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Göttingen Stinktour: Schulz erreicht Nordseeküste
Die Region Göttingen Stinktour: Schulz erreicht Nordseeküste
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11:44 22.05.2019
Edgar Schulz bei seiner Ankunft am Freitagvormittag gegen 10.15 Uhr in Fedderwardersiel.
Edgar Schulz bei seiner Ankunft am Freitagvormittag gegen 10.15 Uhr in Fedderwardersiel. Quelle: Lorenz
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Fedderwardersiel / Göttingen

 Es war die kürzeste Etappe seiner sogenannten Stinktour, aber wohl die symbolträchtigste: Als Edgar Schulz am Freitagvormittag mit dem seetüchtigen Kajak in den Kutterhafen einfährt, hat er zwar an diesem Morgen nur die Strecke vom naheliegenden Yachthafen zurückgelegt. Doch auf den restlichen gut 430 Kilometern, die er in den vergangenen drei Wochen gepaddelt ist, hat er eindrücklich auf die Verschmutzung der norddeutschen Flüsse Leine, Aller und Weser mit Abwässern und Kunststoffabfällen hingewiesen.

Als der Umweltaktivist die Kaimauer erklommen hat, greift er einen großen Kanister mit „Original Göttinger Abwässerchen“, wie er betont, und kippt den Inhalt ins Hafenbecken. „Damit will ich verdeutlichen, dass alles, was im Binnenland in die Flüsse gelandet wird, schließlich im Meer landet. Sogar im Weltnaturerbe Wattenmeer“, sagt Edgar Schulz.

Bei seiner Ankunft in Fedderwardersiel begrüßen ihn Bürgermeisterin Ina Korter und Museumsleiterin Dr. Felicitas Demann. Beiden überreicht der 62-Jährige eine kleine Glasflasche, ebenfalls gefüllt mit den Abwässern seiner Heimatstadt Göttingen, die dort zum Teil in das Flüsschen Leine geleitet werden. Korter versprach, die Flasche als Mahnung für den Verzicht auf Plastik in ihr Büro zu stellen.

Gerade die Leine auf dem Abschnitt südlich der Landeshauptstadt Hannover sei stark verschmutzt, hat Edgar Schulz auf seiner sogenannten Stinktour festgestellt. „Dort gibt es viel Plastikmüll, der sich an den stark bewachsenen Ufern verheddert. Das kann man aber eigentlich nur vom Wasser aus sehen“, berichtet der pensionierte Lehrer.

Giftgrüne Flüssigkeit  

Auffällig sei auch ein Bereich in Hannover-Herrenhausen gewesen, wo ein Rohr der örtlichen Kläranlage eine giftgrüne Flüssigkeit in die Leine geleitet habe. „Wir haben das alles mit der Kamera dokumentiert“, sagt Edgar Schulz. Er selbst vom Boot aus, sein Begleiter Peter Zänker von der Landseite.

Peter Zänker aus Sandhatten hatte zufällig von der Stinktour erfahren und sich direkt zu Beginn in Göttingen eingefunden. „Die Chemie hat gestimmt. Peter ist mit dem Fahrrad gefahren, ich mit dem Kanu“, berichtet Edgar Schulz. Abends sei stets einer der beiden mit dem Fahrrad zurück zum morgendlichen Ausgangspunkt geradelt und habe das Wohnmobil nachgeholt, das als Basisstation diente.

Insgesamt schlossen sich abschnittweise rund 30 Kanuten und Radler der Stinktour an. Seit dem Start in Göttingen am 28. April ging es über Alfeld, Hannover, Schwarmstedt, Verden und Bremen an die Unterweser.

„Auf dem Weg haben wir viel Müll eingesammelt, Flyer an Interessierte verteilt, vielfältige Gespräche geführt und immer wieder auf unser Anliegen hingewiesen“, erzählt Edgar Schulz. Auch mit vielen Bürgermeistern seien sie in Kontakt gekommen. „Wir haben fast überall Zustimmung erfahren. Und viele der Menschen, die wir getroffen hatten, wussten richtig gut über ihren Flussabschnitt Bescheid.“

Gespräch mit Olaf Lies

Selbst mit Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) kam ein Treffen zustande. Doch von diesem Gespräch sei er enttäuscht gewesen, so der Göttinger Aktivist. „Es machte den Eindruck, als würde die Verschmutzung der Flüsse noch nicht als so dramatisch angesehen, wie sie ist“, glaubt Schulz.

Der frühere Chemielehrer, der bei seinen Schülern nach eigener Aussage stets ein umweltbewusstes Leben warb, war vor einiger Zeit an einem sogenannten Klinik-Keim erkrankt. „Daraufhin habe ich mich mit der Keimbelastung von Gewässern beschäftigt und bin so auf die Verschmutzung unserer Flüsse gekommen“, erzählt der 62-Jährige.

Sein Fazit nach drei Wochen auf den Flüssen zwischen Göttingen und Wattenmeer: „Das Wasser ist nicht mehr so trüb wie in den 70er- und 80er-Jahren. Aber der unsichtbare Müll im Wasser und die Gift-Mixtur haben einen Stand erreicht, an dem wir nicht mehr wegschauen dürfen.“ Die Natur habe sich lange mit angeguckt, was der Mensch mit ihr gemacht habe. „Nun ist sie mit ihrer Geduld am Ende.“

Schulz: „Das wird sich rächen“

Natürlich müssten Politik und Industrie grundsätzlich etwas daran ändern, dass so viel Plastik produziert werde oder Reste von Arzneimitteln ungeklärt ins Abwasser gelangen könnten. „Aber auch jeder von uns muss seine Haltung überdenken. Wer seinen Müll einfach irgendwo liegen lässt, hat eine falsche Haltung. Das wird sich rächen“, ist Edgar Schulz überzeugt.

Museumsleiterin Felicitas Demann zeigt sich beeindruckt von der Tour, die der Göttinger zurückgelegt hatte. „Wir freuen uns, dass alles gut geklappt hat, und sie heil hier angekommen sind“, sagt sie. Das Team des Nationalparkhauses und Museums Fedderwardersiel hatte anlässlich der Stinktour einen Stand neben dem Fischgeschäft am Kutterhafen aufgebaut. Dort konnten sich auch Passanten mit dem Thema Plastik in Flüssen und Meeren beschäftigen.

Vortragsreihe geplant  

Gut möglich, dass Edgar Schulz demnächst erneut nach Fedderwardersiel kommen wird, um einen Foto-Vortrag über seine Reise zu halten. Die Vortragsreihe habe er sich fest vorgenommen, sagt er. Die während der Tour gesammelten Proben und Daten möchte er wissenschaftlich analysieren und auswerten lassen. Der 62-Jährige hofft, mit seiner Aktion auf das Problem der Gewässerverschmutzung hingewiesen zu haben und als Vorbild für andere Kanuten zu dienen. Diese sollten sich insgesamt noch viel mehr für den Gewässerschutz einsetzen, ist Edgar Schulz überzeugt.

Von Frank Lorenz

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