgerichtskammer an, den damaligen Ermittlungsführer der Polizei Potsdam zu vernehmen. Er soll sagen, wie weit die Observation der Brüder Szafranski (beide verurteilt) und des jetzt vor Gericht stehenden Zenon K. tatsächlich ging. Hunderte Beamte und Sondereinsatzkommandos arbeiteten damals am Fall. Verteidiger Mirko Oestreich will gar alle Akten aus Potsdam einsehen.

Die Liste der Merkwürdigkeiten ist lang: So war einen Tag vor dem Bankraub in Wieda, mutmaßlich also zwischen dem Ausbaldowern und der Tat, auf dem später benutzten Fluchtweg über die Oder-Staumauer eine Kamera installiert worden, die das Fluchtauto aufzeichnete.

Die Darstellung, man habe verbotswidrig dort fahrende Lastwagen filmen wollen, erscheint zumindest fragwürdig. Zeugen hatten sich schon gewundert, warum die Polizei binnen Tagen Fotos der Täter vorlegen konnte, obwohl diese noch auf der Flucht waren. Im Prozess gab es zudem Widersprüche zwischen Aussagen zweier Polizisten, die nach der Tat das Fluchtfahrzeug kontrollierten. Der eine sagte, gegen den Fahrer habe ein Aufenthaltsfeststellungsbegehren vorgelegen. Das habe er über Funk erfahren. Ebenso die Anweisung, ihn fahren zu lassen. Der andere aber sagte, man habe sich im Funkloch befunden und erst später erfahren, dass der VW-Bus das Fluchtauto war. Beide erklärten auf kritische Fragen des Verteidigers, dazu dürfe man nichts sagen.

Pikantestes Indiz: Einen Tag vor der Tat hatte die Bande in Eisenach einen Passat gestohlen und war in Nordhessen in eine Radarfalle gefahren. Schon neun Tage später lag das Blitzer-Foto der Akte bei mit dem Vermerk: „Zu diesem Fall besteht eine BKA-Vormerkung“. Woher wusste der hessische Verkehrspolizist, dass BKA-Kollegen der Bande auf der Spur waren? Das will der Verteidiger aus der hessischen Akte erfahren.

Doch jetzt behauptet die Polizei Bad Hersfeld, diese alte Akte sei längst vernichtet. In einem informellen Telefonat des Schwurgerichts-Vorsitzenden mit einem Hersfelder Beamten soll dieser jedoch gesagt haben, er habe sich die Akte im Archiv angesehen und befunden, der BKA-Vermerk sei ohne Bedeutung. Nun will Oestreich den Polizisten, der die Notiz machte, dazu hören. Er soll sagen, woher er weiß, dass das BKA schon vor dem Raub in Wieda an der Bande interessiert war. Warum in nunmehr drei Strafprozessen jeder Hinweis auf BKA- oder Polizei-Observation kurz vor dem Tattag fehlt, sei auch interessant.