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Göttingen „Dann sterbe ich lieber Zuhause“
Die Region Göttingen „Dann sterbe ich lieber Zuhause“
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14:06 29.11.2017
Quelle: HAZ
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Göttingen

Der schwerste Vorwurf bezieht sich auf einen Fall vor ziemlich genau einem Jahr. Damals soll der Angeklagte einem Bewohner in einem Apartment einer Wohnanlage in der Groner Landstraße aufgelauert haben, ihm zunächst von hinten, anschließend von vorn und später auch noch am Boden auf den Kopf und die Beine geschlagen haben. Tatwerkzeug soll laut Staatsanwaltschaft ein abgesägtes Billardqueue gewesen sein. Anschließend habe sein Opfer seine Taschen entleeren müssen. Die darin befindlichen 70 Euro, ein altes Handy und eine oder mehrere Sim-Karten im Wert von zehn Euro habe der Täter an sich genommen, heißt es in der Anklage weiter. Im Frühjahr 2017 soll er außerdem in der gleichen Adresse einen Mann mit Fäusten und einer Stange verprügelt haben und einem anderen Bewohner des Hauses 250 Euro entwendet haben.

Am ersten Verhandlungstag konzentrierte sich das Gericht auf die Geschehnisse im November 2016. In einer von seiner Verteidigerin verlesenen Erklärung gab der 29-Jährige zu, den Mann, der später noch als Zeuge und auch als Nebenkläger vor Gericht auftreten sollte, geschlagen zu haben. „Der hat mein Heroin geklaut, da haben wir uns gestritten“, ließ der Angeklagte verlesen. Er habe den Mann aufgefordert, ihm seinen Stoff zurückzugeben, habe ihn auch angespuckt. Plötzlich habe der eine Waffe gezogen und er sich verteidigt. Womit? Mit dem Bein eines alten Möbelstücks, glaubte er sich zu erinnern. Das auf dem Richtertisch liegende Queue sei es aber sicher nicht gewesen.

Aber das mit der Erinnerung sei grundsätzlich ein bisschen schwierig, erklärte die Verteidigung am Mittwoch. Ihr Mandant habe in dieser Zeit MDPV konsumiert – Methylendioxypyrovaleron, auch bekannt als Flex oder Badsalz. Er hatte seit Tagen nicht richtig geschlafen, unter schwerem Entzug gelitten und sei paranoid gewesen. Daher werde er auch keine weiteren Aussagen zu den Vorwürfen machen.

Das tat dann wenig später sein Opfer, ebenfalls dem Gericht kein Unbekannter, um so ausführlicher, wenn auch nicht immer für alle Prozessbeteiligten leicht verständlich. Nun stimmten seine Schilderungen allerdings mit dem zuvor Gehörten nur wenig überein. Am Tag vor der Tat habe man sich bereits über das Heroin gestritten. „Da habe ich mich nackig gemacht. Ich hatte nichts.“ Hätte er auch gar nicht haben dürfen. Schließlich habe ihm der Herrn Richter ja vor Jahren zur Auflage gemacht, clean zu bleiben. Vor dem Überfall sei er in der Stadt einkaufen gewesen. Als er in eine der Wohnungen des Gebäude zurückgekehrt sei, habe ihn der Angeklagte an der Tür empfangen. „Ich bin an ihm vorbei, habe gegrüßt und dann blitze es auch schon.“

Mehrere Schläge hätten ihn am Hinterkopf getroffen. Der behandelnde Arzt in der Notaufnahme wird später Schädelbruch und mehrere Platzwunden diagnostizieren. Die Wunden wurden genäht, er erhielt Schmerzmedikamente und entließ sich selbst entgegen der Empfehlung der Mediziner. „Dann sterbe ich lieber Zuhause“, habe er gesagt und sei gegangen. Die Schmerzen hätte er mehrere Monate gespürt, die Narben seien immer noch zu sehen. Ob er damals eine Schusswaffe bei sich getragen hätte, will der Vorsitzende Richter wissen. „Auf keinen Fall.“ Auch das hätte doch gegen seine Auflage verstoßen.

Wenig später identifizierte der Zeuge das Queue auf dem Tisch als eine der potenziellen Tatwaffe. Zumindest diesen Teil der am ersten Verhandlungstag gehörten Aussagen bestätigt eine Laboranalyse des Landeskriminalamts. An dem Holz wurden Spuren von Täter und Blut des Opfer entdeckt. Der Prozess wird fortgesetzt.

Von Markus Scharf

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