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Göttingen Theaterstraße Göttingen: Künftig ohne Verkehr und Parkplätze?
Die Region Göttingen Theaterstraße Göttingen: Künftig ohne Verkehr und Parkplätze?
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19:33 13.06.2019
In der Theaterstraße teilen sich Autos, Busse, Fußgänger und Radfahrer die Straße. Quelle: Christina Hinzmann
Göttingen

Die Theaterstraße ohne Autos und Parkplätze für Besucher: Dieser Plan von Grünen und SPD stößt bei den Menschen im Viertel auf Unverständnis und Kritik. Die Sperrung der Schleife Theaterstraße/Burgstraße für den Durchgangsverkehr, der Wegfall der Parkplätze dort und die komplette Umkehrung des Verkehrsflusses durch die Lange Geismar Straße sind in einem Änderungsantrag formuliert, den der Rat im Mai beschlossen hat. Er ist Teil des Beschlusses zur Stadthallensanierung.

Wenige Parkplätze in der Burgstraße. Quelle: Christina Hinzmann

In dem Antrag vom 19. Mai steht, dass die Verwaltung beauftragt wird, „im Zusammenhang mit der Sanierung der Stadthalle und unter der Maßgabe einer nachhaltigen Stadtentwicklung die folgenden Maßnahmen umzusetzen und entsprechend über die Umsetzungspläne, Prüfungen und Ergebnisse in den zuständigen Ausschüssen zu berichten”. Nämlich, die Umgestaltung des Albaniplatzes in einen „Begegnungsort für die kulturelle und gesellschaftliche Nutzung“. Dafür soll der Platz in einen verkehrsarmen Bereich mit Schrittgeschwindigkeit umgestaltet werden. Formuliertes Ziel: „So wenig motorisierter Verkehr wie möglich”. Dafür soll die bestehende Verkehrsführung geändert werden, indem eine Öffnung der Kurzen Geismar Straße und die Umkehrung des Verkehrs in der Langen Geismar Straße erfolgt. Die Fahrzeuge sollen dann über die Obere Karspüle, die Friedrich-Straße und Herzberger Landstraße fahren. Außerdem soll die Stadt auf den Bau einer Tiefgarage unter städtischer Regie am Albaniplatz verzichten. Ein externer Bauherrn wäre aber zu prüfen. Als Sofortmaßnahme sollen Parkplätze an der Langen Geismar und Roten Straße in Ladeflächen und Bewohner-Parkplätze umgewandelt werden. Weiterer Punkt des Antrags ist: „Die Schleife Theaterstraße/Burgstraße wird wir für den Durchgangs- und den Parksuchverkehr geschlossen.” Frei sollen die Straßen nur für Anlieger und für Lieferverkehr bleiben. Die Parkplätze sollen Anwohnerparkplätze werden.

Das sagen die Gewerbetreibenden

„Wir sehen die Sinnhaftigkeit dieses Plan nicht”, sagt Wolfram Sommerfeld. Er ist Inhaber der Blumenbinderei Tommy Tulpe in der Burgstraße. Und einer von etwa 35 Bewohnern, Gewerbetreibenden und Hausbesitzern, die sich in der vergangenen Woche erstmals getroffen haben, um über die Pläne zu beraten. Die ganz überwiegende Mehrheit der Teilnehmer sei der Meinung, dass das Wegfallen der Parkplätze eine „Fehlplanung” sei. „Dabei ging es nicht nur darum, dass nur die Einzelhändler Kritik üben”, so Sommerfeld. Auch etliche Anwohner fragen sich, wo beispielsweise ihre Besucher parken künftig können. „Wir haben zudem zahlreiche Arztpraxen und Anwaltskanzleien im Viertel”, sagt Sommerfeld.

Wolfram Sommerfeld. Quelle: Alciro Theodoro Da Silva

Bei dem ersten Treffen der Bewohner und Nutzer des Viertels sei man sich auch darüber einig gewesen: „Wir wollen den Charakter unseres Kiezes erhalten”, so Sommerfeld. Denn: Der Bereich Theaterstraße/Burgstaße ist mehr als nur eine Seitenstraße der Fußgängerzone. Viele der Anwohner und Händler kennen sich, helfen sich gegenseitig, feiern auch mal gemeinsam.

Eine klare Meinung dazu hat auch der Bestattungsunternehmer Stephan Brüger aus der Burgstraße. „Totaler Humbug”, sagt er. Diese Idee sei eine „absolute Fehlentscheidung”. Er sei in seinem Betrieb darauf angewiesen, dass ihn seine nicht selten betagten Kunden mit dem Auto erreichen können. „Ich hoffe, dass die Politiker noch einmal logisch nachdenken”, so Brüger.

Stephan Brüger, Bestattungshaus Pfennig,. Quelle: Christina Hinzmann

Auch für Schuhmacher Faisal Souei aus der Theaterstraße wäre die Sperrung „sehr schlecht”. Übergangsweise, während der Bauarbeiten, dafür hätte er Verständnis. Aber eine dauerhafte Sperrung lehnt auch er ab. „Es kommen viele ältere Kunden mit dem Auto”, sagt er.

Scharfe Kritik auch von Robert Vogel, Inhaber des Cafés Esprit an der Langen Geismarstraße. „Werden diese Pläne durchgesetzt, mache ich meinen Landen zu”, sagt er. Viele seiner Kunden kämen mit dem Auto. Den Verlust der Parkplätze, „den kann ich mir nicht leisten”, so Vogel.

Robert Vogel, Bar Esprit. Quelle: Peter Heller

Auch Sommerfeld sagt: „Bei uns in den Seitenstraßen liegen doch die kleinen, Inhabergeführten Geschäfte”. Die könnten sich, im Gegensatz zu den großen Ketten in den 1a-Lagen, einen Umsatzrückgang Prozent nicht leisten. „Ich würde rechtzeitig meine Koffer packen”, sagt auch er.

Friederike Lohrengel, Designerin und Inhaberin eines Modegeschäftes an der Burgstraße sieht das genauso, auch sie teilt die Sorgen der anderen. “Ich habe viele Kunden, die aus der Region kommen, aus Einbeck, Hardegsen oder Kassel”, sagt sie. Parkplätze, zumindest in der Nähe, seien wichtig, um die „spezielle Individualität des Viertels zu erhalten”. Die Straßen östlich der Jüdenstraße seien keine Flaniermeile, die Kunden kämen gezielt ins Quartier.

Boutique Elisa: Inhaberin Barbara Gören-Wagner. Quelle: Christina Hinzmann

Und es betrifft nicht nur die direkten Anlieger. Barbara Gören-Wagner, Inhaberin der Boutique Elisa an der unteren Barfüßerstraße, macht sich ebenfalls “große Sorgen”. Auch viele ihrer Kunden parken am östlichen Stadtrand und kommen so bei ihr vorbei. “Es spricht einfach alles dagegen, die Parkplätze abzuschaffen und die Straße abzuhängen”, sagt sie.

  

Pro City will Verkehrsschleifen erhalten

Frederike Breyer, Geschäftsführerin von Pro City Göttingen sagt: „Täglich fahren bis zu 8000 Fahrzeuge unerlaubt durch die Straßen der Innenstadt. Erstmal sollten die Regeln dort eingehalten werden”, sagt sie. Ob in der Kurzen Geismarstraße in der Groner oder in der Jüdenstraße: In den Fußgängerzonen fahren Viele, die dort nicht fahren dürfen. Die Stadt prüft derzeit eine Lösung, den Verkehr mit Pollern einzudämmen. “Das sollten wir erst einmal abwarten”, sagt Breyer. Sie plädiert klar dafür, “die Verkehrsschleifen in der Innenstadt zu erhalten”.

Susanne Heller. Quelle: r

Die Vorsitzende des Vereins Pro City, einem Zusammenschluss von Gewerbetreibenden und Anliegern der Innenstadt, möchte eine Innenstadt für alle: „Pro City setzt sich dafür ein, dass die Göttinger Innenstadt für alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen bequem zu erreichen ist. Hierzu gehören auch die vielen Besucher aus dem Göttinger Umland, Familien mit kleinen Kindern, Senioren und behinderte Mitbürger“, sagt sie. Und weiter: „Wenn der Autoverkehr, wie von den Grünen vorgeschlagen, aus der Innenstadt verbannt wird, trifft das nicht nur die Geschäfte an den betroffenen Straßen, sondern beeinträchtigt alle Geschäfte und Gewerbetreibenden in der City. Daher spricht sich Pro City strikt gegen den Antrag der Grünen aus."

Baubegleitender Beirat trifft sich demnächst

In der Stadtverwaltung wird unterdessen wie geplant weiter gearbeitet. Demnächst soll der Bauzaun versetzt und die Baustelle eingerichtet werden. „Die Verkehrsführung an der Baustelle Albaniplatz wird so eingerichtet, dass alle Verkehrsteilnehmer möglichst störungsfrei passieren können“, so die Pressestelle der Stadt. Die Wege rund um die Baustelle sollen dann barrierefrei werden, was bislang nicht der Fall war. Im Inneren stehe die Entkernung auf der Prioritätenliste ganz oben. „Ein aktualisierter Zeitplan wird in Kürze vorliegen.“ Außerdem soll ein „baubegleitender Beirat mit Nutzern und Veranstaltern“ in Kürze zum ersten Mal zusammen kommen. Das war ein Ergebnis der Diskussionen um die Sanierung Neubau der Stadthalle. Mindestens fünf Mitarbeiter seien in die laufende Arbeit eingebunden; fallweise auch mehr. In der Sitzung des Bauausschusses am Donnerstag, 20. Juni, geht es um einen Fußweg an der Halle während der Bauarbeiten und um die Beteiligung der Hauptnutzer bei der Sanierung. Beginn ist um 16 Uhr im neuen Rathaus. 

Kommentar

Zuerst die gute Nachricht: Die Stadthalle wird saniert und bleibt, wo sie hingehört. Mit dem Änderungsantrag hat der Rat der Stadt aber auch etwas beschlossen, was die, die es angeht, offenbar nicht wollen. Die SPD hat den Vorschlag der Grünen geschluckt, damit es endlich mit der Halle voran geht. Die schlechte Nachricht: Die Abhängung eines Quartiers, das dadurch lebt, dass dort kleine Betriebe zu finden sind, nützt niemanden. Die Vision einer autofreien Stadt ist schön. Aber erstmal muss es alternative Mobilitätsangebote geben, damit jeder die City erreichen kann. Wenn die verfügbar sind, kann man ja vielleicht sperren. Mit dem Fahrrad können Göttinger bequem aus dem Ostviertel anrollen aber nicht die Kunden aus Hardegsen. Der Handel hat es in Zeiten des Onlineshoppings schwer genug. Die Politik sollte dringend mit denen, die im Theaterstraßen-Viertel leben und arbeiten sprechen, auf sie hören und Lösungen mit den Menschen dort erarbeiten. Nicht gegen sie. (Von Britta Bielefeld)

Von Britta Bielefeld

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