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Göttingen Warum Naturschutz immer mehr anerkannt wird – auch im Raum Göttingen
Die Region Göttingen Warum Naturschutz immer mehr anerkannt wird – auch im Raum Göttingen
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00:20 16.05.2019
Der Göttinger Stadtwald ist ein Naturschutzgebiet, es erstreckt sich bis Waake. Zuständig ist die Stadt Göttingen. Quelle: Christina Hinzmann
Göttingen

„Gesperrt zum Schutz der Natur“. Wer den 1141 Meter hohen Brocken im Harz erklimmt, wird links und rechts des Weges mit Schildern über die besondere Schutzwürdigkeit der Landschaft informiert. Für den Nationalpark Harz, der sich von Herzberg im Süden bis Bad Harzburg im Norden erstreckt, gelten bestimmte Regeln. Die Wege dürfen nicht verlassen werden. Was der Mensch hinein trägt, muss er auch wieder mit hinaus nehmen, etwa Verpackungen, auch Bananenschalen. Ansonsten darf nichts mitgenommen werden, was zur Natur gehört, keine Wurzeln, Steine oder Zweige. Hunde müssen an der Leine geführt werden. Dass kein Lagerfeuer entzündet werden darf, versteht sich von selbst. Festgeschrieben sind die Vorgaben in einem Nationalpark-Gesetz. Richtlinien finden sich aber auch im Bundesnaturschutzgesetz, das ebenso für Naturschutzgebiete Anwendung findet.

Naturschutzbeauftragter ist ein Ehrenamt

Im Landkreis Göttingen sind 24 Naturschutzgebiete (NSG) ausgewiesen. Sie sind über die gesamte Fläche des Kreises verteilt und von unterschiedlicher Größe. Hinzu kommen außerdem acht Landschaftsschutzgebiete mit weniger strengen Regelungen, zudem vier Vogelschutzgebiete und 27 sogenannte FFH-Gebiete. Die Buchstaben stehen für Fauna, Flora, Habitat. FFH-Gebiete sind von der Europäischen Union anerkannte, in der Regel sogar eingeforderte Schutzbereiche. Oft sind sie im Großen und Ganzen identisch mit den bereits länger bestehenden Naturschutzgebieten. „Das kann sein, muss aber nicht“, sagt Prof. Ulrich Heitkamp. Er ist der Naturschutzbeauftragte des Landkreises Göttingen, ein Ehrenamt.

Überdüngung und Bodenversiegelung

Heitkamp macht darauf aufmerksam, dass auch sehr kleine Flächen geschützt sein können. Er spricht von „Biotopschutz“ etwa für Wiesen, Moorflächen oder Bachläufe. Sogar einzelne Objekte (oder besser Subjekte) wie ein alter Baum können als Naturdenkmal unter Schutz stehen. Der Mensch darf nicht eingreifen, nichts verändern. Naturschutz bedeutet oft Einschränkungen, etwa für die Landwirtschaft. Entsprechend wenig Gegenliebe erfahren die Regelungen. „Vieles verträgt sich nicht gut miteinander“, sagt Heitkamp und verweist auf Probleme wie Überdüngung und Bodenversiegelung. „Naturschutz führt immer wieder zu Konflikten“, weiß er. Bisher habe der Naturschutz immer hintenan gestanden. „Aber es vollzieht sich ein Umdenken in der Gesellschaft“, hat der 77-Jährige festgestellt – offenbar unter dem Eindruck eines in der Menschheitsgeschichte beispiellosen Artensterbens.

Windräder werden zur tödlichen Falle

Kritisch sieht er das Aufstellen von Windrädern. Die liefern zwar umweltfreundlichen Strom, seien aber immer wieder tödliche Fallen für bedrohte Arten wie dem Roten Milan und Fledermäusen. „Das Problem ist der Unterdruck, der durch die Bewegungen der Rotorblätter entsteht“, erklärt der Naturschutzbeauftragte. Die Tiere können nicht mehr manövrieren und werden erschlagen. Viele Arten seien auch deshalb bedroht, weil sie einfach keinen Lebensraum mehr finden in einer vom Menschen durchgestylten Kulturlandschaft.

Hinsichtlich von immer wieder auftretenden Interessenskonflikten ergänzt der Sprecher des Landkreises Göttingen, Ulrich Lottmann: „Die Vereinbarkeit von Natur- und Umweltschutz mit der Nutzung von Flächen und natürlichen Ressourcen beschäftigt den Landkreis aufgrund seiner vielfältigen Zuständigkeiten täglich. Dabei sind wir im ständigen Austausch mit einer Vielzahl von Akteuren.“ Durch „bewährte Verfahren und gute Zusammenarbeit“ gelinge es in der Regel, auf Basis von Verständigung und Interessensausgleich gute Lösungen herbeizuführen, so Lottmann.

Landkreis bestellt auch Regionalbeauftragte

Beim Naturschutz gibt es im Landkreis Göttingen eine Besonderheit. Neben Heitkamp sorgen sich auch Regionalbeauftragte um den Schutz von Fauna, Flora und Landschaftsbild. „Sie beschäftigen sich mit konkreten Problemen vor Ort“, erklärt Heitkamp. Seine vorrangige Aufgabe ist es, Behörden oder Ortsräte bei Fragen zum Naturschutz zu beraten.

Parallel zum eingangs erwähnten Nationalpark Harz, der im Landkreis Göttingen ein Bestandteil der Schutzfläche ist, seien nachfolgend einige Naturschutzgebiete vorgestellt.

Ein artenreiches Laubwaldgebiet zeichnet das NSG „Großer Leinebusch“ bei Jühnde aus. Auf kalkreichem Boden wächst hier der einzige größere Bestand feuchter Eichen- und Hainbuchwälder im niedersächsischen Weser- und Leinebergland.

Im NSG „Bachtäler im Kaufunger Wald“ bei Nieste stehen, wie der Name schon sagt, Bachläufe unter Schutz. An Ingelheimbach, Schwarzbach, Rotbach oder Hungershäuser Bach – die im Grenzbereich zu Hessen entweder in die Fulda oder die Werra fließen – wachsen Pflanzen, wie sie für Hochmoore typisch sind. Dokumentiert ist das Vorkommen des Schmalblättrigen Wollgrases, der Moosbeere, des Quendel-Kreuzblümchens, des Rundblättrigen Sonnentaus und des Teufelsabbiss.

Im 1193 Hektar großen NSGStadtwald Göttingen und Kerstlingeröder Feld“ beeindruckt der Buchenbestand. Eine außergewöhnliche Vielzahl stark gefährdeter Schmetterlinge haben Fachleute hier beobachten können, dazu verschiedene Fledermausarten, die Wildkatze und seltene Vögel wie den Neuntöter, den Wendehals, Mittel- und Grauspecht. Auch der Rote Milan findet hier noch Lebensraum.

Kraniche rasten auf ihrem Durchzug

Knapp 400 Hektar groß ist das NSG „Seeanger, Retlake, Suhletal“ bei Seeburg. Der Naturfreund kann sich an Auen mit Erlen, Eschen und Weiden erfreuen. Wer kundig ist, findet auch die Vierzähnige und die Schmale Windelschnecke, das Bachneunauge (ein Fisch) und den Schwarzen Milan. Kraniche rasten hier auf ihrem Durchzug nach Norden oder Süden, Schwarz- und Weißstörche suchen nach Nahrung. Auch der Seeburger See selbst ist ein Naturschutzgebiet. Auf dem einzigen natürlich entstandenen See in Südniedersachsen wachsen Teichrosen und Schilf. Er ist weiterhin Lebensraum für an Feuchtwiesen gebundene Vogelarten.

Teiche und Felsen, eingebettet in Laubwälder prägen das NSG „Itelteich“ zwischen Bad Sachsa und Ellrich. Der geschützte Bereich grenzt an die NSG „Priorteich/Sachsenstein“, „Juliushütte“ und „Gipskarstlandschaft Bad Sachsa und Walkenried“. Zusammen sollen sie dem Schutz der besonderen Landschaft dienen.

Vom Oberharzer Bruchbergmoor bis zur Einmündung der Sieber in die Oder (gemeint ist das Flüsschen Oder bei Herzberg) erstreckt sich das NSG „Siebertal“. Das Siebertal ist das letzte große, nicht von einer Talsperre verbaute Tal des Westharzes. Der je nach Jahreszeit unterschiedliche Pegel der Sieber ist ursächlich für Vielfalt, Eigenart und Schönheit des Tals.

Östlich von Nikolausberg liegt das NSGBratental“. Geprägt sind diese 115 Hektar von einem Halbtrockenrasengebiet mit Trockengebüschen und Glatthaferwiesen. Für die Pflege des Trockenrasens sorgen Schafe und Ziegen.

Rückzugsgebiet für viele bedrohte Arten

Höchster Punkt des NSG „Ossenberg-Fehrenbusch“ ist der 434 Meter hohe Ossenberg zwischen Dransfeld und Barterode. Von Landwirtschaft eingekreist, leben in dem Bereich viele bestandsbedrohte Pflanzen und Tiere wie in einem Rückzugsgebiet. Hier habe sich über lange Zeiträume ein ökologisch, floristisch und kulturhistorisch sehr wertvoller Lebensraum entwickelt, den es langfristig zu erhalten gilt, heißt es auf der Internetseite www.nlwkn.niedersachsen.de/naturschutz. Dem vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz betriebenen Portal sind die hier wiedergegebenen Informationen zu den Naturschutzgebieten entnommen.

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Wie schützt die Stadt Göttingen ihre Schutzgebiete?

Große Bereiche der Stadt Göttingen haben einen Schutzstatus. Zum Thema Landschafts- und Naturschutz nimmt der Sprecher der Stadtverwaltung Göttingen, Dominik Kimyon, im Tageblatt-Interview Stellung.

Dominik Kimyon Quelle: Christoph Mischke

Sind im Stadtgebiet Göttingen weitere Flächen vorgesehen, die unter Natur- oder Landschaftsschutz gestellt werden sollen?

Nahezu alle Flächen im Außenbereich des Stadtgebietes Göttingen haben bereits einen Schutzstatus durch die Landschaftsschutzgebietsverordnung Leinetal – circa 62 Prozent des Stadtgebietes – beziehungsweise durch die NaturschutzgebieteBratental“ und „Stadtwald Göttingen mit dem Kerstlingeröder Feld“. Es ist derzeit nicht geplant, weitere Flächen mit einem Schutzstatus zu belegen. Lediglich die Flächen, die im Kiesseeareal durch den Gebietstausch mit der Gemeinde Rosdorf in das Stadtgebiet Göttingen übergegangen sind, sollen auch in das Landschaftsschutzgebiet Leinetal aufgenommen werden, da sie auch im Zuständigkeitsbereich des Landkreises Göttingen unter Landschaftsschutz gestellt waren.

Im Zuge der Unterschutzstellung des europäischen ökologischen Netzes „Natura 2000“ ist das Flora-Fauna-Habitat(FFH)-Gebiet Göttinger Wald mit FFH-konformen Schutzgebietsverordnungen zu sichern. Hierzu wurde für das Naturschutzgebiet Bratental eine Neuabgrenzung unter fachlichen Gesichtspunkten gemäß der FFH-Richtlinie vorgenommen und die Naturschutzgebietsverordnung an diese Richtlinie angepasst. Darüber hinaus werden alle Waldbereiche des FFH-Gebietes ebenfalls mit einer Naturschutzgebietsverordnung gesichert. Die übrigen Teile des FFH-Gebietes werden mit einer neuen Landschaftsschutzgebietsverordnung belegt, die jedoch ebenfalls die Vorgaben der FFH-Richtlinie erfüllen wird. Die Verordnungen werden in der nächsten Sitzung des Umweltausschusses zur Beschlussfassung vorgelegt.

Welche seltenen Tierarten kommen im Stadtwald vor?

Mit der seit 2007 vom Rat der Stadt Göttingen beschlossenen NaturschutzgebietsverordnungStadtwald Göttingen und Kerstlingeröder Feld“ werden folgende Tierarten unter Schutz gestellt: Wildkatze, Fledermäuse, Holz bewohnende Großinsekten, zum Beispiel Juchtenkäfer oder auch Eremit genannt, Neuntöter, Wendehals, Mittelspecht und Grauspecht sowie stark gefährdete Schmetterlingsarten. Unter besonderen Schutz nach der Vogelschutzrichtlinie stehen der Rotmilan und der Mittelspecht sowie nach der FFH-Richtlinie der Kammmolch.

Wie wird im Göttinger Stadtwald kontrolliert, dass die Vorgaben für ein NSG eingehalten werden?

Es gibt stichprobenartige Kontrollen des Leinenzwangs sowie des Wegegebotes; insbesondere werden bauliche Anlagen von Mountainbike-Trails entfernt. Genehmigungsvorbehalte von Veranstaltungen, Kontrollen der Feldgehölz- und Offenlandpflege erfolgen durch die untere Naturschutzbehörde. Die Sicherstellung des Altholzbestands im Göttinger Wald erfolgt durch eine turnusmäßige Überarbeitung der Forstplanungswerke im Rahmen von Forstbetriebsgutachten und Kontrollstichproben.

Interview: Ulrich Meinard

Von Ulrich Meinhard

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