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Göttingen Tag der deutschen Sprache: In Göttingen auf der Suche nach Denglisch
Die Region Göttingen Tag der deutschen Sprache: In Göttingen auf der Suche nach Denglisch
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00:17 16.09.2013
Von Jörn Barke
Bunt, grell und ziemlich denglisch: Für Werbung greifen Geschäfte und Einrichtungen gern auf hippe Slogans zurück. Quelle: Barke
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Göttingen

Auf der rechten Seite liegt der Kleingartenverein Am Rothenberg. Kleingärten sind ja derzeit – liest man immer wieder – total in, trendy, hip, cool, hot oder was auch immer (früher: angesagt, knorke). In der Kleingärtner-Sprache hat sich das hier allerdings noch nicht niedergeschlagen.

In den Mitteilungen in den Schaukästen ist die Rede von Ruhezeiten, Bautätigkeiten, Knobelterminen und der Gartenordnung – von Anglizismen keine Spur. Es gibt ein Oktoberfest mit knuspriger Grillhaxe, aber ohne Happy Hour.

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Diesem guten Auftakt folgt die schnelle Ernüchterung an der Bushaltestelle Roter Berg. Dort wirbt der Fernsehsender Vox für die neue „Action-Crime-Serie“ namens „Arrow“. Der Norddeutsche Rundfunk verweist auf sein Soundcheck-Festival. 

Es folgen an der Hannoverschen Straße einige Betriebe entlang der Straße ohne große Anglizimus-Auffälligkeiten. Dann beeindruckt – auf den ersten Blick – „Jennys Haar-Oase“: Ein Friseurbetrieb ohne Englisch im Namen und auch noch ohne falschen Apostroph – toll. Allerdings täuscht der erste Eindruck auch manchmal.

Auf 24 Seiten nur sehr selten Anglizismen

Denn bedient werden laut Preisliste Ladies, Gentlemen und Kids, es ist die Rede von Hairtattoos und Tages-Make-up. Da ist es erstaunlich, dass die Begriffe Umformung und Dauerwelle noch erhalten geblieben sind. Beim Salon Lange etwas weiter die Straße hinunter werden dagegen immer noch Damen, Herren und Kinder bedient.

An der Kreuzung zur Hennebergstraße fällt der Blick nach links auf den Turm der evangelischen Petrikirche. Die hat einen gemeinsamen Gemeindebrief mit der Christophoruskirche.

Und dieser dürfte Sympathisanten des Vereins deutsche Sprache (VDS), der den Tag der deutschen Sprache ausgerufen hat, mit Freude erfüllen: Auf 24 Seiten gibt es nur sehr selten Anglizismen.

Wenn überhaupt, tauchen sie in Zusammenhang mit Jugendarbeit auf. Dann fahren die Konfirmanden mit Teamern ins Konficamp, stylen sich, machen Übungen auf der Slackline, und es gibt auch mal eine Church Night. Ansonsten: ziemlich pures Deutsch – vielleicht macht es ja der lange Arm Luthers.

Die unsinnige Schreibweise mit Anführungszeichen

Die Denglisch-Verschnaufpause währt allerdings nur kurz. Rechts taucht Werbung der „Fun & Play Casino Group“ auf. Sie verspricht „Freizeitspaß bei Billard, Flipper, Internet, Snooker und Trendy’s“.

Es folgen die Firma „Enterprise rent-a-car“ und ein Bräunungsstudio, das im Schaufenster mit Nackedeis „Styled by Sunpoint“ lockt. Die Stadt bietet auf einer Werbetafel 4000 City-Parkplätze an, wahrscheinlich um sie von den Outdoor-Parkplätzen im Landkreis abzugrenzen.

Nach dem Autobahnzubringer müssen VDS-Sympathisanten nun wirklich stark sein. Linke Seite: Fitness Future und Mc Donald’s. Rechte Seite: Takko Fashion, Mc Trek Outdoor Sports.

Die Bike & Outdoor Company verkündet „B.O.C. auf bike“. Toys"r"us findet sich dort auch – die unsinnige Schreibweise mit Anführungszeichen ist übrigens keine deutsche Erfindung, sondern wird auch in den USA gepflegt.

Wie steht es mit Denglisch in der Universitätsstadt Göttingen? Eine Fahrt entlang der Hauptverkehrsadern soll Auskunft bringen. ©Barke

Eigentlich wird bei Auslassung eines Buchstabens ein Apostroph gesetzt. Media Markt ist auch noch da, aber dort möchte ich jetzt nicht in die Gaming- und Spielzeugabteilung gehen. Zu allem Überfluss nervt die Aral-Tankstelle mit „Ultimate“-Treibstoffen.

Bei McDonald’s sind derzeit „Royal Wochen“. Etwas weiter preist die Konkurrenz großflächig den „King des Monats“ an. Der heißt nicht Kong, sondern „Crispy chicken“. Die Werbetafel steht vor dem großen Telekom-Gebäude, in dem es auch einen Laden gibt.

Eine Aufschrift auf dem Schaufenster verheißt: „So live wie live dabei. Fußball mit Entertain.“ Mir reicht es. Ich bin jetzt so crazy geflasht, dass ich beim Weiterfahren an der Weender Landstraße erst einmal nur auf den Bürgersteig looke.

Als ich einmal kurz hochschaue, schreit mich gleich „Call a Pizza“ an. Shell zieht mit V-Power-Racing, Fuel Save und Shop alle Denglisch-Register.

Die Freude währt nur kurz

An der Ecke Kreuzbergring bietet sich ein schönes Ensemble: Bei „Multi-Cheap“ blinkt der Schriftzug „Open“ in der Tür, beim Friseurladen „Let’s hair“ nebenan hat es sich offenbar schon ausgehaart, und gegenüber findet sich das Büro von Allround-Service Logistics.

Kurz darauf mal wieder ein Friseur mit unenglischem Namen: „Ichfabrik. Mein Friseur.“ Die Freude währt nur kurz. Denn die Liste der Angebote ist eine Liste der Grausamkeiten: Basic Herren, Urban Beauty, Add-ons, Change in color.

Es geht vorbei an der „Discothek Red Carpet“, an der „Comsol Multiphysics GmbH“, dem „TTB Office“, an Pro City und an der Edelfressbude Subway, die mit „eat fresh“, dem „Sub des Tages“ und dem Gewinnspiel „Subcard winplosion“ wirbt.

Jetzt aber zum frisch gekürten Bahnhof des Jahres 2013. Schließlich sind für das Rumgedenglische in ihrem Laden schon zwei Bahn-Chefs – Hartmut Mehdorn und Johannes Ludewig – vom VDS zu Sprachpanschern des Jahres gekürt worden. Vielleicht hat es ja etwas geholfen.

All equal

Denn auch wenn ich im Bahnhof einen Augenblick lang brauche, um zu begreifen, dass Fundservice nichts mit Fundraising zu tun hat: Die Bahn hat wieder eine Information und ein Reisezentrum, und an Automaten gibt es Fahrkarten.

Also: leichte Besserung, denn Angebote wie die „Bahn Card“ oder „Rail & Fly“ gibt es natürlich immer noch. Im Eingangsbereich des Bahnhofs sorgen World Coffee und Burger King für internationales Flair.

Ich have erst einmal wieder enough und lasse City Boutique, City Kiosk, City Internet, Hostel 37, Hiphop Dance Academy, Just-Free-Zigarettenwerbung und die Police am Rand der Groner Landstraße liegen. Auch „Casino Play“, Body Shop XL und Waterbed Discount am Posthof sind mir jetzt all equal.

Englisch-Übung für Fortgelaufene

Kentucky Fried Chicken an der Kasseler Landstraße kann mich mit dem Spruch „Jeden Tag so good sparen“ für den „Smacker“ nicht mehr locken. Ich konzentriere mich nur noch auf Höhepunkte, und einer kommt jetzt: die Niederlassung der Bayerischen Motoren-Werke.

Dort wird auch der Mini vertickt und deshalb die zugehörige Ware als Englisch-Übung für Fortgelaufene angepriesen: Mini Key Ring, Mini Thermo Can, Mini Garage Kit, Mini Folding Bike, Mini Bulldog Soft Toy – „Welcome to Mini“ eben.

Jetzt bin ich gerüstet für den abschließenden Höhepunkt der Reise, den Kauf Park. Hier gibt es von allem viel und deshalb auch viel englisches Geprahle: „Nail’s design“, „Shirt Garden“, Factory Outlet, Most wanted sneakers, Freaky sale, Happy Herbst mit Beauty-Trends.

Das Leben wird mir auch gleich erklärt: „Modern Luxury ist: frischer Lifestyle.“

Haben Sie selbst denglische Formulierungen gesehen, über die Sie sich ärgern? Schicken Sie uns ein Foto mit der Angabe, wo es entstanden ist, an online@goettinger-tageblatt.de.

Interview mit dem Göttinger Sprachwissenschaftler Albert Busch

A. Busch

Sind Anglizismen wirklich in der gesamten deutschen Sprache ein Problem oder kommen sie eher in bestimmten Teilbereichen vor?
Die Bereiche, in denen Anglizismen hauptsächlich verwendet werden, sind: Fachsprachen, wo die Computer- und Informationstechnologie ihren englischen Wortschatz mitbringt, Werbe- und Wirtschaftssprache, Jugendsprache und Sport.

Anglizismen erfüllen verschiedene Funktionen: Zum einen sind sie eine Reaktion auf Sprach- und Kulturkontakte, zum anderen sollen sie Modernität signalisieren und sind auch ein Stück weit sprachliches Imponiergehabe.

Sind Anglizismen im Deutschen ein Problem?
Da muss man letztlich die Sprachgemeinschaft befragen. Das hat die Gesellschaft für deutsche Sprache, die ich als Vorsitzender des Göttinger Zweigvereins vertrete, in einer repräsentativen Studie getan. Das Ergebnis lautet: Viele haben sich daran gewöhnt. Auch für die deutsche Sprache selbst sind Anglizismen kein Problem.

Die deutsche Sprache integriert seit Jahrhunderten fremdsprachliches Wortmaterial, von dem wir heute kaum mehr erkennen, dass es sich ursprünglich um Fremdworte handelt. Oder wer vermutet heute hinter Fenster, Keller und Büro gleich ein Fremdwort? Angst um die deutsche Sprache oder gar deren Verfall muss man also nicht haben.

Also alles ganz easy?
Das nicht. Anglizismen sind dann ein Problem, wenn sie wirklich Verständigungsschwierigkeiten schaffen. Damit ist aber nicht die Frage gemeint, ob jemand einen Slogan richtig übersetzen kann oder nicht, denn das ist für die Wiedererkennungsfunktion eines Slogans recht unwichtig.

Wieso werden Anglizismen so gern ins Deutsche übernommen?
Englisch ist heute sexy. Es ist, wie die Linguistin Dagmar Schütte gesagt hat: Das schöne Fremde. Deshalb verwenden viele Menschen und Medien Anglizismen zum Beispiel zur Selbststilisierung oder weil es eben hip ist oder weil man das Sprachmaterial mit etwas Positivem zusätzlich aufwerten will.

Wenn der Hausmeister in einer Stellenanzeige zum facility manager wird, ist das für diejenigen, die es verstehen, in Ordnung und soll der Berufsbezeichnung ein gewisses „Mehr“ verleihen. Für diejenigen, die es nicht verstehen, ist das natürlich ein Problem. Aber so holzschnittartig ist die Realität meist nicht, denn diejenigen, die sich hier bewerben möchten, kennen auch diesen Begriff natürlich.

Ist damit die Kritik an zu viel Denglisch übertrieben?
Die Bemühungen der Kritiker, ein stärkeres Bewusstsein für die deutsche Sprache zu schaffen, sind gut und wichtig. Sie drücken auch ein Unbehagen der Sprachgemeinschaft aus. Die Kritiker vergessen jedoch oft, dass die hohe Zahl von Anglizismen im Sprachgebrauch  eben auch wichtige Ausdrucks- und Signalfunktionen hat.

Und wenn diese in der Breite der Sprachbenutzer nicht so beliebt wären, würden sie nicht so häufig verwendet. Medien und Werbung machen sprachliche Angebote, ob diese dann von der Sprachgemeinschaft insgesamt für kurze oder längere Zeit attraktiv gefunden, aufgenommen oder abgelehnt werden, lässt sich nicht von oben – anglizistisch gesprochen: top down – steuern.

Das heißt: In einem gewissen Maße hat man – abgesehen von leider zu verbreiteten Auswüchsen, die es auch gibt – hier ein Beliebtheitsrennen, das oft Anglizismen gewinnen. Das kann man den Menschen nicht verbieten, nur weil man es selbst nicht so schön findet.

Darauf hat schon Jacob Grimm in seiner 1819 erschienen Deutschen Grammatik verwiesen, wenn er sagte: „Sobald die Critik gesetzgeberisch werden will, verleiht sie dem gegenwärtigen Zustand der Sprache kein neues Leben, sondern stört es gerade auf das empfindlichste.“

Also steht Deutsch auf der Verliererseite?
Nein, denn was oft unbeachtet bleibt: Die meisten Anglizismen verschwinden bald wieder aus dem Sprachgebrauch und nur wenige bleiben dauerhaft in der deutschen Sprache. Der Hannoveraner Sprachwissenschaftler Peter Schlobinski sagt hierzu „Seit 1945 sind allerdings allenfalls etwa 3500 englische Wörter in den Allgemeinwortschatz aufgenommen worden.“

Gibt es denn heute mehr Anglizismen im Deutschen als vor 20 Jahren, als sich der Verein Deutsche Sprache formierte?
Die Empirie lässt vermuten: ja. Quantitative Untersuchungen wie die von Karl Heinz Best und Svetlana Burmasova zeigen aber: Zu früheren Zeiten war die Menge kleiner, aber die Verwendungshäufigkeit höher, heute dagegen sinkt die Verwendungshäufigkeit und das Entlehnungstempo insgesamt verlangsamt sich. Das deutet auf eine gewisse Sättigung.

Gab es in früheren Jahrhunderten nicht einen viel stärkeren Anteil an lateinischen und französischen Fremdworten im Deutschen?
Ja, das ist der Fall. Es gab immer wieder Entlehnungsschübe, die sich dann im Gefolge der sozialen und politischen Veränderungen wieder zurück gebildet haben.

Könnte ein solcher Rückgang nicht auch den Anglizismen irgendwann blühen?
Auf sehr lange Zeiträume betrachtet ist das möglich, sogar wahrscheinlich. Man kann ja einmal spekulieren, welche Kultur langfristig erstarken und die internationalen Beziehungen prägen wird. Die wird dann sicher auch ihre Sprache als neuen Einflussfaktor mitbringen.

 Interview: Jörn Barke