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Göttingen Streit um Südlink: Göttingen und Werra-Meißner-Kreis lehnen Trasse ab
Die Region Göttingen Streit um Südlink: Göttingen und Werra-Meißner-Kreis lehnen Trasse ab
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22:50 14.05.2019
Thomas Dienberg, Stefan Reuß, Rainer Wallmann, Gerhard Müller-Lang und Stefan Mayer (v. re.). Quelle: Peter Krüger-Lenz
Göttingen/Witzenhausen

Viel Strom wird im Norden Deutschlands produziert. Allerdings muss er auch nach Süddeutschland transportiert werden. Der Betreiber Tennet plant dazu eine Stromtrasse quer durch Deutschland, die durch das Göttinger Stadtgebiet und durch den Werra-Meißner-Kreis in Nordhessen führen soll. Tennet favorisiert bislang einen Korridor, der Esebeck, Elliehausen, Hetjershausen und Groß Ellershausen streift.

Südlink-Trasse: Varianten eins und zwei. Quelle: r

Davon zeigt sich die Göttinger Stadtverwaltung wenig begeistert. Gemeinsam mit der Verwaltung des Werra-Meißner-Kreises hat sie vor etwa sechs Wochen zwei Firmen mit der Erstellung zweier Gutachten beauftragt. Sie sollten laut Stefan Reuß (SPD), Landrat des Werra-Meißner-Kreises, ergebnisoffen erstellt werden. Sie seien nun zu dem Schluss gekommen, dass die weiter östlich liegende Trasse, die Variante zwei, deutlich einfacher zu realisieren sei, als jene, die Tennet umsetzen möchte. Mehr noch: Sie werfen den Tennet-Planern, wichtige Belange des Werra-Meißner-Kreises und der Stadt Göttingen nicht berücksichtigt worden seien und die Entscheidung für die Variante eins nicht ausreichend begründet wurde.

Maßgeblich beeinträchtigt

„Auffällig ist“, unterstreicht Göttingens Stadtbaurat Thomas Dienberg (parteilos), „dass mögliche Konflikte und Hindernisse der jeweiligen Trassenvariante von Tennet unterschiedlich bewertet wurden.“ Insbesondere sei nicht berücksichtigt worden, dass Göttingen als einziges Oberzentrum in seiner Siedlungsentwicklung maßgeblich beeinträchtigt würde. Der Eingriff ins Wasserschutzgebiet Gronespring sei ebenfalls nicht akzeptabel, denn Gronespring werde künftig angesichts künftig zu erwartender Trockenzeiten eine größere Bedeutung für die Trinkwasserversorgung der Stadt Göttingen haben. Auch die hohe Vorbelastung im Göttinger Stadtgebiet durch die geplante 380kV-Stromtrasse Wahle-Mecklar, die infrastrukturelle Situation an der Engstelle Autobahn 7, ICE-Trasse und des Göttinger Wohn- und Gewerbegebiets und Landschaftsschutzaspekte seien im Vergleich zur Alternative nicht entsprechend gewürdigt und angemessen berücksichtigt worden, so Dienberg

Auch Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) bezieht Stellung: „Um es deutlich zu machen: Das Stadtgebiet und seine Bürgerinnen und Bürger können nicht endlos belastet werden“, betont er. Der westliche Bereich sei zudem das einzige Gebiet, in dem noch bauliche Entwicklungsmöglichkeiten bestünden. „Wir können und wollen nicht durch eine zusätzliche Versorgungsleitung eingeschränkt werden“, so Köhler, „die berechtigten Schutzbelange der Bevölkerung müssen vorrangig beachtet werden.“

Kritik kommt zudem aus Verwaltung des Werra-Meißner-Kreises: „Der naturschutzfachlich außergewöhnlich hohen Wertigkeit, der hydrogeologisch und topographisch sehr komplexen Situation sowie den Aspekten der Regionalentwicklung wurde in den Trassenkorridorsegmenten 74 und 77 im Werra-Meißner-Kreis durch den Vorhabenträger keinesfalls ausreichend Rechnung getragen“, sagt Reuß. Der Landrat und Rainer Wallmann (Bündnis 90/Die Grünen), Erster Kreisbeigeordnete fordern: „Eine intensive Überarbeitung der Unterlagen ist zwingend erforderlich."

Einwendungen noch möglich

Beide weisen auch darauf hin, dass jeder noch Einwendungen gegen die Trassenführung vorbringen kann. Sie müssen per Post gesandt werden an die Bundesnetzagentur, Referat 804, Postfach 8001, 53105 Bonn, Betreff: Vorhaben 3, Abschnitt C, per Online-Formular auf der Homepage der Bundesnetzagentur oder per E-Mail an v3v4c@bnetza.de erfolgen. Am Freitag, 6. Juni, müssen sie bei der Bundesnetzagentur vorliegen. 

Übersicht der Ablehnungsgründe der Stadt Göttingen:

Der durch Tennet geführte Trassenkorridorvergleich mit dem Ergebnis, die westliche Trassenkorridorvariante vorzuschlagen, wird in seiner Methodik und den Ergebnissen sowie der unterschiedlichen Bewertung vergleichbarer Sachverhalte zum Teil angezweifelt. Hier sind Neubewertungen vorzunehmen, die im Vergleich der Trassenkorridore der östlichen Variante den Vorzug zu geben haben.

Der VTK tangiert das Göttinger Siedlungsgebiet erheblich, vor allem in Hetjershausen, wo sich weite Teile des Ortsteils innerhalb des Korridors befinden. Der VTK rückt zudem sehr dicht an die Ortsteile Esebeck, Elliehausen und Groß Ellershausen heran und schränkt die Entwicklung dieser Ortsteile massiv ein. Die Ausweisung einer neuen Erdkabeltrasse würde einen Großteil der vorgesehenen Ausweisungen des Flächennutzungsplans deutlich erschweren.

Extrem wohnortnaher Trassenverlauf

Innerhalb des VTK liegen mehrere Flächen, die im neuen Flächennutzungsplan als Wohnbauflächen dargestellt sind. Durch die vorgeschlagene Trassenkorridorplanung besteht zwischen der westlichen Grenze des Ortsteils Hetjershausen und der Ortslage Hasenwinkel eine neue Engstelle. Die Feinplanung wird in jedem Fall zu einem extrem wohnortnahen Trassenverlauf führen. Aufgrund der dortigen Topographie und der hohen naturschutzfachlichen Qualität ist eine Trassenkorridorführung hier nicht möglich.

Es besteht bereits eine hohe Vorbelastung durch die vorhandenen Verkehrswege und Leitungstrassen im Göttinger Stadtgebiet: 110kV-Leitungen der Avacon sowie der DB Energie, die derzeit in der Planfeststellung befindliche 380kV-Stromtrasse Wahle-Mecklar sowie eine Richtfunktrasse in Südwest/Nordost-Richtung quer über das Göttinger Stadtgebiet.

Erheblicher Eingriff in die Natur

Der überwiegende Teil des Trassenkorridors führt durch das Landschaftsschutzgebiet Leinetal, dessen vorrangige Schutzziele die Erhaltung des Landschaftsbilds und die Sicherung der Erholungsfunktion sind. Die 380 kV-Leitung wird bereits erhebliche Eingriffe in die Natur des westlichen Stadtgebietes verursachen. Durch die Führung einer weiteren Trasse durch die freie Landschaft und die damit verbundenen Eingriffe in den Naturhaushalt in einem relativ kleinen geografischen Gebiet wird sich die Belastung für die betroffenen Schutzgüter vervielfachen.

Der Bau der Trasse ist vor allem bei zusammenhängenden Waldflächen als dauerhafter Eingriff ins Landschaftsbild zu werten. Das Vorhaben verstößt grundsätzlich gegen die Verbote der Schutzgebietsverordnung. Die Führung der Trasse durch Gebiete mit hohen Biotopwertigkeiten (kleinstrukturierte Waldflächen von regionaler Bedeutung mit wichtiger Naherholungsfunktion) und in gesetzlich geschützten Biotope wird grundsätzlich abgelehnt.

Die Lebensräume der Einzelarten gemäß der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie und der Vogelschutz-Richtlinie sind grundsätzlich vom Trassenverlauf freizuhalten. Es gibt mehrere bodenarchäologisch bedeutsame Fundstellen, die nicht durch Bebauung oder durch Erdarbeiten zerstört werden dürfen.

Trittin informiert sich über Südlink-Trasse

Zugig ist es auf oberhalb des Ortes, wo das Baugebiet am Deneweg entstehen soll. An einem Haus wird bereits gearbeitet, laut Göttingens Stadtbaurat Thomas Dienberg sind etwa 30 Bauplätze bereits verkauft. Jetzt allerdings wollen laut Dienberg fünf oder sechs Käufer ihr Grundstück zurückgeben. Der Grund: Die Stromtrasse Südlink soll in unmittelbarer Nähe vorbeilaufen. So plant es die Betreiberfirma Tennet.

Jürgen Trittin (im Profil) und Thomas Dienberg (rechts daneben) beim Ortstermin in Hetjershausen. Quelle: Christina Hinzmann

Der Bundestagsabgeordnete Jürgen Trittin (Bündnis 90/Die Grünen) hat sich jetzt vor Ort über die Gemengelage informiert. Mit dabei war Elisabeth Benecke, Referentin für Bürgerbeteiligung des Spüdlink-Betreibers Tennet. Sie erläuterte, dass etwa 40 Kriterien, die den Menschen und die Umwelt beträfen, bei den Planungen berücksichtigt würden. Dabei sollten möglichst wenig eingriffe vorgenommen werden. Themen wie Artenschutz und Wasserschutzgebiete stünden weit oben auf der Liste.

Mehr Eingriffe in die Natur

Die Entscheidung für den westlichen Trassenverlauf ist laut Benecke gefallen, weil für die östliche Variante in Thüringen weit mehr Eingriffe in die Natur, die Umwelt und menschliche Bereiche notwendig seien. Allerdings sagte sie mit Blick auf den Planungsstand: „Wir dürfen noch nicht trassengenau planen.“ Ein 1000-Meter-Korridor sei ausgearbeitet. Der sei erste festgelegt, wenn die Bundesnetzagentur darüber entschieden habe. Erst dann erfolge die Feinplanung. In ihren Unterlagen sei dieser Korridor bei Esebeck, Elliehausen, Hetjershausen und Groß Ellershausen allerdings fix.

Südlink: Der geplante Trassenverlauf. Quelle: gt

Stadtbaurat Dienberg bekannte, dass die Bekanntgabe dieser Trassenwahl Ende Februar die Verwaltung kalt erwischt habe. „Wir sehen diese Trasse als die nicht optimale an.“ Im Vergleich mit der östlichen Variante seine von Tennet „ähnliche Sachverhalte unterschiedlich bewertet“ worden. Er bestätigte, dass die Stadt Göttingen zu 100 Prozent hinter der Energiewende stehe. Allerdings sei „Göttingen als einziges Oberzentrum in der Region unangemessen schwer belastet“.

Häufung der Belastung

Auch Ortsbürgermeisterin Heidrun von der Heide (SPD) bemängelte die Häufung der Belastung. Mit der Verlegung der Stromleitung Wahle-Mecklar, die bereits bewilligt ist, seien alle einverstanden. Eine Trasse allerdings reiche neben anderen Belastungen wie die A 7.

Trittin erinnerte daran, dass er seit Beginn der Planung darauf hinweise, dass der Südlink mit Gleichstrom betrieben werden könne – was jetzt auch umgesetzt werde. Der Vorteil: Es entstehe kein elektromagnetisches Feld, sondern nur ein elektrisches Feld, also kein Elektrosmog. Er wollte damit Bürger und Vertreter einer Bürgerinitiative beruhigen, die ob der gesundheitlichen Risiken in Sorge sind. Aber: „Die Menschen müssen mit einem guten Gefühl herziehen. Da hilft kein wissenschaftliches Argument.“

Keine Regresspflicht

Die Stadt übrigens würde die Grundstücke wieder zurücknehmen und den Kaufpreis von etwa 50000 Euro erstatten. Verloren seien laut Dienberg dabei allerdings die Grunderwerbssteuer und etwaige Kosten für bereits beauftragte Architekten. Regresspflichtig sei in diesem Fall niemand.

Der Ausschuss für Stadtentwicklung, Umwelt- und Feuerschutz der Stadt Duderstadt hat in seiner jüngsten Sitzung eine Vorlage der Verwaltung zur Südlink-Trasse beschlossen. Eine detaillierte Auswertung sei innerhalb der Frist nicht möglich, heißt es darin. Doch die westliche Variante sei zu befürworten.

Von Peter Krüger-Lenz

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