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Göttingen Thomas Buergenthal mit Edith-Stein-Preis ausgezeichnet
Die Region Göttingen Thomas Buergenthal mit Edith-Stein-Preis ausgezeichnet
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21:06 17.11.2019
Mary Heidhues, Wigbert Schwarze, Robert Buergenthal, Gabriele Braun, Heiner J. Willen (v.li.) bei der Preisverleihung. Quelle: Foto: Heller
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Göttingen

. Den Preis vergibt der Edith-Stein-Kreis Göttingen seit 1995 alle zwei Jahre. Er würdigt über nationale, konfessionelle und religiöse Grenzen hinweg Persönlichkeiten, Gruppierungen und Institutionen, die sich durch „Grenzüberschreitungen“ in ihrem sozialen, politischen und gesellschaftlichen Engagement ausgezeichnet haben. Er ist mit 5000 Euro dotiert.

Thomas Buergenthal, der einen Teil seiner Schulzeit in Göttingen verbracht hat und unter anderem am Gerichtshof in Den Haag tätig war, konnte den Preis nicht persönlich übernehmen. Auf Anraten seiner Ärzte hatte er auf den Flug über den Atlantik verzichtet. Dechant Wigbert Schwarze vom Vorstand des Edith-Stein-Kreis übergab die Auszeichnung an den ältesten Sohn, Robert Buergenthal.

Robert Buergenthal, Gabriele Braun bei der Presiverleihung, im hier im Hintergrund Dechant Wigbert Schwarze. Quelle: Peter Heller

Buergenthal wurde am 11. Mai 1934 in Lubochna, Tschechoslowakei, als Sohn einer Göttinger Mutter und eines aus Galizien stammenden Vaters geboren. Er begann seine Flucht vor den Antisemiten und Nazis als Vierjähriger im Jahre 1938, heißt es im Text der Preis-Urkunde. 1944 wurde er als Kind mit seinen Eltern ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert und dort von ihnen getrennt. Sein Vater starb 1945 im KZ Flossenbürg bei Regensburg.

Seine Mutter fand er 1946 in Göttingen wieder. Buergenthal ging hier auf das Felix-Klein-Gymnasium, 1951 wanderte er in die USA aus. Nach seinem Jura-Studium wirkte er an verschiedenen Universitäten als Professor und wurde Richter am Internationalen Gerichtshof in Den Haag.

Besondere Beziehung zu Göttingen

Auf Buergenthals besondere Beziehung zu Göttingen wies die Göttinger Kultur- und Sozialdezernentin Petra Broistedt hin. „Trotz all dessen, was ihm in Deutschland“ und von den Deutschen angetan worden sei, habe Thomas Buergenthal eine tiefe Verbundenheit mit Göttingen. Buergenthals Großeltern Paul und Rosa Silbergleit hatten in Göttingen ein Schuhgeschäft. Bereits ab 1933 waren sie Repressalien ausgesetzt, 1939 wurde ihre Wohnung geplündert und das Schuhgeschäft ausgeräumt, so Broistedt. Seine Großeltern starben im KZ Trebblinka.

Buergenthal habe nicht dem Hass und der Verbitterung nachgegeben, nicht nach Rache getrachtet. Er habe sich stets für Gerechtigkeit und Versöhnung eingesetzt. Rache sei immer irrational und gehe immer zu weit, hat Buergenthal einmal gesagt. Broistedt schloss ihr Grußwort mit der Mahnung, Nazi-Deutschland dürfe sich nicht wiederholen.

Inneren Kampf gewonnen

Bewegende Worte fand auch Katharina Seifert, Präsidentin der Edith-Stein-Gesellschaft Deutschland, in ihrer Laudatio. Buergenthal habe sich immer als Glückskind bezeichnet. 14 Ausnahmesituationen habe sie gezählt zwischen 1938 und 1945, Situationen, in denen es um Leben oder Tod für Buergenthal ging. Als jüngstes Kind habe Buergenthal mit 10 Jahren das KZ Auschwitz und den Todesmarsch im eisigen Januar 1945 zum KZ-Sachsenhausen überlebt. Er habe seinen inneren Kampf gegen Wut, Neid und Hass gewonnen. Die Erinnerung an das erste Leben sollte sein zweites Leben in den USA erhellen, ihm Bedeutung geben. Er habe den Teufelkreis von Hass und Gewalt durchbrochen. Was er als Kind erlebt hat, liege unter allem was der Richter Buergenthal später vertrat, so Seifert.

Buergenthal habe mit seinem hohen Engagement über staatliche Grenzen hinweg das Menschenrecht als allen Menschen zustehendes, universelles und unveräusserliches Recht zur Geltung verholfen.

Besondere Heldin

Dass er den Edith-Stein-Preis bekomme sei eine große Ehre, so Thomas Buergenthal. Seine Dankesworte verlas sein Sohn Robert. Edith Stein sei für ihn eine ganz besondere Heldin des Kampfes für die Wahrung der Menschenrechte. Sie sei eine außergewöhnliche Frau gewesen. Berührt hätten ihn auch die Parallelen im Leben ihrer beiden Familien.

Edith Stein

Edith Stein gehört zu den großen Frauengestalten des 20. Jahrhunderts. Stein, 1891 in Breslau geboren und 1942 in einem nationalsozialistischen Konzentrationslager ermordet, war eine deutsche Philosophin und Frauenrechtlerin, vor allem bekannt als katholische Ordensfrau jüdischer Herkunft. Sie wurde 1922 durch die Taufe in die katholische Kirche aufgenommen und 1933 Unbeschuhte Karmelitin. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde sie „als Jüdin und Christin“ zum Opfer des Holocaust.

Der Edith-Stein-KreisGöttingen wahrt und pflegt das Andenken an Leben und Werk Edith Steins unter anderem durch die Vergabe des Göttinger Edith-Stein-Preises. Der Preis wird seit 1995 alle zwei Jahre verliehen. Preisträger waren unter anderem Bischof Norbert Trelle und das Migrationszentrum für Stadt und Landkreis Göttingen, Prof. Rita Süssmuth, Bundestagspräsidentin a.D. und Henry G. Brandt, Landesrabbiner em.

Steins Schriftenwerkumfasst 25 Bände. Ihre Suche nach Wahrheit führte sie vom Studium in Breslau, Göttingen (1913 bis 1916) und Freiburg über Speyer, Münster, Köln und Echt (NL), bis sie 1942 in Auschwitz ermordet wurde.

Papst Johannes Paul II. sprach Edith Stein 1987 heilig.

Von Christiane Böhm

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