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Göttingen Tatjana Cherkas Kind der Tschernobyl-Initiative ist mit Göttingen verbunden
Die Region Göttingen Tatjana Cherkas Kind der Tschernobyl-Initiative ist mit Göttingen verbunden
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20:19 11.07.2013
Von Andreas Fuhrmann
Studierte Lehrerin: Tatjana Cherkas absolviert ihren Freiwilligendienst in der Waldorfschule.
Studierte Lehrerin: Tatjana Cherkas absolviert ihren Freiwilligendienst in der Waldorfschule. Quelle: Hinzmann
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Göttingen

Als kleines Geschöpf wurde sie herein geboren in eine Region, die mit am schwersten von der Reaktorkatastrophe getroffen wurde.

Als zwölfjähriges Mädchen konnte sie das verseuchte Gebiet erstmals verlassen. Mithilfe der Initiative „Ferien für Kinder von Tschernobyl“ kam sie im Sommer 2001 für vier Wochen nach Göttingen. Sie wurde bei der Familie von Elke Greve-Gloddek untergebracht. Heute ist Cherkas eine junge Frau von 24 Jahren und wieder einmal in Göttingen. Seit einem Jahr absolviert sie ihren Bundesfreiwilligendienst in der Freien Waldorfschule in Weende.

Cherkas erinnert sich noch genau an ihren ersten Besuch in Deutschland, diesem von ihrer Heimat so weit entfernten Land. „Es war alles so ein Schock. Aber ich hatte kein Heimweh“, sagt sie. „Und es hat dann doch richtig Spaß gemacht.“ Das lag nicht nur an dem Angebot der Tschernobyl-Initiative, sondern auch an der Herzlichkeit ihrer Gastfamilie. Als die Kinder wieder in Weißrussland waren, schrieb Greve-Gloddek Tatjana einen Brief.

„Sie hat sofort geantwortet. Sie war so begeistert von der Erfahrung“, erinnert sie sich. Es sollte nicht der einzige Brief bleiben. Fortan kehrte sie beinahe jedes Jahr zu ihrer Gastfamilie nach Göttingen zurück.

Besuch in Weißrussland

Und Greve-Gloddek und ihr Mann besuchten sie in Weißrussland. „Das ist schon etwas Besonderes in unserer Initiative“, sagt Christa Schwalbe, die zu deren Gründungsmitgliedern gehört. „Sie ist die einzige, wo das so gelaufen ist.“

Selbst nach ihrem Studium in Minsk, wo sie fünf Jahre lang Lehramt studierte, ließ Cherkas Göttingen nicht los. Um ihre Deutschkenntnisse zu verbessern, kehrte sie 2012 zurück und begann ihren Bundesfreiwilligendienst an der Waldorfschule. „Ich helfe in der Schulküche und dann im Hort“, sagt die 24-Jährige. In der Küche schneidet sie Gemüse und erledigt den Abwasch. Im Hort macht sie mit den Kindern Hausaufgaben, spielt und bastelt mit ihnen.

Außerdem hat sie ein Projekt gestartet: Kochen wie in Weißrussland. Die Kinder haben sie ins Herz geschlossen.

Mittlerweile hat sich Cherkas ein eigenes Zimmer gemietet. „Ich wohne hier ganz in der Nähe“, sagt sie. Sie hat Freunde gefunden, deutsche und russische, geht ins Kino und trifft sich zum Kochen. Und natürlich besucht sie hin und wieder ihre alte Gastfamilie. „Anfangs war sie wie eine Tochter“, erinnert sich Greve-Gloddek. „In den letzten Jahren ist sie nicht mehr so viel bei uns. Sie ist erwachsen und jetzt eher so etwas wie eine jüngere Freundin.“

Rückkehr mit gemischten Gefühlen

Ende Juli kehrt Cherkas in ihre Heimat zurück – mit gemischten Gefühlen. „Ich habe Heimweh gehabt, aber ich bin auch traurig, dass ich jetzt gehe“, sagt sie. „Meine Eltern freuen sich aber schon sehr, die haben mich sehr vermisst. Und ich werde die Kinder hier vermissen. Mit denen bin ich schon ein bisschen verbunden.“

Vielleicht werde sie sogar die Sprache vermissen, fügt sie an – auch wenn die sehr schwierig zu lernen gewesen sei. Angst habe sie nicht, auch nicht wegen der Radioaktivität. „Das ist Heimat“, sagt sie, die als Kind Probleme mit der Schilddrüse hatte. „Jetzt geht es mir aber besser.“

In Weißrussland möchte sie als Lehrerin arbeiten. Eine Stelle hat sie zwar noch nicht, aber sie ist zuversichtlich: „Lehrer werden viel gesucht, aber leider nicht so gut bezahlt.“ Vielleicht kommt sie aber auch noch mal zum Studieren nach Göttingen zurück: „Göttingen ist meine zweite Heimat.“